6. Mai 2014 | Soziales |

Ukrainische Straßenzeitungen und eine internationale Krise

Foto: Hecho en Buenos Aires - Argentina

Die Ukraine sorgt überall für Schlagzeilen. Aber was passiert auf den Straßen Kievs, dem Maidan und in anderen ukrainischen Städten? Was beschäftigt die Ukrainer? Wacht Europa auf? Die argentinische Straßenzeitung Hecho en Buenos Aires spricht mit Kollegen der Straßenzeitungen Prosto Neba und Gazeta Kiev, um zu versuchen, die Geschichte hinter den aktuellen Schlagzeilen zu verstehen.

Vor Februar 2014 wurde wenig über die Ukraine oder die Krim gesprochen. Aber die Dinge haben sich seither geändert. Die Menschen begehrten auf und setzten den mutmaßlich korrupten Präsidenten Vicktor Zanukovich ab, nachdem er sich zu Gunsten von engeren Beziehungen mit Moskau aus einem Abkommen mit der Europäischen Union (EU) zurückgezogen hatte. Kurz darauf, am 1. März, annektierte Russland die Krim, die einzige unabhängige Republik der Ukraine. Nun gibt es reichlich Kriegsgerüchte, die NATO unterstützt die Ukraine, der russische Präsident Putin ist gereizt, und der ehemalige ukrainische Premierminister ist nach Russland geflüchtet. Russland schlug Ölpipelines für ein neues Energienetz vor um die Ukraine zu destabilisieren (80 % des Öls das Russland an Europa verkauft läuft durch die Ukraine).

Seit November 2013 zeigt die Eurorevolution in den Straßen Kievs Zeichen einer Zivilgesellschaft, die andere Europäer von ihrem langen Schlummer aufweckte und bewegte. Das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, gehen tausende auf den Maidan Platz (Auf Deutsch Unabhängigkeitsplatz) und hoffen für eine glücklichere Zukunft für die ukrainische Bevölkerung. In der Zwischenzeit wurde eine vorläufige Regierung aufgestellt.

“Alles begann auf dem Maidan Platz in Kiev im November 2013. Tausende sammelten sich auf dem Platz, viele davon Studenten, und begannen friedlich zu demonstrieren nachdem der Präsident der Ukraine in der letzten Minute entschied das Abkommen mit der Europäischen Union nicht zu unterschreiben. Die Demonstranten wurden brutal zurückgedrängt, und deshalb nahmen noch mehr Leute an den Protesten teil und forderten zusammen eine Veränderung in der Regierung – was zu mehr als 100 Toten führte,” erklärte Ludmila Alyeva, Herausgeberin der Gazeta Kiev, einer Straßenzeitung, die von den Obdachlosen der ukrainischen Hauptstadt verkauft wird. Die Eurorevolution war gezündet. Im Februar 2014 gab es eine Veränderung in der Regierung.

Der enthobene Premierminister, Vicktor Yanukovich, beantragte Asyl in Russland. Eine andere Regierung wurde gebildet, die der Presse zu Folge der Favorit des Internationalen Währungsfonds (IWF) war. Ein Telefongespräch zwischen dem Assistenten des Innenministers der USA und des amerkianischen Botschafters in der Ukraine wurde der Presse zugespielt und darin gab der Assistent an: “Wir wollen,” dass der ehemalige Bänker Arseny Yatsenyuk Präsident Yanukovich ersetzt und nicht ein Volkskandidat. Und so war es. Yatsenyuk kündigte an, dass er den Wünschen des IWF entsprechen würde, obwohl er als schlechtester Kandidat der Geschichte betitelt wurde.

