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Ganz schlechtes Timing

Autor bp am Sonntag, 05 Februar 2012. Veröffentlicht in bodo blog

Während in ganz Europa Obdachlose erfrieren, plant Bochum die Schließung der Wattenscheider Übernachtungsstelle

Bochum ist pleite. Darüber besteht wenig Diskussionsbedarf. Spannender ist die gefühlt Monate dauernde Diskussion um „Haushaltskonsolidierungsvorschläge“. Die ist erst einmal positiv: Es gibt keine Tabus. Alles darf auf den Prüfstand und niemand ist sicher vor noch so abstrusen Streichvorschlägen. Sogar Volkes Wille darf sich artikulieren. Bürger Reinhard G. etwa schlägt die Senkung der Innentemperatur des Schauspielhauses um zwei Grad vor, zur Deckung der Defizite.
Während solcher Quatsch Bochum wohl nicht retten wird, sind andere Vorschläge nicht weniger als gefährlich:

„Es ist geplant, die Übernachtungsstelle ,Swidbertstraße' in Bochum-Wattenscheid zu schließen und gleichzeitig die Übernachtungsmöglichkeiten in der Übernachtungsstelle ,Am Stadion 5 a' zu erweitern. Hierdurch werden Investitions- und Mietkosten eingespart.“

Der Vorschlag selbst ist ein Skandal. Während in ganz Europa an den kältesten Tagen des Jahres Menschen erfrieren, plant Bochum, einen Teil seiner Obdachlosen vor die Tür zu setzen. Die Übernachtungsstelle der Diakonie in Wattenscheid wurde auf Anregung der Stadt eingerichtet, Ziel war, für die im öffentlichen Raum schlafenden Obdachlosen sichere Übernachtungsmöglichkeiten zu schaffen, ja, und auch Kältetote zu verhindern.

Das unermüdliche Engagement der Wohlfahrtsverbände und der freien Träger, integrierte Hilfen der Kommune und ihrer Partner und – als „äußerer“ Faktor – ein entspannter Wohnungsmarkt, haben in Bochum und auch in Dortmund eine Situation geschaffen, die sich deutlich unterscheidet von den z.T. katastrophalen Zuständen Mitte der 90er Jahre oder denen in Städten wie Düsseldorf oder Hamburg. In Bochum schläft nicht mehr auf jedem Lüftungsschacht ein Obdachloser, wir haben keine Kältebusse, die nachts Menschen vor dem Erfrieren retten müssen. Es gibt Hilfen, die greifen – nebenbei häufig bezahlt mit Spenden und freiwilliger Arbeit.

Zu diesen Hilfen gehört die Wattenscheider Einrichtung. Sie verknüpft Übernachtung, Tagesaufenthalt, medizinisches Angebot und Beratungsstelle zu einem modernen, stadtteilorientierten Angebot unter einem Dach. Dieses Konzept erlaubt es, auf die unterschiedlichen Problemlagen vor Ort einzugehen und direkte Hilfen aus einer Hand anzubieten. Die Übernachtungsstelle ist integraler Teil dieses Konzepts. Ihre Auslastung von 55 Prozent im Jahresmittel zeigt den weiterhin bestehenden Bedarf. Also worüber reden wir?

Die Idee, funktionierende Hilfen abzuschaffen, weil sie erfolgreich sind, lässt an der Kompetenz der Ideengeber zweifeln. Nachdem vor zehn Jahren richtigerweise dezentrale Angebote eingerichtet wurden, soll nun der Obdachlose aus Wattenscheid – ein Sozialticket, das seinen Namen verdient, gibt es nicht – auf einen zehn Kilometer langen Fußmarsch zur Übernachtungsstelle am Stadion geschickt werden. Das erscheint praxisfern und zynisch: Zurück auf die Lüftungsschächte.
Den Vorschlag ausgerechnet an den kältesten Tagen des Jahres einzubringen, lässt jedes Taktgefühl vermissen.

Wir fordern den Rat der Stadt Bochum auf, von den Plänen Abstand zu nehmen, die Übernachtungsstelle Wattenscheid zu schließen.

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