8. Juni 2016 |

Sichtbare und Unsichtbare

Obdachlosigkeit in Deutschland

Obdachlosigkeit in Deutschland

Mit einer halben Million wohnungsloser Menschen rechnet die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) für das Jahr 2018. Eine ganze Großstadt. Verlässliche Statistiken fehlen im so zahlenverliebten Deutschland, und auch die Wissenschaft macht meist einen Bogen um die Erforschung der Lebenssituation der meist unsichtbaren Menschen am Rand. Nicht so Sandra Schindlauer. Die Geografin forscht zu Wohnungs- und Obdachlosigkeit und dem Umgang deutscher Städte mit Randgruppen im öffentlichen Raum. Ein Gespräch über die (Un-)Sichtbarkeit des Problems Obdachlosigkeit.

Von Bastian Pütter | Fotos: Sebastian Sellhorst

bodo Wohnungslosigkeit in Deutschland: Was wissen wir tatsächlich über die Menschen auf der Straße?

Sandra Schindlauer Es gibt in Deutschland weder eine administrativ einheitliche Definition von Wohnungs- und Obdachlosigkeit noch eine bundesweite Statistik. Die Schätzungen der BAG W können nur als grobe Orientierung dienen. Weil es so unterschiedliche Lebensumstände der Betroffenen gibt – die in Autos, in Gartenlauben, im Wald übernachten –, kann man davon ausgehen, dass die Dunkelziffer weit höher liegt.

bodo Nordrhein-Westfalen erhebt als einziges Bundesland gemeinsame Zahlen.

Sandra Schindlauer Ja, NRW erstellt seit 1965 eine Wohnungsnotfallstatistik, sodass man die Entwicklung über einen längeren Zeitraum verfolgen kann. Der Begriff „Wohnungsnotfall“ in der Definition des Deutschen Städtetags fasst Obdachlose, von Obdachlosigkeit bedrohte und in unzumutbaren Wohnverhältnissen lebende Personen unter einem Dachbegriff zusammen. Meiner Meinung nach ist diese Definition viel zu undifferenziert. Es macht einen Unterschied, ob jemand ohne eigene Wohnung in einem Übergangsheim lebt, und damit natürlich immer noch in prekären Verhältnissen, oder ob sich jemand komplett schutzlos – obdachlos – im öffentlichen Raum bewegt.

bodo Die Wohnungsnotfallstatistik erfasst nicht alle Gruppen. Viele Kommunen haben es mit einer sichtbaren Obdachlosigkeit von EU-Bürgerinnen und -Bürgern zu tun, die gar nicht im Hilfesystem ankommen.

Sandra Schindlauer Viele Städte tun sich weiterhin schwer, diesen Menschen Zugang zu Hilfesystemen zu ermöglichen, weil sie eine Sogwirkung befürchten. Grundsätzlich sollte man sie genauso behandeln wie deutsche StaatsbürgerInnen. Sie sind nun mal hier und es kann nicht sein, dass sie keine andere Wahl haben, als auf der Straße zu leben. Das ist menschenunwürdig und stellt insbesondere für obdachlose Familien ein großes Problem dar.

bodo Gäbe es eine Möglichkeit, herauszufinden, wie viele Obdachlose es tatsächlich gibt?

Sandra Schindlauer Ich habe bei meinen Forschungen in San Francisco erlebt, dass es durchaus möglich ist, die Zahlen zuverlässig zu erfassen. Dort werden an einem Stichtag zu einer bestimmten Uhrzeit, die sich an den Öffnungszeiten der Einrichtungen orientiert, alle NutzerInnen gezählt. Die Stadt ist in Quadranten geteilt und Freiwillige gehen diese ab und zählen die Wohnungs- und Obdachlosen.

bodo Wäre das ein Modell für Deutschland?

Sandra Schindlauer Es braucht Geld, Organisation und Freiwillige. Ich denke, dass der Handlungsdruck aufgrund der geringen Anzahl sichtbarer obdachloser Personen noch nicht stark genug ist. Das wird sich in den kommenden Monaten im Zuge der Geflüchtetenkrise voraussichtlich ändern. Dann stellt sich immer weniger die Frage nach den Ressourcen, sondern die nach dem politischen Willen.

bodo Nach Zuwanderern aus der Europäischen Union drohen, wie Sie sagen, auch Geflüchtete in Zukunft obdachlos zu werden. Wer einen Aufenthaltstitel hat, konkurriert mit vielen anderen Gruppen auf einem immer engeren Wohnungsmarkt.

