3. Juni 2014 |

Syrien und die politische Schönheit

Ein Kommentar von Bastian Pütter

Ein Kommentar von Bastian Pütter
Foto: Screenshot: www.kindertransporthilfe-des-bundes.de

Die Zeit des Wegschauens ist vorbei. Die deutsche Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) macht einen historischen Vorstoß. Ab sofort sucht ihr Ministerium Pflegeeltern für die Aufnahme von 55.000 syrischen Kindern, die so aus dem vom Bürgerkrieg zerstörten Land gerettet werden sollen. Fotos auf der Ministeriumsseite „www.kindertransporthilfe-desbundes. de“ zeigen Kinder in Aleppo mit Schwesig-Fotos und -Transparenten. Nichts davon ist wahr.

Die Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“, ein Zusammenschluss von Aktionskünstlern und Menschenrechtlern, hat diese schönere Wirklichkeit geschaffen, wie bei jeder der Aktionen des Berliner Kollektivs beeindruckend professionell und so glaubwürdig, dass bundesweit in Redaktionen, Partei- und Bundespressestellen Hektik ausbrach.

Bewerbungsformulare für ein befristetes Pflegeverhältnis, Satzungen zu Unterhaltsregelungen, Kindergeld, Zuschüsse, Steuervorteile – alles sehr deutsch, sehr geregelt unterm Ministeriumslogo, und doch ist die Kampagne Kunst: Vision, Emanzipation, Eingriff. „1 aus 100“ heißt die erlogene Kampagne, der Name erinnert daran, dass es nach UNICEFAngaben 5,5 Millionen Kinder in Syrien sind, die jetzt und schnell Hilfe benötigen. 55.000 für zwei Jahre aufzunehmen – beinahe ein Tropfen auf den heißen Stein, doch selbst den gibt es nur unter den Bedingungen politischer Schönheit.

Die betont wortkargen Dementi, der Verzicht auf Klagen – wirkliche Fehler machte die Regierung nicht, richtig machen konnte sie nichts. Obwohl: Ist nicht die Initiative der Familienministerin aus dem Paralleluniversum genau das, was von der Leyen, Gauck oder Steinmeier meinen, wenn sie von Deutschlands „aktiverer“ Rolle in der Welt fabulieren?

Statt den neuen deutschen Chauvinismus zu denunzieren, statt auf die kläglichen diplomatischen und militärischen Niederlagen der neuen deutschen Weltpolitiker (von der Ukraine bis Afghanistan) zu verweisen, hat das „Zentrum für politische Schönheit“ ernst gemacht mit „Deutschlands Engagement in der Welt“.

Ein „schlüsselfertiges Hilfsprogramm“, das nur noch umgesetzt werden muss, nennen die Künstler ihre Aktion. Bereits während der inszenierten Pressekonferenz meldeten sich die ersten Familien, die bereit sind, Kinder aufzunehmen. „Europa anzuführen und die Welt anzuführen” (Steinmeier) – so kann es gelingen.