29. November 2012 | Straßenmagazin | Neues von bodo | Soziales |

Weihnachten auf der Straße

Der einsetzende Winter, die Geschichte vom jungen Paar auf der Suche nach einer Herberge, die Zeit der Spenden und Spendenappelle – in der Weihnachtszeit rücken die Menschen auf der Straße kurz in die Scheinwerfer der medialen Aufmerksamkeit. Zwei Dinge sind uns dabei wichtig: Obdachlosigkeit ist das ganze Jahr über eine schwere Last und ein Skandal zugleich. Und: Es gibt Hilfen, die den Weg „abwärts“, der in der Obdachlosigkeit endet, nicht zu einer Einbahnstraße werden lassen. Seit vielen Jahren gibt es in unseren Städten professionelle, spezialisierte Angebote und aufopferungsvolles freiwilliges Engagement – das ganze Jahr hindurch. Auch zu Weihnachten werden Menschen auf der Straße nicht alleingelassen.

Zu keiner anderen Zeit im Jahr sind so viele Menschen gleichzeitig zu Hause, und zu keiner anderen Zeit wird dieses Zuhause so schmerzhaft vermisst, wenn es fehlt. In den Übernachtungsstellen für Wohnungslose versuchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Gästen in ihren schwierigen Lebensumständen so viel Normalität wie möglich zu bieten – und dazu gehört auch Weihnachten, auch wenn keine Familie wartet und die Mittel beschränkt sind. In den Stellen für junge Wohnungslose SchlafAmZug in Bochum und SleepIn in Dortmund warten kleine Geschenke, Tee und Kekse auf die Übernachtenden. Jörn-Peter Hülter von der Dortmunder Männerübernachtungsstelle verspricht: „Unsere Bewohner kriegen eine Süßigkeitentüte und wir haben einen geschmückten Baum.” Bei „Dach über dem Kopf“, der Übernachtungsstelle in Lünen, ist ein Heiligabendessen in der Übernachtungsstätte und eine Weihnachtsfeier im Vereinssitz geplant, sagt Pfarrer Ulrich Klink.

Eine Parkbank ist kein Bett

Doch Vorrang hat, wenigstens einen warmen Ort für die Nacht anzubieten. Der übrigens zur Verfügung steht. Wenn es richtig kalt wird, werden zusätzliche Schlafplätze geschaffen, niemand wird hinaus in die Kälte geschickt. Dabei bilden die Übernachtungszahlen der das ganze Jahr über gut ausgelasteten Stellen nur die Spitze des Eisbergs. Nur ein Teil der Obdachlosen findet den Weg in die Einrichtungen – sei es aus Angst, Scham oder aufgrund von Vorurteilen. Dabei hat zum Beispiel die freundlich wirkende Männerübernachtungsstelle in Dortmund eher Ähnlichkeit mit einer Jugendherberge. Auch wenn man das geräumige Vierbettzimmer nicht unbedingt mit einfachen Zimmernachbarn teilt: Die Zimmer sind sauber, die Spinde verschließbar und die Wertsachen sicher im Safe – auch wenn auf der Straße ganz andere Geschichten erzählt werden.
Durch gegenseitige Hilfe und Notlösungen gelingt es vielen, dem Schlafen in eiskalten Grünanlagen oder Abbruchhäusern zu entgegen. Einige unserer Verkäufer, die inzwischen Wohnungen haben, nehmen Kollegen auf. Andere finden Schlafplätze auf Sofas und Teppichen, mal bei großzügigen Gastgebern, mal gegen Bezahlung. Es gibt weiterhin keine Bundesstatistik, und auch in den Städten sind wir auf Schätzungen angewiesen. Durch die Neuzuwanderer aus Bulgarien und Rumänien ist die Situation noch unüberschaubarer geworden. Niemand weiß, wie viele Menschen tatsächlich auch im Winter draußen schlafen. Kältebusse wie in anderen Städten, die Obdachlose an ihren Schlafplätzen versorgen, gibt es bei uns nicht, und auch aufsuchende Angebote sind noch rar. Dabei ist für schlecht ausgestattete Menschen das Schlafen im Freien bei Frost lebensgefährlich. Immer noch denken wir mit Schrecken an unseren Verkäufer, der im eiskalten vorletzten Advent unter der Gerüstkonstruktion des Dortmunder Weihnachtsbaums schlief.

