29. Juli 2015 | Straßenmagazin | bp

Tommy Finke: Keine Gegensätze

Foto: Tim Kramer / Tremark

Ein Bochumer in Dortmund. Ein „Junge mit Gitarre“, dessen perfekte Popsongs über Jahre im Ohr bleiben, und gleichzeitig ein studierter Komponist, der auf der Grenzenlosigkeit von Musik beharrt. Tommy Finke ist neuer musikalischer Leiter am Schauspiel Dortmund. Ein Gespräch über Stockhausen, Lady Gaga, John Cale und Oasis, über Bescheidenheit und Geltungssucht – und warum das alles überhaupt keine Gegensätze sind.

Wir treffen Tommy Finke an seiner zukünftigen Wirkungsstätte im Schauspiel Dortmund. Wirklich neu ist er hier nicht, hat er doch mit der Musik zu „Das Goldene Zeitalter“, einem mehr als dreistündigen Regiemonstrum, das die Grenzen des Stadttheaters sprengte, schon 2013 alle Register gezogen – sein Einstand.

Zurzeit laufen die Proben zur „Die Show“, Kay Voges‘ Adaption des beängstigend hellsichtigen Fernsehfilms „Das Millionenspiel“ von 1970. Hier wird Finke selbst auf der Bühne stehen, mit Band – und trotzdem wieder diejenigen verdutzt zurücklassen, die den charismatischen Singer/Songwriter mit den geschliffenen Popminiaturen erwarten.

Foto: Tim Kramer / Tremark

Sein musikalischer Erstberuf, sozusagen. Melancholische Popsongs zwischen Rio Reiser und Hamburger Schule, hörbar beeinflusst von Beatles bis Oasis, haben ihn zu einem Aushängeschild der Bochumer Musikszene gemacht. Dass ihn die wiederkehrenden Wellen deutschsprachigen Pop-Hypes bislang nicht auf allergrößten Bühnen und auf den Chart-Olymp gespült haben, konterte er mit Beharrlichkeit. Finke tourt, produziert Platten und entdeckt junge KollegInnen für sein Label „Retter des Rock“.

„Mein Vater ist früh gestorben, wir haben ihn zu Hause gepflegt, das war sehr prägend für mich. Das letzte, was ich von ihm bekommen habe, war eine Gitarre. Die Entscheidung, dass ich in irgendeiner Form Musik mache, stand dann irgendwie fest.“

An der Bochumer Ruhruni schrieb er sich nur ein, weil der Studentenstatus Bedingung war, um im Kulturcafé aufzutreten. Der Wissensdurst trieb ihn jedoch weiter zur Folkwang- Universität der Künste, wo der Autodidakt elektronische Komposition studierte.

„Ich bin großer Beatles-Fan. Man kann deren Spätphase überhaupt nicht verstehen, ohne sich mit Kunst auseinanderzusetzen. Über den Sprung und ,Revolution No 9‘ kommt man weiter. In erster Linie hab ich im Studium mein Gehirn und mein Gehör gebildet, im Hinblick auf das strukturelle Hören von Musik. Wer sich ,Gruppen für drei Orchester‘ von Stockhausen angehört und analysiert hat, weiß, was ich meine.“ Sagt der, dessen eigene Songs so schlicht und unprätentiös Pop sind. Wie passt das zusammen? „Für mich gibt es da gar keinen Konflikt. Mich interessiert das Ganze. Popmusik als Sprache hatte ich relativ schnell verstanden. Aber ich liebe auch Filmmusik von John Williams und Alan Sylvestri oder auch die Musik von John Cale. Ich dachte: So was will ich auch schreiben können!“

Und im Plaudern über den schwindenden Generationenkonflikt in der Musik, Lady Gaga und das Tempo, in dem Pop das vermeintlich Neue und Abseitige integriert, skizziert Finke mit wenigen Federstrichen sein künstlerisches Programm: „Alles ist ein Zitat. Liebe, Politik, Nonsens – das sind die drei Themen, die es gibt. Die Möglichkeit, alles zu nehmen und alles zu zitieren und gleichzeitig daraus ein neues Werk zu schaffen, ist großartig. Aber man muss sich darüber im Klaren sein: Du kannst nichts schaffen, was nicht jemand anderes schon angefangen hat. Du kannst die Arbeitsmittel ändern, du kannst das Dilemma der Aussage nicht umgehen.“

Eine deprimierende Einsicht? Oder eher die realistische Haltung des Kunstschaffenden? Tommy Finke widerspricht energisch: „Das ist Freiheit. Vor 100 Jahren hätte ich mich für eine Strömung entscheiden müssen. Ich befinde mich jetzt in der sehr komfortablen Situation, dass die Strömung, die es gibt, eine ist, die aus allen gleichzeitig besteht. Hier ist nicht ein Fluss, hier ist der Ozean, in dem alles ankommt, und wir werfen die Netze aus.“

Foto: Tim Kramer / Tremark

Bei Kay Voges in Dortmund und seinem Genregrenzen aufbrechenden, multimedialen Theater fühlt sich Finke mit diesen 6 Spektrum genau richtig: Die an Lynch-Filme erinnernden Synthies im „Goldenen Zeitalter“, fast infantile Einfachheit in der Kaspar-Hauser- Inszenierung, der verstörende Soundtrack zu „4.48 Psychose“.

„Was hier ganz toll ist: So individuell und aufregend die Stücke sind, genauso kann ich auch mit der Musik umgehen. Hier wird sich erstmal alles angehört. Es gibt großen Respekt vor der Arbeit des anderen, und selten hab‘ ich so nette Leute in einem Arbeitsumfeld kennengelernt.“ Außerdem: „Ich komme hier in ein eingespieltes Kollektiv, in dem sich alle, wirklich alle auszehren für ein künstlerisches Ergebnis, das weit über dem Budget liegt.“

Dabei habe er jahrelang mit Theater gar nicht so viel am Hut gehabt, gesteht er – lieber stand er abends selbst auf der Bühne. Aber „Das Fest“ am Dortmunder Schauspiel sei durchaus eine Art Erweckungserlebnis gewesen. „Das hat mich berührt, ja, umgehauen. Ich hatte das Gefühl: Wenn Theater so ist, dann hat es auch eine Daseinsberechtigung über den musealen Charakter hinaus. Wie können wir über das Konservieren von Inhalten hinaus – was wichtig ist – etwas erreichen? Das sehe ich hier.“

Natürlich seien Abläufe im Stadttheater ungewöhnlich, lächelt Finke, aber sich auf das neue Umfeld einzustellen, sei ihm leichtgefallen. „Ich tue mich nur etwas schwer mit dem Fokus, in den ich hier rutsche, was paradox ist. Obwohl ich großer Oasis-Fan bin, liegt mir das Großkotzige gar nicht, ich bin ein sehr bescheidener Mensch. Gleichzeitig sind Künstler total geltungssüchtig: Ich will, dass man mich beachtet. Auch das gehört zusammen.“

Und weil Tommy Finke Dinge gerne gleichzeitig tut und Gegensätze nicht als solche wahrnimmt, fischt er gerade aus dem einen großen Ozean nicht nur komplexe Theatermusik für die neue Spielzeit, sondern auch berückend gradlinigen Pop für ein neues Album. Zu erleben unter anderem beim Zeltfestival Ruhr am 3. September.