23. Oktober 2013 | Straßenmagazin |

„Sucht ist nicht nur die Droge selbst“ - Trainspotting-Autor Irvine Welsh im Interview

Für den schottischen Autor Irvine Welsh ist das Konzept der sozialen Straßenzeitungen „eine der größten sozialen Errungenschaften der vergangenen 20 Jahre“. Welsh, der heute in Chicago lebt, war zu Besuch in seiner Heimatstadt Edinburgh in Schottland. Dort sprach er mit dem Internationalen Netzwerk der Straßenzeitungen über seinen neuen Roman „Skagboys“, der die Vorgeschichte der Figuren aus seinem Bestseller „Trainspotting“ beschreibt, und über die Bewältigung seiner Drogenabhängigkeit.

INSP: War es für Sie schwierig, nach so langer Zeit die Figuren aus Trainspotting für Skagboys wiederzubeleben?

Irvine Welsh: Schon, aber ich hatte so viel Material übrig, das ich immer schon verwenden wollte. Es war irgendwie seltsam, weil ich die Figuren ja ein paar Jahre vor der Geschichte von Trainspotting zeige, ein paar Jahre jünger. Bei Trainspotting war ich 28 und schrieb über 24-jährige. Bei Skagboys war ich ein 50 Jahre alter Typ, der über das Leben von 22-jährigen schrieb.
Eigentlich ist es ein historischer Roman, weil sich die Situation so verändert hat. Ich musste viel über die 1980er recherchieren, um mich wieder einleben zu können, obwohl ich das Jahrzehnt doch selbst durchlebt habe.

INSP: Wovon handelt Skagboys?

Welsh: Wir wissen ja, was den Figuren in Trainspotting passiert, also war Skagboys eher ein Versuch, Gründe zu finden und die großen Veränderungen zu zeigen: das Ende der schottischen und britischen Großindustrie, die Dominanz rechter und neoliberaler Ideen. Wie sich das auf Gesellschaft und auf Familien ausgewirkt hat, unter welchem Druck die standen.
All das machte aus einer Arbeitergesellschaft auf eine Art eine Drogengesellschaft, wo die Haupteinnahmequellen in den Wohnanlagen, in denen ich aufgewachsen bin, heute aus dem Untergrund kommen. Ich kann mich erinnern, in meiner Kindheit haben alle gearbeitet. Nur wenige bezogen Arbeitslosengeld, lebten vom Staat, und wenige waren für all die fragwürdigen Geschäfte verantwortlich und dealten mit allem, was sich dealen ließ.
Als der Arbeitsmarkt kollabierte und es keine Lehrstellen mehr gab, waren auf einmal alle arbeitslos und nur die Untergrundwirtschaft war noch da: Diebstahl, Betrug und vor allem Drogen, denn den Menschen ging es schlecht und sie waren entfremdet, deshalb gab es eine riesige Nachfrage.

INSP: Auch Sie waren süchtig – wie kamen Sie da heraus?

Welsh: Weil ich jetzt älter bin, kann ich darauf zurückblicken und erkennen, was dahinter stand: Sucht ist nicht nur die Droge selbst. Jede Art Abhängigkeit hat einen Hintergrund, der nicht von der Droge selbst stammt.
Ich hatte Probleme – Todesfälle in der Familie, zerbrochene Beziehungen. Und ich hatte nicht wirklich das emotionale Vokabular, um meine Gefühle darüber zu artikulieren. Heute weiß ich, zum Beispiel, wenn mich meine Frau verlassen würde: Das Allerletzte, das mir einfallen würde, wäre, mir Drogen zu beschaffen oder auch nur, mich in einer Bar sinnlos zu betrinken. Damals kannte ich einfach nichts anderes.
Viele Menschen, die das irgendwie durchgestanden haben – Leute wie ich, deren Probleme sich mit der Zeit gelindert haben – mussten erst mal die körperliche Sucht loswerden, aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, wenn es nach dem Entzug keinen neuen Weg gibt. Keine Alternative im Leben, keine Möglichkeiten, etwas aus sich zu machen, keine Arbeit – wie findet man da einen neuen Platz im Leben, in der Welt?

Billy Briggs
Übersetzt von Susanne Koch
www.street-papers.org / INSP

Irvine Welsh
Skagboys
Heyne Verlag
ISBN: 978-3453268876
832 Seiten
24,99 Euro