Von Keksen und Gänsen

Alfons Wiegel von der Dortmunder Tageseinrichtung Gast-Haus freut sich, den Gästen wie jedes Jahr etwas Besonderes bieten zu können: „Am 1. Weihnachtstag gibt es die traditionelle Gänsekeule mit Rotkohl und Klößen. Vorher eine Suppe und nachher ein Dessert. Am Silvestertag gibt es dann unseren kulinarischen Jahresausklang: Hähnchenkeule mit Beilage. Außerdem haben wir am Montag vor Heiligabend, dem 17.12. ein Weihnachtssingen mit Straßensängern.”
Ähnlich traditionell geht es bei der Weihnachtsfeier für Wohnungslose der Diakonie Ruhr in Bochum zu. Rotkohl und Klöße steht auf dem Wunschzettel vieler Gäste, „kulinarisch Exotisches kommt da eher nicht so gut an”, sagt Gerlinde Fuisting, Leiterin der Wohnungslosenhilfe. Bei traditionellen Weihnachtsessen der Diakonie in Dortmund finden am Heiligabend bis zu 150 Menschen im Reinoldinum direkt neben unse- rem Vereinssitz Platz. Weil die Nachfrage so groß ist, werden in der Woche vor Weihnachten Eintrittskarten an die Besucher und Klienten der Diakonieeinrichtungen verteilt. „Dazu kommen die Weihnachtsfeiern in den verschiedenen Diakonie-Einrichtungen“, betont Barbara Köster von der Diakonie. Der Brückentreff, unsere Ausgabestelle in der Nordstadt, feiert am 23.12. mit allen Besuchern.
Bei bodo bekochen wir alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am 14. Dezember – und Geschenke wird es auch geben. Viele unserer Verkäufer nutzen gleich mehrere der bestehenden Angebote. Wie auch zu den anderen Jahreszeiten gibt es aufeinander abgestimmte Hilfen, oft verbunden mit dem unkomplizierten Zugang zu Beratung und Krisenhilfe. Denn für die meisten ist Obdachlosigkeit kein Lebensstil und viel eher Symptom als das eigentliche Problem. Tiefe persönliche Krisen, Schulden, Sucht- oder psychische Erkrankungen führen dazu, dass „nichts mehr geht“, auch nicht das Halten der eigenen Wohnung. Beratungsund Krisenangebote sind deshalb auch oft noch am Heiligabend zugänglich.

Obdachlosigkeit kennt keine Feiertage

Für viele Hilfseinrichtungen gilt andererseits: Das Besondere ist schon, dem unveränderten täglichen Bedarf gerecht zu werden. Die Versorgungseinrichtungen, Anlauf- und Beratungsstellen müssen sich in erster Linie bemühen, die Kontinuität ihrer Angebote sicherzustellen, denn Obdachlosigkeit kennt keine Feiertage und keine Urlaubszeiten.
Die Tageseinrichtungen, mit denen wir kooperieren, sind das ganze Jahr über auch am Wochenende geöffnet, denn vor allen an Sonntagen sind sie besonders wichtig. In den sonst wie ausgestorben scheinenden Städten öffnen sie Räume, in denen Wohnungslose sich aufwärmen können und einen Teil der Zeit mit anderen verbringen können.
Weihnachten und der Jahreswechsel sind wie eine Reihe von Sonntagen. Die Feiertage werden lang, nicht nur für diejenigen, die draußen schlafen müssen. Einsamkeit und die nicht vergehen wollende Zeit sind an diesen Tagen noch schwerer auszuhalten, sagen uns auch unsere Verkäufer.
Die Suppenküchen, die das ganze Jahr hindurch der großen Nachfrage Herr werden müssen, öffnen auch an den Feiertagen, Tageseinrichtungen wie unsere Ausgabestelle bei der Caritas in Unna oder der Mittagstisch in Wattenscheid sind ebenfalls geöffnet. „Zwischen den Jahren“ machen zwar unsere weiteren Beschäftigungsprojekte Pause, für unsere Verkäufer bleibt die Tür jedoch offen. Die Januarausgabe des Straßenmagazins, heißen Tee und Kaffee erhalten unsere Verkäufer an Silvester – für die meisten von ihnen ist auch dieser ein ganz normaler Tag.