Viele gute Geschichten unter einem Dach
bodo blickt auf ein erfolgreiches Jahr und plant den nächsten Schritt
„Wir werden immer größer, jeden Tag ein Stück.“ – Ganz so wie im Kinderlied ist es nicht, tatsächlich ist 2011 jedoch ein besonderes Jahr für bodo: Noch nie waren so viele Menschen in unseren Räumen am Dortmunder Hafen beschäftigt. Von hier aus bringen wir Menschen in Wohnungen, beraten und helfen. Hier bilden wir selbst aus und qualifizieren oder vermitteln in Ausbildung und Arbeit.
Weil Sie unser Straßenmagazin kaufen, uns Bücher und Hausrat bringen, in unseren Läden einkaufen und unser Transport-Team beauftragen, können wir so vielen Mitarbeitern eine Perspektive geben.
bodos Bücher: Menschen auf den Weg bringen
„Allein auf weiter Flur“ ist lange her. Heute drängen sich an manchen Tagen zehn MitarbeiterInnen in den Büros, in denen wir noch vor zwei Jahren zu zwei oder zu dritt waren.
Wachstum bei bodo bedeutet natürlich etwas anderes als in den Börsennachrichten. Mit steigenden Einnahmen – zum Beispiel in unserem Projekt Buch – steigt nicht unser Gewinn, sondern es verbessern sich die Möglichkeiten, noch mehr Menschen eine Perspektive zu geben. Inzwischen koordiniert mit Suzanne Präkelt eine gelernte Buchhändlerin mit Ausbildungsbefugnis ein Dutzend MitarbeiterInnen.
Zum Beispiel Gordon Smith. Vor zwei Jahren baten wir unsere Leserinnen und Leser um Unterstützung. Mit Gordon hatten wir über das Netzwerk Nachsorge („nado“) einen Mitarbeiter gefunden, der viel von dem mitbrachte, was Unternehmen heute suchen: Perfekte Zweisprachigkeit, hervorragende Computerkenntnisse, eine leise, freundliche Art, Engagement. Was ihm fehlte: Zwölf Jahre in seinem Lebenslauf.
Mit einer Anschubfinanzierung der bodo-Leserschaft stellten wir Gordon als Vollzeitkraft ein, gefördert durch das Programm Jobperspektive. Die Förderung ist ausgelaufen – Gordon bleibt bei uns. Er betreut den Bereich der antiquarischen Bücher, in dem er sich ein beeindruckendes Fachwissen erarbeitet hat, und betreut – dankenswerter Weise – unser EDV-Netzwerk.
Dass Mitarbeiter dauerhaft bei uns bleiben, ist jedoch nicht die Regel. Ziel in allen Projekten ist es, Menschen Möglichkeiten zu eröffnen und sie bei den nächsten Schritten zu begleiten, ob das die eigene Wohnung ist oder der erste Arbeitsmarkt. Dabei fallen Abschiede oft schwer. Auch Lothar Schöps kam über die „nado“ zu uns und hat uns im September verlassen. Er schreibt uns:
„Hallo liebe bodo-Freunde,
ich habe vor über einem Jahr mal ein Praktikum bei bodo gemacht und von da an hatte ich so etwas wie eine zweite Familie in einer mir damals fremden Stadt. (…) Mir wurde die Chance gegeben, wieder eine Struktur in mein Leben zu bringen. Mit viel Einfühlungsvermögen haben die bodos mir zurück geholfen: Ich habe einen Weg eingeschlagen, den ich für unerreichbar gehalten habe, ich mache eine Umschulung zum Bürokaufmann. Danke das ich euch ein Stück vom Weg begleiten durfte.“
Stolz sind wir auch auf unsere beiden Auszubildenden. So stolz übrigens, dass sie in diesem Monat unseren Titel zieren. Stefanie Sievers und Sandra Gehring machen ihre Ausbildung zur Verkäuferin, Steffi im zweiten, Sandra im ersten Lehrjahr. bodo ist Kooperationsbetrieb und übernimmt die Praxis der Ausbildung, die wie bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bereichsübergreifend funktioniert. Steffi war maßgeblich an der Neugestaltung des Verkäufercafés beteiligt, gemeinsam mit Sandra zeichnet sie Ware im Second-Hand-Laden aus, betreut Verkäuferinnen und Verkäufer des Straßenmagazins, bearbeitet Buchbestellungen und berät Kunden.
Bei aller Vielseitigkeit ist es vor allem der Buchladen in Dortmund, den Steffi und Sandra „im Griff“ haben und neuen MitarbeiterInnen, ob in Praktikum, Einstiegsqualifizierung oder Zuverdienst genauso hilfsbereit gegenüber sind wie Buchkunden oder neuen Verkäuferinnen und Verkäufern des Straßenmagazins.
Besuchen Sie die beiden und ihre KollegInnen einmal in unserem Buchladen (und nehmen Sie den Einkaufsgutschein von Seite 18 mit).
