1. September 2017 | age

Von unten betrachtet

Wer genau hinsieht, sieht die Spuren. Ein liegengebliebener Schlafsack unter der Fußgängerunterführung, ein paar Habseligkeiten schlecht versteckt unter einer Decke, eine Matratze in einer Seitenstraße, an einen Zaun gelehnt. Obdachlosigkeit ist oft unscheinbar. Mit seinen sozialen Stadtführungen will bodo den Blick schärfen.

Günter raucht noch eine Zigarette vor der Tür. Er fragt nochmal, ob es noch etwas gibt, was er wissen muss, das macht er immer. Später wird es ein warmer Tag werden, jetzt trägt Günter noch seine braune Lederjacke unter der knallroten Weste mit dem weißen „bodo“-Aufdruck auf dem Rücken. Günter war einer der ersten Verkäufer der Straßenzeitung. Heute führt er zudem Menschen durch die Stadt, die mehr zum Thema Wohnungslosigkeit wissen wollen – oder überhaupt etwas. Mit ihnen besucht er Anlaufstellen für Menschen, die wenig Geld und viele Probleme haben, den Verlust der Wohnung, Sucht, Schulden, psychische Erkrankungen. Jeden Monat gibt es offene Führungen in Bochum und Dortmund.

Heute haben rund 20 SchulsozialarbeiterInnen die ungewöhnliche Tour durch Dortmund gebucht. Sie gehört zum Qualifizierungsangebot der Stadt für ihre Beschäftigten. Henrike Middendorf, eine der städtischen Hebammen in Geflüchtetenunterkünften, ist gespannt. „Ich habe schon von ganz vielen der Einrichtungen gehört, kenne die meisten aber noch nicht selbst.“ Für Driton Gashi, Sozialarbeiter am Berufskolleg Max von der Grün, „ist das alles neu.“ Die Einrichtungen, die heute auf dem sozialen Stadtplan stehen, kennt er alle, besucht hat er noch keine.

Günter hat nach einer Trennung seine Wohnung verloren und knapp anderthalb Jahre auf der Straße gelebt, erzählt er, wenn man ihn fragt. „Ihr könnt mich alles fragen“, sagt er immer schon bei der Begrüßung. Er macht aber auch klar: „Wir sind kein Zoo.“ Die Gäste der sozialen Stadtführungen dürfen, anders als andere, in viele Einrichtungen hinein – allerdings nur, wenn keine Gäste da sind. Um diese nicht zum Schauobjekt zu machen, und um den Rückzugsort zu akzeptieren, der für manche der einzige ist, den sie haben.

Wir schließen uns an, als die Gruppe aus dem Gast-Haus kommt. Die Einrichtung in dem markanten roten Haus an der Rheinischen Straße ist ungefähr genauso alt wie bodo. Vieles hat die Gruppe von Geschäftsführerin Katrin Lauterborn und den Ehrenamtlichen vor Ort erfahren – dass mittlerweile mehr als 100.000 (!) kostenlose Frühstücke im Jahr ausgegeben werden. Dass Gäste kommen, nicht Bittsteller. Dass es wichtig ist, auf seine Füße zu achten, wenn man obdachlos ist und die Schuhe nicht jeden Tag auszieht. Dass es eine Fußpflegerin gibt, die wie die ehrenamtlichen ÄrztInnen in der eigenen Praxis kostenlos behandelt. Vorher waren die SozialarbeiterInnen bei der Drogenberatungsstelle zu Besuch, haben erfahren, wie das Team dort Menschen aus der Sucht, vor allem aber durch das Leben mit ihr, begleitet.

Nicht zu wohl fühlen

Günter erzählt, was er selbst erlebt hat. Dass er in Dortmund einen Stempel in den Ausweis bekam mit „OfW“, ohne festen Wohnsitz. Dass das jede Chance bei der Wohnungs- oder Jobsuche killt. Dass man nur eine Nacht kostenlos in der Männerübernachtungsstelle schlafen darf und dann selbst zahlen muss oder gehen, wenn die Ämter nicht einspringen. Dass Günter nie dort schlafen wollte, weil man da früher beklaut wurde. Dass es heute besser sei. Wo er schlief, wird er oft gefragt. „Eigentlich verrät man das nicht“, antwortet er dann. „Damit keiner kommt und dir ein‘ über‘n Schädel zieht.“ Manchmal erzählt er dann aber doch vom Zelt am Kanal. Von der Eisenbahnbrücke. Davon, dass er in der ersten neuen Wohnung anfangs nur mit offenem Fenster schlafen konnte, weil er die Stille nicht aushielt.