Die Herausgeberin der Straßenzeitung Prosto Neba (das heißt “unter freiem Himmel, ohne Dach über dem Kopf”) Maryanna Socka sagte: “In der Ukraine haben wir keine faschistische Regierung. Wir haben ein rechtes Parlament, das hat nichts mit Faschismus zu tun. Wenn die Idee, dass die Ukraine faschistische Behörden hat, bis nach Argentinien kam, dann weil es jemanden gibt, der sehr hart daran gearbeitet hat dieses Bild zu schaffen. Die Ukraine steht unter Angriff in einem Informationskrieg, der aus Russland kommt. Russische Propaganda nutzt das Konzept eines modernen Kampfes gegen Faschismus um ihre imperiale Politik umzusetzen und in neue Territorien einzudringen, um die russische Welt zu erweitern. Jeder der nicht wie sie denkt ist ein Faschist. Im November, als die ukrainische  Bevölkerung begann gegen das autoritäre Regierungssystem zu protestieren, beschrieben die russischen Medien die Demonstranten als radikale faschistische Extremisten. Für uns war es immer klar, dass Russland durch die engen Beziehungen zwischen den beiden regierenden Präsidenten der beiden Länder, einen bedeutenden Einfluss über die Ukraine ausübt.”

Foto: Hecho en Buenos Aires - Argentina

UKRAINISCHER FRÜHLING

“Dann hat Russland die Krim eingenommen und ein Referendum abgehalten, dass durch die Präsenz von bis and die Zähne bewaffneten Soldaten, die Zugangsstraßen blockierten, illegal war. Und dass unser ehemaliger Präsident, der sich einem internationalen Haftbefehl gegenüber sieht, weiterhin Pressekonferenzen aus Russland gibt, zeigt dass es hier nicht um einen Krieg der Ideologien geht sondern einen Krieg des Volkes gegen Kriminelle, die seit Jahren beide Länder ausraubten um ihren Reichtum um jeden Preis zu erhalten. Und der “Krieg gegen den Faschismus” ist eine gute Entschuldigung um ihre Morde an Demonstranten, das Einschränken von Zivilrechten und der freien Meinungsäußerung rechtzufertigen. Was interessant ist, ist dass die Straßenzeitung Prosto Neba von der Stadt Lviv herausgegeben und verkauft wird, von der behauptet wird, dass sie eine Brutstätte für Faschismus sei. In Wirklichkeit ist sie aber eine offene Stadt, heißt viele Touristen willkommen und genießt eine sehr weit entwickelte Zivilgesellschaft. Und jetzt nimmt die Stadt Flüchtlinge aus der Krim auf, die die russische Staatsbürgerschaft nicht annehmen wollen,” fügte Maryanna hinzu.

Zhenya Tsymbalyuk, von der Nichtregierungsorganisation Emmaus Oselya, die Menschen hilft, die auf der Straße leben, sagte: “Die Situation in der Ukraine ist sehr gespannt. Die Krim wurde bereits illegal durch Russland weggerrissen. Ich hoffe, dass die Gerechtigkeit sich durchsetzt und dass die Handlungen und Reaktionen von Russland als illegal angesehen werden. Viele Menschen sind immernoch auf dem Maidanplatz präsent und beobachten das Handeln der neuen Regierung. Wenn die Menschen nun in Lviv jemanden nicht mögen, der ein Amt in der neuen Regierung bekam, gehen sie auf die Straße um ihrer Ansicht Ausdruck zu verleihen.

Dadurch kann niemand eine staatliche Rolle einnehmen wenn er oder sie einen schlechten Ruf hat oder Ähnliches. Außerdem haben wir einen lokalen Fernsehkanal, der neue Kandidaten einlädt, um Fragen darüber zu beantworten, was sie während ihrer Amtszeit zu tun planen und wie. Heute brauchen wir jeden, um uns zu unterstützen. Ich habe das Gefühl das alles in Ordnung kommt, aber es wird eine Zeit lang dauern. Wir müssen für eine glückliche Zukunft kämpfen und wir müssen geduldig sein.” Emmaus-Oselya ist Teil von Emmaus International, die Zuflucht und Wiedereingliederung für Obdachlose bieten und dabei Prosta Neba unterstützen.

EUROPA IST AUFGEWACHT

“Nicht ein Europa der Konten, sondern ein Europa der Werte. Nicht ein Europa der Bürokraten, sondern ein Europa des Geistes. Nicht ein Europa, dass erschöpft ist und an seiner Berufung und seinem Beweggrund zweifelt, sondern ein leidenschaftliches, glühendes und heldenhaftes Europa.” Ukrainer zitieren eine Rede des französischen Philosophen Bernard-Henri Levy auf dem Maidan Platz in Kiev und feiern die Revolution.

