3. Februar 2015 |

Wir feiern die #VendorWeek mit der jüngsten Straßenzeitung der Welt

Inmitten der farbenfrohen Märkte, historischen Plätze und riesigen Kathedralen von Mexiko-Stadt leben tausende Menschen auf der Straße. Viele hatten ihr ganzes Leben lang noch kein Zuhause – einige gehören bereits der dritten Generation einer Familie an, die in die Obdachlosigkeit hineingeboren wird. In dieser herausfordernden und gefährlichen Umgebung versucht eine Gruppe von sechs jungen Frauen – inspiriert von INSP und „The Big Issue“ – den Kreis der Armut mit der jüngsten Straßenzeitung der Welt zu durchbrechen: „Mi Valedor“. Sie erzählen INSP, wie sie das Projekt auf den Weg gebracht haben, und wie sie planen, dem Gang-Problem in Mexiko-Stadt zu begegnen. – Von Laura Kelly

Zwischen den bunten Märkten, historischen Plätzen und eindrucksvollen Kathedralen leben Zehntausende von Obdachlosen auf den Straßen von Mexico City. Viele von ihnen haben ihr ganzes Leben keine Wohnung gehabt, einige sind bereits in dritter Generation ihrer Familie obdachlos. Die Möglichkeiten, aus dem Kreislauf der Armut auszubrechen, sind begrenzt, und die geschätzten 40% der Bevölkerung Mexikos, die in Armut leben, sind gewalttätigen Banden ausgesetzt.

In diesem schwierigen Umfeld leitet die 26jährige Künstlerin Maria Portilla ein Team von sechs mutigen Frauen, die alle Mitte zwanzig und neu in der Zeitschriftenbranche sind. Zusammen bringen sie in ihrem Heimatland die erste Straßenzeitung auf den Markt: Die erste Ausgabe von Mi Valedor wird in diesem Monat veröffentlicht und schließt sich den 114 ähnlichen Projekten an, die bereits INSP (International Network of Street Papers) angehören.

“Mexico City braucht eine Straßenzeitung”, sagt Maria. “Es gibt hier Großeltern, die obdachlos geboren wurden und schon ihr ganzes Leben lang ohne Wohnung sind. Es gibt nur sehr wenige Organisationen und kaum Gesetze der Regierung, die sich für Obdachlose einsetzen. Die Regierung hat nicht einmal eine genaue Zahl der Obdachlosen hier im Land. Obdachlose sind hier extrem ausgegrenzt, ihnen wird kaum Aufmerksamkeit geschenkt und es gibt so gut wie keine Einrichtungen für sie. “

Mi Valedor ist von Marias Besuch bei der Zeitung The Big Issue in Großbritannien inspiriert, und wurde vom INSP-Programm unterstützt, das jungen Straßenzeitungen hilft. Die erste Ausgabe der Zeitung erscheint im Monat von INSPs jährlicher Verkäuferwoche “#VendorWeek”, in der sich alles um die 14.000 Männer und Frauen dreht, die Straßenzeitungen verkaufen, um ihre Lebensverhältnisse zu verbessern. Die internationale #VendorWeek findet vom 2. – 8. Februar statt und beinhaltet Veranstaltungen mit prominenten Gästen, die auf die Straße gehen, um Zeitungen zu verkaufen. Außerdem werden Spendenaktionen durchgeführt, um warme Kleidung für die Verkäufer bereitzustellen, es werden Kunstaustellungen angeboten, und das Event wird weltweit über soziale Medien gefeiert.

In der mexikanischen Umgangssprache bedeutet Mi Valedor “mein Freund”, aber Maria erklärt, dass die Bedeutung für sie und ihr Team vielmehr “so etwas wie 'mein Beschützer' oder 'jemand, der auf mich aufpasst'” ist. Und genau das ist es, was die Straßenzeitung für die Verkäufer sein soll.
Maria und ihr Team, das sich aus den Jugendfreundinnen Mariana Patrón, Paula García, Regina Rivero Borrell und Ana Nieto sowie der Fotografin Delphine Tomes von der britischen Insel Jersey zusammensetzt, sind bei Mi Valedor für alle Aufgaben verantwortlich, vom Finden und Festlegen von redaktionellem Inhalt und Illustrationen bis hin zum Vertrieb der Zeitung und der Zusammenarbeit mit den Verkäufern.

