6. März 2015 | Kommentar |

Unwort "Lügenpresse"

Während Redaktionen schließen, haben sich – Netz sei Dank – unüberschaubare alternative Öffentlichkeiten etabliert. Journalisten haben das Monopol auf Expertise in Sachen Nachrichten verloren, das Publizieren hat sich demokratisiert. Wer sich etwa für Echsenmenschen interessiert, die – muss man wissen – unseren innen hohlen Erdball bevölkern, den informieren allein im deutschsprachigen Internet Hunderte Seiten.

Das alles ist weder nur gut noch allein schlecht. Es ist erstmal kompliziert. Das Ärgerliche ist: Die Welt drumherum auch. Unüberschaubarkeit löst Abwehr aus und die Flucht in einfache Wahrheiten. Die beschreiben diese Welt zwar nicht, konstruieren aber über Ausgrenzung und Wahn eine neue: Hier wir, drumherum Verschwörung und die Trompeten der „Lügenpresse“. Dass das Wutbürgertum dazu einen erst nationalistischen, dann nationalsozialistischen Kampfbegriff reaktiviert, begründet allein die Wahl der Jury.

Zum großen Teil entstammten die bisherigen Unworte Sphären der Macht: dem neoliberalen Diskurs der Kälte („Humankapital“, „betriebsratsverseucht“), dem Beschönigungssprech der Politik („Diätenanpassung“, „notleidende Banken“) oder dem des Militärs („ethnische Säuberung“, „Kollateralschaden“).
Seit der ersten Unwort-Wahl 1991 hat die Jury jedoch auch menschenverachtendes Denken in der Gesellschaft und sein Gerinnen in Sprache in den Fokus gestellt, komme es von rechtsaußen („national befreite Zone“, „Überfremdung“) oder aus der vermeintlichen Mitte („Döner-Morde“, „Sozialtourismus“).

Leider kommt Medien beim Verbreiten und Einüben eines Sprachgebrauchs wider die Humanität eine wichtige Rolle zu. Über Jahre war für Korrespondenten jeder islamistische Killer ein „Gotteskrieger“, mit pawlowschem Reflex wollten 2010 alle Hauptstadtjournalisten einmal öfter als die Kanzlerin „alternativlos“ sagen.
Aber so ist Sprache eben: ansteckend. Dummerweise infiziert sie nicht nur andere Sprechakte, sondern auch das Denken. Auch das von Journalisten. Denn die sind Menschen: Mal erschreckend naiv, mal entsetzlich verbohrt oder völlig skrupellos. Es gibt Interessen und Abhängigkeiten – aber als Gegengift immer noch erstaunlich viel Vielfalt und Pressefreiheit.

Deswegen darf man mit Journalisten hadern, sie kritisieren oder das Zeitungsabo kündigen, wenn man meint, sich in der Ukraine, im eigenen Vorort oder im Internet besser auszukennen als sie. Das reicht. Die Diffamierung des gesamten Mediensektors mit einer Hassparole aus dem Goebbels-Arsenal hingegen zeigt, dass wir hier zurzeit ein größeres Problem haben als die Zeitungskrise.

(

bp)