21. September 2016 | age

"Spiel auf Zeit" - NS-Verfolgte und ihre Kämpfe um Anerkennung und Entschädigung

Lesung am 7. Oktober in der Steinwache

Lesung am 7. Oktober in der Steinwache
Foto: Assoziation A

Seit Jahren erzählen die Journalistinnen Nina Schulz und Elisabeth Mena Urbitsch die Geschichten von NS Verfolgten und ihren Kämpfen um Anerkennung und Entschädigung. Die Mehrheit dieser Menschen hat eine solche bis heute nicht erhalten – und mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind diese Bemühungen auch ein „Spiel auf Zeit“. Aus ihrem gleichnamigen Buch lesen die Autorinnen am Freitag, 7. Oktober, in der Steinwache in Dortmund.

Im September haben sich das Justizministerium NRW und der Essener Sozialrichter Jan-Robert von Renesse außergerichtlich geeinigt. Renesse war vorgeworfen worden, das Ansehen der Justiz NRW beschädigt zu haben, weil er die Verletzung elementarer rechtstaatlicher Prinzipien in den Verfahren um sogenannte Ghettorenten als Missstand bezeichnet hatte. Das dazugehörige „Gesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus der Beschäftigung in einem Ghetto“ (ZRBG) wurde 2002 verabschiedet, war jedoch lange Zeit so eng aufgefasst, dass bis 2007 95 Prozent der bis dahin gestellten Anträge abgelehnt wurden.

Jan-Robert von Renesse entschied als erster NRW-Richter nicht nach Aktenlage, sondern hörte Betroffene persönlich an, unter anderem in Israel. Seit 2009 beschäftigen sich die Journalistin Nina Schulz und die Fotografin Mena Urbitsch ebenfalls mit dem Thema. Sie begleiteten den Sozialrichter
bei einer dieser Reisen, begegneten Menschen, die ihnen ihre Geschichten vom Überleben des Holocaust, vom Kämpfen und vom Scheitern vor deutschen Gerichten erzählten.

Ihre Reportage „Spiel auf Zeit“, die auch in bodo erschien, wurde 2010 mit dem Alternativen Medienpreis ausgezeichnet. Nun sind ihre Arbeiten in einem Buch erschienen, in dem sie nicht nur
berührende Porträts von außergewöhnlichen Menschen zeichnen, sondern auch das brüchige Bild dekonstruieren, die Bundesrepublik Deutschland habe sich nach dem Zweiten Weltkrieg seiner Verantwortung um Entschädigung und „Wiedergutmachung“ gestellt. „Mit jeder neuen Begegnung“, schreiben die Autorinnen im Vorwort, „mit jeder neuen Geschichte kristallisierte sich für uns zunehmend ein Muster heraus: eine Systematik, mit der bestimmte NS-Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit weder anerkannt noch entschädigt werden.“ „Spiel auf Zeit“ ist auf der Hotlist der besten Bücher des Jahres 2016 der unabhängigen Verlage.

Am Freitag, 7. Oktober, erzählen Nina Schulz und Mena Urbitsch einige dieser Geschichten. Beginn der Lesung mit Lichtbildvortrag ist um 19 Uhr in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, Steinstraße 50, Dortmund.

Eine gemeinsame Veranstaltung von bodo e.V., der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, des Planerladen e.V. , www.migrantenpop.de und der Kulturbetriebe der Stadt Dortmund.