Sandra Schindlauer Politik tut gern so, als sei die Wohnungsnot wegen der Geflüchteten aus heiterem Himmel gefallen. Die Situation in Großstädten ist aber seit Jahren sehr angespannt. Mit der Privatisierung kommunaler Wohnungsbestände und dem Verzicht auf sozialen Wohnungsbau hat die Handlungsfähigkeit, auf dem Wohnungsmarkt steuernd entgegenzuwirken, massiv abgenommen. Wohnungen fallen seit Jahren in großer Zahl aus der Sozialbindung, sodass Geringverdienende und Menschen, die auf Transferleistungen angewiesen sind, große Schwierigkeiten haben, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Das Ausspielen der verschiedenen Gruppen ist falsch, gefährlich und erzeugt ein immer größeres soziales Konfliktpotenzial.

bodo Als späte Reaktion werden zurzeit Wohnungsbauprogramme aufgelegt.

Sandra Schindlauer Doch dieser Wohnraum ist frühestens in zwei bis drei Jahren gebaut – und selbst dann stellt sich die Frage, wer auf diese Wohnungen zugreifen kann. Noch fängt das System der Wohnungslosenhilfe das einigermaßen auf, aber das wird sich bald ändern. Familienwohnungs- und -obdachlosigkeit, wird unter den Geflüchteten zunehmend zum Problem, und es zeichnet sich schon ab, dass wir versäumen, hier präventiv zu handeln.

bodo Unsere Erfahrung ist: Obdachlosigkeit wird in ihrem Ausmaß regelmäßig unterschätzt, weil sie so unsichtbar ist.

Sandra Schindlauer Ich habe in San Francisco mit meinen Forschungen begonnen und zurück in Deutschland war meine Ausgangsfrage: „Eigentlich muss in Deutschland niemand obdachlos sein. Warum sind es dennoch viele?“ Ich habe schnell gemerkt, dass diese Überzeugung – besser: diese Vorurteile und Stereotype – selbst Teil des Problems sind. Sie sind der Grund, dass obdachlose Menschen sich verstecken und versuchen, nicht aufzufallen. Aus Scham, zur Aufrechterhaltung der persönlichen Würde, und weil die Vorstellung, dass niemand obdachlos sein muss, die Schuld der Betroffenen impliziert. Im Gespräch mit StraßensozialarbeiterInnen und Betroffenen zeigte sich, wie viele Strategien es gibt, nicht erkannt zu werden. Obdachlose Frauen zum Beispiel halten sich oft mit Taschen und Rucksäcken an Bahnhöfen auf, um nicht aufzufallen. Männliche Obdachlose ziehen sich Blaumänner an, um als Bauarbeiter zu erscheinen und nicht von öffentlichen Plätzen verdrängt oder eines Supermarktes verwiesen zu werden.

bodo Trotzdem gibt es sichtbare Obdachlosigkeit im Stadtbild.

Sandra Schindlauer Diejenigen, die sichtbar werden, sind oft Mehrfachbelastungen ausgesetzt, haben psychische und/oder Alkoholprobleme oder haben schlicht resigniert. Sie prägen das stereotypische Bild eines Obdachlosen, wer dem Klischee nicht entspricht, fällt so noch weniger auf.

bodo Sie untersuchen auch Muster der Verdrängung und Vertreibung von Obdachlosen.