“Meiner Meinung nach ist es wichtig über den Sieg zu reden. Wenn die Menschen gegen eine korrupte Regierung aufbegehren, haben sie gewonnen. Was mit der Annektierung der Krim nach Russland am 1. März folgte, überschattete die ukrainische Revolution. Aber die Lage der Krim ist etwas das wir, das Volk, nicht ändern können. Das muss zwischen Russland und den Ländern, die 1994 das Budapest Memorandum (die Unabhängigkeitsgarantie für die Ukraine einschließlich der Krim) unterschrieben. Wir können nur uns selbst ändern und unser korruptes System. Es ist wichtig, dass wir anfangen demokratische Werte mit der selben Energie auf unser tägliches Leben anzuwenden, die wir nutzten um die Eurorevolution zu tragen,” sagt die Herausgeberin der Gazeta Kiev, Alieva.

Was ist heute die größte Sorge für Ukrainer? “Sicherzustellen, dass die Kriminellen, die unser Land regiert haben, von öffentlichen Ämtern entfernt werden und dass das auf Korruption und Vetternwirtschaft beruhende System verschwindet. Deswegen sind Menschen auf die Straße gegangen, deswegen haben sie Angst, dass die Kriminellen durch neue Kriminelle ersetzt werden oder dass sich nichts ändert. Wir wollen sicherstellen, dass anständige Menschen positive Veränderung für das Land umsetzen. Die ukrainische Bevölkerung verlangt außerdem, dass die, die des Mordes an über 100 friedlichen Demonstraten schuldig sind, bestraft werden und dass das Geld, das von den ehemaligen Behörden gestohlen wurde, der Staatskasse zurückgegeben wird. Wir haben keine besonderen Probleme mit der Straßenzeitung trotz der Lage; wir veröffentlichen nur Ausgaben in größerem Abstand. Im Mittelpunkt steht für uns alle was von Minute zu Minute im Land passiert,” sagt Maryana von Prosto Neba.
Ende März beantragte der vorübergehende Premierminister Yatsenyuk Unterstützung, damit das Parlament ein vom IWF vorgeschlagenes Steuerreformpaket im Austausch gegen 19 Milliarden Euro verabschieden kann, um die aufgewühlte Wirtschaft zu unterstützen.

PROSTO NEBA

Prosto Neba wurde vor sechs Jahren gegründet und arbeitete mit einer Handvoll Verkäufern, die eine zweimonatliche Zeitung verteilten. Die Zeitung kam als Antwort von Sozialarbeitern und Journalisten auf den Mangel an verfügbaren Informationen für die Armen der Gesellschaft zustande und beschäftigt sich sowohl mit kulturellen als auch sozialen Themen. Das Projekt wird fast ausschließlich von Freiwilligen betrieben, nicht nur wegen finanzieller Einschränkungen, sondern auch um sich für die Bedeutung von gegenseitiger Hilfe innerhalb der Gesellschaft einzusetzen. Die Zeitung vertraut auf Zusammenarbeit mit angesehenen ukrainischen Journalisten und Schriftstellern.

Volodymyr Hilenko verkauft Prosto Neba seit 2009. “Man muss nicht einfach die Zeitung verkaufen sondern den Leuten auch erklären, um was es bei dem Projekt geht. Ich bin sehr dankbar für die Freunde, die von mir kaufen, da das eine Botschaft von Menschlichkeit  verbreitet. Die Menschen können deine gute Einstellung spüren und das verbindet. Mit dem Verkauf der Zeitung verdiene ich ein Einkommen zum leben. Wenn die Leute mich jeden Tag verkaufen sehen, kommen sie auf mich zu und bieten an, an anderen Projekten teilzunehmen. Ich war mal ein Touristenführer; ich habe Touristen an Orte mitgenommen wo Menschen, die in Armut leben soziale Dienste und Hilfe bekommen können. Die Lage in der Ukraine wirkt sich nicht auf die Verkaufszahlen aus… im Gegenteil, nun ist jeder Tag schön und die Stadt ist voller Touristen.”
 
Translated by Ute Schauberger
www.street-papers.org / Hecho en Buenos Aires – Argentina