26. Mai 2015 | Kommentar |

Warum „SS-Siggi geht zur Tafel“ für uns keine Nachricht war

Vor einigen Wochen erfuhren wir, dass Siegfried Borchardt, Kreisvorsitzender der Partei „Die Rechte“, im Besitz eines sogenannten Tafelausweises ist – und dass er eine Sympathisantin als „Bringdienst“ unterhält. Eine Nachricht war das für uns nicht.

Jenseits der Häme über den alternden Hool Borchardt, der sich vom gefürchteten Schläger zum bedürftigen Maskottchen der mehrheitlich jungen Kameradschaftsszene herabgewirtschaftet hat, ist an der Meldung wenig Interessantes.
Andersherum: Was sagt der Spott über eine Gesellschaft, in der Millionen Menschen auf freiwillige Transferleistungen einer NGO angewiesen sind, weil staatliche Versorgungsleistungen nicht mehr zum Leben reichen?

Das ideologische Programm der Neonazis – sei es von Borchardts verflossener FAP oder der aktivistischen Schein-Partei „Die Rechte“ – ist Umsturz, nicht Aufstieg. Unabhängig von der zugegeben traurigen Gestalt Borchardt entscheiden sich in ganz Deutschland Mitglieder von Kameradschaften für das quasi-leninistische Modell des „Berufsrevolutionärs“ und tauschen Erwerbsarbeit für das verhasste System gegen staatliche Leistungen, Tagesfreizeit und Spielräume für Aktivismus. Daran ist nichts Witziges.

Dass der Staat – oder seine Schwundstufe Tafel – sie bei dieser Arbeit auch noch alimentiert, ist für sie ein Zeichen der Schwäche des Systems, nicht ihrer selbst. Auf den Widerspruch zu einer bürgerlichen Leistungslogik hinzuweisen, führt ins Leere.

Kern der Ideologie Borchardts und seiner „Partei“ ist die Volksgemeinschaft als rassistisches Konstrukt. Ihr Kampf gilt der „Überfremdung“, der Einwanderungsgesellschaft und ihren Akteuren. Ihre Gewalt richtet sich gegen Migranten und gegen politische Gegner.
Dieses Konzept des Volksstaats nutzt nur bei Bedarf die Symbole und Logiken des (etablierten) NS-Regimes. Es, sondern greift vor allem die antikapitalistische Rhetorik der „Kampfzeit“ auf. Gerade damit – mit Dissidenz, Widerstand, Verweigerung – wirkt sie attraktiv, während statisch-autoritäre Gefolgschaftsmodelle wie das der NPD massiv an Zuspruch eingebüßt haben.
Also: „SS-Siggi geht zur Tafel“ – na und?

Die Ruhr Nachrichten schildern Diskussionen bei der Tafel, ob einer wie Borchardt „Kunde“ sein dürfe. In diesem Zusammenhang erlauben sie sich, einen der Tafel-Grundsätze zu zitieren: „Die Tafeln helfen allen Menschen, die der Hilfe bedürfen.“
Ohne auf die problematische Rolle der Tafeln bei der Delegitimierung des Sozialstaats und ihr System der freiwilligen Versorgung zweiter Klasse einzugehen: – Nein, die Tafeln helfen nicht allen Menschen, die der Hilfe bedürfen.

Sie erstellen Ausweise, die bei Fehlverhalten aberkannt werden. Sie führen Wartelisten. Sie fordern Nachweise der Bedürftigkeit und koppeln so in der Regel die Berechtigung, bei der Tafel versorgt zu werden, an den Bezug von staatlichen Hilfsleistungen. Längst existiert also eine Unterschichtung der armen Armen, der fremden Armen, der unangepassten Armen, die eben nicht bei der Tafel versorgt werden.
Einer wie Borchardt – deutsch, mit Wohnung, ohne Arbeit – ist also einerseits im Raster der Gruppen, für die sich Tafeln zuständig fühlen. Andererseits ermöglicht deren System von Freiwilligkeit im Gewähren von Hilfe jederzeit unbegründete Ausschlüsse.
Bei Borchardt geschah das nicht. Nun gut. Sollte er in Zukunft persönlich erscheinen, werde man „anders agieren müssen“, sagt die Tafel. Vielleicht. Die letzte Verurteilung wegen Körperverletzung kassierte Borchardt vor einem halben Jahr, die letzte wegen Beleidigung im Jahr davor.