Zusammen mit der katholischen Wohltätigkeitsorganisation für Obdachlose La Carpa (“Das Zelt”) haben sie bereits zehn Verkäufer eingestellt. Sie hoffen, dass diese Zahl sich bald erhöht, und erhalten Unterstützung von Street Soccer Mexico, einer lokalen Organisation, die jedes Jahr ein Team für die Straßenfußball-WM bereitstellt.

In den letzten Wochen haben die Frauen die zukünftigen Verkäufer von Mi Valedor kennengelernt. Für ihr Büro haben sie eine kreative Gegend gewählt und hoffen so, ihre Verkäufer in die Gemeinschaft dort zu integrieren. Vor kurzem haben sie für die Gruppe einen Strickworkshop organisiert. “Dabei sind wirklich schöne Dinge entstanden”, sagt Maria.
“Alle diese Menschen leben schon seit sehr vielen Jahren auf der Straße. Drei von ihnen sogar ihr ganzes Leben lang, seit ihrer Kindheit”, fügt sie hinzu.

“Einer unserer Verkäufer hat sich mit Diebstählen durchgeschlagen. Er war eine Zeitlang im Gefängnis, aber jetzt möchte er ein aufrichtiges Leben führen. Ein anderer hat Bauingenieurwesen studiert, wurde dann aber psychisch krank, und so landete er auf der Straße. Heute geht es ihm besser, und er möchte sein Leben wieder in den Griff bekommen und das Studium wiederaufnehmen.”

Auch wenn die Gründe für ihre Obdachlosigkeit unterschiedlich sind, so verbindet die Verkäufer doch eine gemeinsame Sache: Sie möchten alle aus der Obdachlosigkeit heraus und weg von der Straße. “Sie möchten dort nicht mehr sein”, sagt Maria.

Mi Valedor-Verkäufer Angel Valencia, 53, stimmt dem zu. “Heute bin ich aufgewacht mit der Motivation, weiterzumachen und nicht mehr dahin zurückzukehren, wie es einmal war”, sagt er. “Ich habe durch das Leben auf der Straße viel gelernt; man kann sich dort leicht selbst verlieren, in der Sucht, ohne Arbeit, und einfach nur herumziehen. Heute ist es bei mir anders. Statt Streit zu suchen oder mit den Leuten zu trinken versuche ich jetzt, Dinge zu verbessern. Arbeit ist das, wonach ich gesucht habe. “

Foto: Maria Portilla

Wie alle Verkäufer von Mi Valedor hat auch Miguel Angel La Carpa-Programm durchlaufen, in dem Obdachlosen geholfen wird, Struktur in ihr Leben zu bringen, um so ihre sozialen Fähigkeiten wiederzuerlangen und sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. “Ich bin seit vier Jahren bei La Carpa”, erklärt er. “Seit ich dabei bin, habe ich mein Leben in vielerlei Hinsicht verbessert. Ich bin gerade dabei, mein Studium abzuschließen. Ich schreibe und zeichne gerne.”

“Ich unterhalte mich auch sehr gerne. Unterhaltungen fehlen einem [wenn man obdachlos ist].”
Zur Zeit stellt Mi Valedor seine Verkäufer über anerkannte lokale Obdachlosen-Wohltätigkeitsorganisationen ein, statt sie direkt auf der Straße anzuwerben, um sich vor dem andauernden Problem der Bandengewalt in Mexico City zu schützen.

“Wir sind besorgt”, gibt Maria zu. “In Mexico City gibt es eine Straßenmafia. Auf der Straße wird alles verkauft, und es gibt sehr viel Armut und mangelnde Möglichkeiten. Wenn Leute auf der Straße etwas verkaufen möchten, sind sie mit einer Person konfrontiert, die diese Straße kontrolliert. Sie müssen diese Person dann bezahlen, um etwas auf der Straße verkaufen zu dürfen. “

“Die Leute vom Straßenfußball haben uns vorgewarnt, dass wir damit rechnen müssen. Vielleicht gibt es Leute, die uns sagen: “Ich will euch in meiner Straße nicht haben. Wenn ihr mir nichts bezahlt, bringe ich euren Verkäufer um.” Es ist hart. Die Straßen in Mexiko sind so – es ist ein Dritte-Welt-Land.”

Maria räumt zwar ein, dass das Mi Valedor-Team besorgt um seine Verkäufer ist, sagt aber auch, dass die Gruppe um ihre eigene Sicherheit keine Angst hat. “Vielleicht liegt es daran, dass ich schon mein ganzes Leben lang so lebe, ich kenne all diese Dinge schon seit langem. Ich hatte Glück, bisher ist mir nichts passiert. Ich bin guter Dinge. Aber um ehrlich zu sein, müssen wir sehen, wie es läuft. Ich hoffe, dass sich alles gut entwickelt.”