Es gibt wirklich viel zu tun:

250 Aufträge in diesem Jahr – Transporte, Umzugshilfen, Wohnungsauflösungen. Dazu eine Kooperation mit dem CJD: Der Umbau von Süd- und Nordtribüne für jedes Champions-League-Spiel des BVB – eine harte Arbeit, die aber mindestens so stolz macht wie ein reibungslos abgeschlossener Umzug. Und zu guter Letzt: Die vielen Aufträge von bodo selbst, ob Renovierungsarbeiten, Transporte oder die Belieferung der zusätzlichen bodo-Ausgabestellen.
Auch hier geht es darum, Menschen zu begleiten, ihnen Hindernisse aus dem Weg zu räumen und ihnen neues Zutrauen in sich selbst zu geben. Wer bei uns morgens pünktlich um Viertel vor Acht seinen Kaffee in der engen Küche trinkt, um danach loszufahren und schwere Schränke oder ganze Stadionsitzreihen zu heben, der zeigt zweierlei: Ich will und ich kann.
Manchmal reicht allein das, um zukünftige Arbeitgeber zu überzeugen: Wie bei Kai aus Bochum, der über die Aushilfe in unserem Second-Hand-Laden zum Transport-Team kam und darüber zuletzt in eine unbefristete Stelle im ersten Arbeitsmarkt. (Herzlichen Glückwunsch!)
Nicht immer geht es so reibungslos. In jedem Fall hilft aber der Einsatz unserer Zuverdienstler, sich selbst und auch dem Jobcenter zu zeigen, dass sich jemand mit der „Diagnose“ Langzeitarbeitslosigkeit nicht abgefunden hat.
Oder die Alternativen zum Leben auf der Straße prüft: Olli, Tobi und „Blümchen“ sind drei neue Mitarbeiter im Team von Michael Tipp. Tobi ist 27, stammt aus Flensburg und hat dort eine Lehre als Bäcker abgeschlossen. Nach diversen Jobs bei unterschiedlichen Zeitarbeitsfirmen war er auf dem Weg nach Spanien, bis er in Dortmund hängen geblieben ist. Die letzten zwei Jahre Jahre hat er auf der Straße verbracht. Inzwischen hat er wieder eine eigene Wohnung. Wie lange noch, da sei er sich noch nicht sicher. „Aber es ist schon super, wenn du eine Tür hast, die du hinter dir zumachen kannst“, erzählt er.
Auch „Blümchen“, dem Dritten im Bunde, ist es ähnlich ergangen. Als sein Ausbildungsbetrieb in Konkurs ging, konnte er seine Lehre als Gas- und Wasser-Installateur nicht abschließen und bekam seine bereits abgeleistete Ausbildungszeit nicht angerechnet. Entmutigt von diesem Rückschlag fehlte die Kraft für einen zweiten Anlauf und er landete auf der Straße. Nach fast fünf Jahren Obdachlosigkeit wohnt er jetzt bei seiner Freundin.
Natürlich habe die Arbeit bei bodo auch negative Seiten. „Wenn du nen Keller entrümpelst, der so richtig vermodert ist, dann ist das schon widerlich“, klagt er. Aber solche Aufträge seien nicht die Regel und das Arbeitsklima würde vieles aufwiegen. „Die Leute hier sind schon alle ganz cool, und finanziell lohnt es sich auch.“
Die Frage, was sie sich für Ihre Zukunft wünschen, beantworten die drei ironisch: „Ein Haus, fünf Kinder und mich reich arbeiten bei bodo“, heißt es da mit einem Augenzwinkern. Doch wenn die drei auch an ihrem freien Tag auf einen Kaffee bei bodo vorbei schauen, macht es den Anschein als wäre die Arbeit vielleicht ein bisschen mehr als der Nebenjob, bei dem man sich ein paar Euro dazu verdient.
Das Straßenmagazin – Lesen ist helfen
Das Lied vom Immer-größer-werden passt beim Straßenmagazin bodo vor allem geografisch. Während wir z.B. in Witten noch nach Partnern suchen, haben wir bereits jetzt mit neuen Ausgabestellen in Herne und Unna, fünf Öffnungstagen in Bochum und einer 7-Tage-Versorgung in Dortmund eine bessere Abdeckung denn je.
Mit Oliver Philipp haben wir einen neuen Mitarbeiter, der den Vertrieb der Zeitung koordiniert. Dabei geht es jedoch um weit mehr als um die Frage, wie Zeitungsstapel von A nach B kommen. Es sind vor allem die Probleme unserer Verkäuferinnen und Verkäufer, derer Olli sich annimmt. Ämterfragen, Beratungstermine, die Koordination der Verkaufsplätze und die Kontakte in die Hilfenetzwerke in immerhin vier Städten. Nicht zuletzt wirbt Olli auch bei Menschen auf der Straße, den kalten Platz auf dem Boden gegen die rote bodo-Jacke einzutauschen: „Wir freuen uns über jede neue Verkäuferin und jeden neuen Verkäufer. Wer arm oder wohnungslos ist und bereit, sich an unsere Regeln zu halten, ist uns herzlich willkommen.“
Die Geschichten unserer zur Zeit knapp 90 Verkäuferinnen und Verkäufer könnten Bände füllen. Für manche ist jeder Tag ein Kampf. Sie wissen morgens nicht, wo sie abends schlafen oder wie sie über den Tag kommen. Im letzten Jahr noch schlief René im bitterkalten Dezember unter dem Stahlgerüst des monströsen Dortmunder Weihnachtsbaums, während die Glühweinstände sich leerten, wenn die Gäste dort kalte Füße bekamen.
