1. März 2017 | Kommentar | age

"Wie skrupellos!"

Foto: Polizei Bochum

Mit dem Betteln ist das so eine Sache. Meistens die, dass ich mich gut fühlen kann, weil ich jemandem Hilfe leiste, der mich bittet. Immer in der Voraussetzung, dass dieser Mensch braucht, was ich ihm gebe, und etwas Gutes damit tut. Ob es tatsächlich so ist – wann interessiert das?

Es interessiert, wenn das Bild schief hängt. Wenn der Obdachlose sich statt des Bio-Obstes ein Bier kauft oder der gehbehinderte Bettler gar keine Behinderung hat. Die Polizei Bochum konnte neulich ein Exempel statuieren. „Wie skrupellos! Bettler täuscht Extrembehinderung einfach vor“, titelte sie in einer Pressemitteilung. Ein Mann hatte in der Innenstadt um Geld gebettelt – und, weil er eine Fußfehlstellung hatte, „durchaus erfolgreich!“ Die „diensterfahrenen Beamten“ rochen den Braten natürlich sofort und witterten eine „ganz üble Betrugsmasche“. Und sie hatten Recht: Die „Extrembehinderung“ war gar nicht echt. Die Empörung war groß. „Krass!“, liest sich in der amtlichen Mitteilung, die von WAZ bis Rheinischer Post fast wortgleich übernommen wurde.

Die Polizei Bochum ist eine dem NRW-Innenministerium unterstellte Behörde, das Neutralitätsgebot und der Verzicht auf wertende Aussagen gilt auch für sie. Dass immer mehr Polizeipressestellen für ein gutes Storytelling darauf pfeifen, ist das eine. Dass die Bochumer Polizei der Geschichte implizit eine Ebene hinzufügt – wenn das Gebrechen des Mannes nicht echt ist, ist es seine Armut sicher auch nicht – das Andere.

Und noch etwas wird mitgeliefert. Denn die betrügenden Bettler, die Organisierten, die Banden, und die, die sich mit abgetrennten Gliedmaßen in der Fußgängerzone bewegen, die kommen von woanders her. Nicht aus Deutschland. Das weiß man ja. Und „Bild“ sagte es auch, passt ja. Das macht den Betrüger aus Bochum gleich noch dreister, noch skrupelloser. Dazu noch „eine Leserin (46) aus Dortmund: ,Unfassbar. Der bringt alle Menschen in Misskredit, die wirklich unsere Hilfe brauchen.‘“

Der Bettler darf die Innenstadt Bochums übrigens nicht mehr betreten und hat eine Strafanzeige (!) bekommen wegen der „Vortäuschung eines Gebrechens, um Geld zu erhalten“. In manchen Städten wie Essen oder Offenbach – Bochum gehört nicht dazu – wird das als aggressives Betteln und somit als Ordnungswidrigkeit eingeordnet. Den Bestand einer Straftat erfüllt es allerdings nicht. Krass.