Maria stammt gebürtig aus Mexico City, hat schon viel von der Welt gesehen und an der Londoner Kunsthochschule Camberwell Malerei studiert. Sie sagt, dass sie Glück hatte, unter so guten Voraussetzungen aufzuwachsen. Dass nicht jeder soviel Glück hat, wurde ihr zum ersten Mal mit acht Jahren bewusst, als ihre Mutter sie in ein Kinderkrankenhaus für Brandwundenopfer mitnahm, wo sie als Freiwillige arbeitete. “Ab dem Zeitpunkt wurde mir klar, dass ich sehr privilegiert war, vor allem in einem Land wie diesem, wo es so viel Armut gibt. Ich hatte eine unglaublich gute Kindheit und bin dafür sehr dankbar.”

Bis heute hat Maria besonders großes Mitgefühl mit den vielen obdachlosen Kindern in ihrer Stadt. “Ich liebe Kinder”, sagt sie. “Es gibt in Mexiko sehr viele Kinder, die auf der Straße aufwachsen. Man ist mit dieser Realität konfrontiert. Ihre Mütter nehmen Drogen, und die Kinder werden sehr schlecht behandelt. Ich tue das hier also insbesondere für die Kinder, denn als Erwachsene folgen sie dem, was ihre Eltern ihnen vorgelebt haben. Es ist den Kindern gegenüber einfach nicht fair. Sie sind der Grund, aus dem ich anfing, mich für diesen Bereich zu interessieren. Auch wenn wir ihnen nicht direkt helfen, so helfen wir doch dabei, den Kreislauf zu unterbrechen.”
Marias Enthusiasmus ist so groß, dass er sich sogar in einem Gespräch über Skype sofort überträgt. Ohne Frage ist es dieser Antrieb, der Mi Valedor so weit gebracht hat, dass jetzt trotz aller Widrigkeiten neue Wege in Mexiko gegangen werden. Auch ohne journalistische Erfahrung hat sie es geschafft, dass die Menschen an sie glauben.

Zunächst waren es ihre Freundinnen, die sich dem Ziel verschrieben haben, Mi Valedor zu einem erfolgreichen Projekt zu machen. Nachdem sie Maria getroffen hatte, während beide gerade in Barcelona zu Besuch waren, zog Delphine von ihrer Heimat Großbritannien nach Mexiko um, um bei dem Projekt mitzumachen. “Es zog mich nach Mexiko”, sagt Delphine, und fügt zu ihrem Geburtsort Jersey hinzu: “Nachdem ich auf einer so kleinen Insel aufgewachsen war, sehnte ich mich nach Chaos.”
Als das Team seine Arbeit aufnahm, sicherten sie sich Hilfe von Angestellten anderer Zeitschriften vor Ort, darunter die große Zeitschrift Mexicanisimo, die den Frauen mit Rat zur Seite stand. Lokale Wohltätigkeitsorganisationen glaubten an das Projekt und daran, dass es ihren Klienten die Arbeitsstellen beschaffen würde, die sie brauchen. Mit Einnahmen von 381.160 MXN (ca. 21.764 EUR) lag das Ergebnis von Mi Valedors Crowdfunding-Aktion vor Weihnachten weit über den Erwartungen. Als nächster Schritt muss jetzt die Öffentlichkeit zum Kauf der Zeitung animiert werden.

Trotz der erfolgreichen Entwicklung sagt Maria überraschenderweise, dass sie niemals damit gerechnet hätte, selbst diejenige zu sein, die die erste Straßenzeitung nach Mexiko bringt. “Ich war nur so begeistert von The Big Issue”, sagt sie. “Als ich aus Großbritannien zurück nach Mexiko kam, habe ich erstmal nur Leuten aus der Zeitschriftenbranche davon erzählt und ihnen gesagt: 'Ihr müsst Euch das ansehen! Es ist wirklich gut, und wir brauchen so etwas in Mexiko'. Sie fanden die Idee auch alle gut, aber keiner hatte genug Interesse, um selbst so etwas ins Leben zu rufen. Dann habe ich Maree Aldam, die Geschäftsführerin von INSP, angerufen, und sie hat mich ermutigt, es selbst in die Hand zu nehmen. Also beschloss ich, es zu probieren.”

www.street-papers.org/INSP
Übersetzt von Andrea Hoffmann