Die Übernachtungsstelle, in die Günter nie wollte, liegt in der Unionstraße, etwas zurückgesetzt, unauffällig. Der Aufenthaltsraum ist karg, ein paar Tische, eine Küchenzeile, ein Wasserkocher, die Fenster sind trüb vom Schwitzwasser. Ein Blick in eins der Zimmer: vier einfache Betten, ein Tisch, ein paar Stühle. „Man darf keine Poster aufhängen oder sich einrichten“, weiß Günter noch von früher. „Damit man sich nicht zu wohl fühlt.“ 48 reguläre Plätze hat die Einrichtung. Die Hälfte der Männer bleibt hier länger als ein halbes Jahr. „Das hier ist Endstation, das zieht sich durchs ganze Gebäude“, merkt Alexandra Keßler, Sozialarbeiterin an der Oesterholz-Grundschule. „Klar, dass Menschen da lieber draußen schlafen.“ Nach 30 Jahren soll in diesem Winter ein neues Haus her.

Fleisch und Kartoffeln zum Sattwerden

Es geht in die Nordstadt, zur Kana Suppenküche. Wir sind zum Essen eingeladen, gemeinsam mit den täglichen Nutzern. Kana macht da keinen Unterschied. Wer kommt, sucht sich einen Platz, Ehrenamtliche gehen herum, versorgen alle mit einem Teller voll mit Essen, Brot, einer Tasse für Kaffee oder Tee, später gibt es Kuchen. Sozialarbeiter Driton Gashi sieht sich um. „Schon stark, dass sich das durch Ehrenamt trägt.“

Geschirr klappert, viel gesprochen wird nicht. Wer kommt, ist da, niemand fragt, warum oder woher. Es gibt Kartoffeleintopf mit Rindfleisch. „Wir kochen viel mit Kartoffeln“, sagt Ursula, die seit zehn Jahren mittwochs hier ist, „und schauen, dass wir unsere Gäste gut satt bekommen.“ Zwischen 250 und 350 Teller gehen pro Tag raus. „Von manchen der Gäste hätte ich nicht geahnt, dass sie hierher zum Essen kommen“, stellt Henrike Middendorf fest. Ein paar der Gesichter kennt sie, aus dem Supermarkt, vom Kiosk.

Ein paar hundert Meter die Straße entlang und am Nordmarkt rechts rein, geht es zum Schluss ins Café Berta. In der ehemaligen Kneipe an der Ecke von der Nord- zur Heroldstraße trifft sich die sogenannte Trinkerszene, die vor Jahren noch am Nordmarkt war. 2012 gegen Widerstände eingerichtet, ist das „Berta“ heute ein festes und verankertes Angebot und ein geschützter Raum, um Bier zu trinken, zu klönen, Karten zu spielen, sich Beratung zu holen. „Wir sind ein Magnet geworden für die alkoholkonsumierenden Menschen in der Nordstadt“, sagt Leiter Thomas Thanscheidt.

Die Eindrücke wirken nach. „Ich wusste ja gar nicht, wie viele Angebote es gibt“, sagen einige am Ende der Tour. „Es ist aber auch beruhigend, dass es so ein Netzwerk gibt, das sie trägt“, ergänzt Driton Gashi. Alexandra Keßler resümiert: „Es braucht eine Kleinigkeit, um abzurutschen. Und der Rattenschwanz ist ja wirklich riesig.“ Günter bleibt, bis alle gegangen sind, seine rote Weste trägt er noch. Vielleicht geht er noch in die Innenstadt, ein paar Straßenmagazine verkaufen. Gleich nach der Zigarette.

Die nächsten Termine:
Dortmund: Sa. 09.09., 11 Uhr, bodo-Buchladen, Schwanenwall 36-38
Bochum: Sa. 16.09., 11 Uhr, bodo-Anlaufstelle, Stühmeyerstraße

Telefonische Anmeldung: 0231-950 978 0.