Sandra Schindlauer Ich bin mit der These gestartet, dass Obdachlose durch Repressionspolitik strategisch aus bestimmten öffentlichen Räumen – Konsumzonen oder Bahnhöfen – verdrängt werden. Ich habe 95 Einrichtungen in den 15 größten Städten Deutschlands kontaktiert und erfragt, was für Strategien sie im Umgang mit Obdachlosen beobachten. Konsens war: Es gibt keine offizielle Strategie, aber Tendenzen und Muster. Hamburg und Frankfurt gelten als eher repressiv, Köln als eher tolerant. Die Literatur rund um das „Recht auf Stadt“ und um Neoliberalisierung und Kommodifizierung – die Schlagwörter, die beschreiben, dass öffentlicher Raum an Kommerz angepasst und soziale Problemlagen an den Rand gedrängt werden – legt nahe, dass „unerwünschte Personen“ vollständig verdrängt würden. Die repressiven Maßnahmen hingegen sind meist subtil. Bestimmte Stadtarchitektur verhindert die Nutzung als Schlafplatz: Metallspitzen und Wasserdüsen in Hauseingängen. Musik an Bahnhöfen soll einerseits gewisse Personengruppen verdrängen, andererseits das „subjektive Sicherheitsgefühl“ der so genannten „NormalbürgerInnen“, was auch immer das sein mag, steigern. Dennoch sind Obdachlose, Skater, Punks, Drogenkonsumierende – quasi alle, denen nachgesagt wird, sie würden dem Stadtbild schaden – weiterhin in genau diesen Räumen präsent. Es muss also noch andere Mechanismen geben, die dem „Diktat der Verdrängung“ entgegenwirken.

bodo Wenn Verdrängung nicht flächendeckend stattfindet, dann doch auch, weil der öffentliche Raum nicht einheitlich ist?

Sandra Schindlauer Das ist ein wichtiger Punkt: Er kennt Übergänge zwischen öffentlich, halböffentlich und privatisiert. Während sich sogenannte „NormalbürgerInnen“ übergangslos durch diese Räume bewegen können – zum Beispiel zwischen Fußgängerzone und Einkaufspassage – lösen sichtbar obdachlose Personen einen anderen Effekt aus. Dann wird die Hausordnung von privaten Sicherheitsdiensten umgesetzt. Teilweise steht hier ganz explizit, dass Personen in ungepflegter Kleidung oder mit unangenehmem Geruch nicht erwünscht sind. Weil auch unter dem Dach vor dem Einkaufszentrum das Hausrecht geltend gemacht wird, kann eine obdachlose Person, die Schutz vor Regen sucht, vom Sicherheitsdienst vertrieben werden. Den Betroffenen sind ihre Rechte oft gar nicht bewusst oder sie gehen Konflikten mit den Schwarzen Sherriffs lieber aus dem Weg. Sie fügen sich deshalb den Anweisungen der Ordnungskräfte – ob diese nun eine rechtliche Basis haben oder nicht.

bodo Ein Dach über dem Kopf wäre sicher besser als ein notdürftiger Regenschutz. Gibt es ein generelles Recht auf Unterbringung?

Sandra Schindlauer In Deutschland gibt es kein Grundrecht auf Wohnen. Meiner Meinung nach wäre dies sinnvoll. Die Erfahrungen aus der DDR haben jedoch bereits gezeigt, dass auch ein Recht auf Wohnen Wohnungs- und Obdachlosigkeit nicht zwangsläufig verhindern kann. Die Vorstellung, dass es in der DDR keine Wohnungs- oder Obdachlosigkeit gab, ist genauso falsch wie die Vorstellung, dass heutzutage in Deutschland niemand obdachlos sein muss. Kommunen sind ordnungsrechtlich verpflichtet, Menschen, die unfreiwillig ohne Obdach sind und die sich nicht selbst helfen können, eine Unterkunft zur Verfügung zu stellen. Die Geflüchtetenkrise zeigt uns gerade eindrucksvoll, dass es möglich ist, Turnhallen zu besetzen, Hotels anzumieten und leerstehende Bürogebäude zu nutzen, um Obdachlosigkeit abzuwenden. Dass es den Stadtgesellschaften gelingen kann, Unterkünfte für eine große Zahl Menschen fast im Handumdrehen zu schaffen, ist eine der großen positiven Erfahrungen des letzten Jahres. Für die im Vergleich viel kleinere Zahl von Obdachlosen dürfte das eigentlich kein Problem sein.

Die Diplom-Geografin Sandra Schindlauer forscht als Doktorandin im Rahmen des internationalen Promotionsprogramms „European Urban Studies“ an der Bauhaus-Universität Weimar. Unter dem Arbeitstitel „Der Umgang mit obdachlosen Personen im öffentlichen Raum deutscher Großstädte. Kritische Analyse einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe in kommunaler Verantwortung“ untersucht sie den strategischen Umgang mit Wohnungs- und Obdachlosigkeit in deutschen Großstädten.