Für andere ist das Straßenmagazin eine Stütze und Bedingung ihrer Stabilisierung. Wieder eine Wohnung zu haben kann auch heißen, dass einem die Decke auf den Kopf fällt. Viele unserer ehemals obdachlosen Verkäuferinnen und Verkäufer bleiben bei uns, um einen Halt zu haben, den Kontakt zu ihren Kundinnen und Kunden und zu uns.
Frank war obdachlos und verlor auf der Straße durch einen schweren Unfall beide Unterschenkel. Er kämpfte sich zurück ins Leben, und wer ihn heute sieht, würde ein solches Schicksal nie vermuten. Frank bewegt sich mit seinen Prothesen beinahe uneingeschränkt, hat eine Wohnung und einen Hausmeisterjob, und samstags trifft er seine Stammkunden in der Wattenscheider Fußgängerzone, „denn die warten doch auf mich“.
Und die paar Euro kann er auch ganz gut gebrauchen, denn für die Zuzahlung zum Zahnersatz reichte es nicht. Als er im Interview erzählte, dass er seine lose Zahnprothese – ganz Heimwerker – regelmäßig mit Sekundenkleber befestige, meldeten sich mehrere Leserinnen und Leser, mit dem Ergebnis, dass Frank inzwischen wieder lächeln kann. Wir sollen uns ganz herzlich bei allen auch hier im Heft bedanken, hat er uns eingeschärft.
Bei anderen, wie unserem wohl bekanntesten Dortmunder Verkäufer Günter, kommt plötzlich Bewegung in die Arbeitsbiografie. Auch er kann heute noch seinen Schlafplatz unter einer Kanalbrücke zeigen, hat aber längst eine Wohnung und ist verheiratet. Nur wirklichen Erfolg bei der Jobsuche hatte er nicht – die Lücke im Lebenslauf war zu groß. Seit zwei Monaten arbeitet Günter bei dem großen Buchversender, der in Werne ein neues Lager errichtet hat. Die in der Tagespresse kritisierten Ausbeutungsvorwürfe kann er zwar bestätigen, doch was für ihn zählt, ist die Chance, wieder anzukommen im Berufsleben. Sein Vertrag ist befristet, und noch lässt er sich seine bodo-Runde nicht nehmen. Wir jedenfalls drücken die Daumen...
Einer der Jüngsten bei uns ist Matthias, 21, der im letzten Jahr aus einer Drückerkolonne floh und auf der Straße landete. Er rutschte in die Drogenszene ab und kam irgendwann zu uns. Er bekam erst einen Platz in einem Wohntraining, später in einer Maßnahme, in der er Autos restauriert. Jeden Tag nach Feierabend kommt er nun zu uns auf einen Kaffee und hilft bei der Post oder im Buchladen. Abends geht er manchmal noch für eine Stunde das Straßenmagazin verkaufen. Denn aus seiner Drückerzeit ist noch ein Bußgeld offen. Und dass möchte er so schnell wie möglich abbezahlen.
Mit Ihrer Hilfe gemeinsam weiter – bodo zieht um
Längst ist der Verein mit seinen Arbeitsbereichen und all seinen Geschichten aus den alten Räumen am Hafen herausgewachsen. Wir teilen uns Schreibtische im „Schichtdienst“, telefonieren auf dem Flur und halten Dienstbesprechungen im Stehen ab.
Es ist jeden Tag schön zu sehen, wie wir die unterschiedlichsten Menschen unter einem Dach versammeln und Übergänge schaffen statt zu trennen. Doch dieses Dach ist inzwischen zu klein.
Dazu kommt, dass wir inzwischen den Eindruck haben, es uns und anderen unnötig schwer zu machen mit unserer Randlage ohne Parkplätze vor der Tür.
Wir möchten umziehen in Räume, die unsere Verkäufer zu Fuß erreichen können. In Räume, die für unsere Kunden, Spender und für alle Interessierten offen stehen, in denen man und frau einfach mal vorbeischaut, Bücher bringt oder kauft, Fragen stellt oder Ideen mitbringt.
Unser Wunsch ist ein Dach, unter dem Platz ist für uns alle. Dafür brauchen wir Ihre Hilfe.
Dem aktuellen Straßenmagazin liegt ein Spendenbrief bei.
Unsere Kontodaten finden Sie hier.


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