31. März 2016 | Straßenmagazin | Bastian Pütter

Richard Huelsenbeck

Eine Kindheit in Dortmund und Bochum, die letzte Ruhe auf dem Dortmunder Südwestfriedhof. Und dazwischen mehr, als eigentlich in ein einzelnes Leben hineinpasst: Paris, München, Berlin, Zürich, im Ersten Weltkrieg Kriegsfreiwilliger, dann -verweigerer, dann Ober-Dada und Mitbegründer einer der einflussreichsten Avantgarden. Nach der Kunst Schiffsarzt und Reiseautor. Emigrant in New York, angesehener Psychiater, nach dem Krieg Dada-Archivar und im Alter zurück zur Kunst und nach Europa. Kein Wunder, dass ein Kosmopolit wie Huelsenbeck nicht so leicht zum Sohn einer Stadt zu machen ist. Zu seinem 125. Geburtstag und dem 100. von Dada erinnert sich Dortmund dennoch an ihn.

„In Dortmund, in Westfalen, in einer Straße unweit der großen Wälle, stand das alte Haus, in dem meine Großeltern lebten. Später wohnten wir drin, meine Eltern, meine Schwester und ich, als Knabe und während meiner Studentenzeit“, schreibt Richard Huelsenbeck in seiner fragmentarischen Autobiografie „Reise bis ans Ende der Freiheit“. „Es war ein einfaches Einfamilienhaus, groß im Vergleich zu den modernen Reihenhäusern, aber klein im Vergleich zu den Häusern der Reichen. Mein Großvater war ein Landmesser. Er maß das Land unter der Erde, in den Kohlengruben des Ruhrbezirks.“ Es sind bürgerliche Verhältnisse, aus denen Richard Huelsenbeck stammt. Sein Vater ist Apotheker, beruflich hatte es ihn kurzfristig ins hessische Frankenau, nördlich von Marburg, verschlagen, das sich jetzt als Geburtsstadt Huelsenbecks rühmen kann.

Dortmund bleibt für Richard die Stadt der Großeltern und wichtig. Nach dem Krieg wird er mehrmals zurückkehren. Er selbst verlässt sie allerdings schon als Schüler, um am Städtischen Gymnasium in Bochum den Lehrern Ärger und den Eltern Kummer zu machen. Die Lösung ist ein Internat in Burgsteinfurt, hier klappt es 1911 mit dem Abitur. Richard studiert erst in München, dann in Paris, bevor auch ihn 1914 der nationale Irrsinn packt. In Bochum meldet er sich freiwillig zum Kriegsdienst, lässt sich bald desillusioniert krankschreiben, studiert als Pazifist weiter in Berlin und macht hier das erste Mal mit künstlerischen Provokationen – gemeinsam mit Hugo Ball – von sich reden: Dada-Vorstufen.

Dada, das ist wohl eine der kompromisslosesten Kunstströmungen der Moderne. Dada ist der Regelverstoß als Programm, die Ablehnung alles Überkommenen – konkreter: all dessen, was in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs geführt hatte. Was da 1916 in Zürich mit kakophonen Simultangedichten, schlichtem Nonsens, mit Collagen und im Pappanzug auf die Bühne geht, ist radikale Verweigerung – und Happening.

In Zürich, der Kriegsdienstverweigerer-Hauptstadt, stößt Huelsenbeck dazu, als Hugo Ball und Emmy Hennings das „Cabaret Voltaire“ in der Spiegelgasse gründen. Mit Hans Arp, Tristan Tzara und Marcel Janco werden hier die Formen erprobt, die von Zürich aus Dada in der Welt bekannt machen. Huelsenbeck kehrt schon im Folgejahr zurück nach Berlin – mit Dada im Gepäck. John Heartfield: „Es geht exzessiv und vor allem politisch radikaler zu als anderswo, hier, im revolutionären Berlin.“ Huelsenbeck wird der Propagandist, in vielerlei Hinsicht der „Manager“ der Bewegung. Viel lieber als Gedichte verfasst er Manifeste. Mit Hang zu ironischem Schabernack, aber auch durchaus mit hemdsärmeliger Selbstdefinition: „Er (der Dadaist) sieht instinktmäßig seinen Beruf darin, den Deutschen ihre Kulturideologie zusammenzuschlagen.“

Die „Erste Internationale Dada-Messe“ 1920 war als Ausstellung gleichzeitig Höhepunkt und Beginn der Auflösung. Schon Ende 1920 bricht die Berliner Szene auseinander. So schnell die Bewegung in den Unruhen und Umstürzen nach 1918 verpufft, so intensiv wirkt sie weiter im Surrealismus, in der Pop-Art, im Punk. Ihre Antihaltung, ihr Verweis auf „die völlig donquichoteske, zweckwidrige und unfassbare Seite der Welt“, wie es Hugo Ball beschreibt, lassen sie erstaunlich staubfrei wirken, auch nach 100 Jahren.

„Als Dada verdampft“ beendet Huelsenbeck sein Medizinstudium, gründet eine Familie, und beginnt einfach ein neues, bürgerlicheres, aber alles andere als gewöhnliches Leben als Schiffsarzt, Journalist und Reiseschriftsteller, der buchstäblich die ganze Welt sieht. Auf Anraten von George Grosz, der bereits in den USA lebt, emigrieren Huelsenbeck und seine Frau – die in der Logik der Nationalsozialisten „Halbjüdin“ ist, 1936 nach New York. Aus dem revolutionären Dichter wird der Psychiater und Psychoanalytiker Dr. Charles Hulbeck, der am Central Park, NYC, praktiziert, ja: residiert. Auf dem Höhepunkt seines beruflichen Erfolgs holt ihn die Kunst wieder ein. Er gibt sich an die Historisierung von Dada, malt und lässt sich nach vielen Reisen nach Europa (und in die alte Heimat) schließlich in der Schweiz nieder.

Wir vermachen dir unser Huelsenherz

Wir warten
Mit Heckmeck
Und allerlei Fisimatenten
Wozu ein Verhältnis zu den Dingen
Wir klagen ein
Das Leben nach dem Tod
Die Ehre uebers Grab hinaus

Jürgen „Kalle“ Wiersch

So ganz war der Kontakt nach Dortmund nie abgerissen. Mit seinem Sohn Tom hatte er schon früh die Nachkriegsstadt und das zerstörte Elternhaus in der Luisenstraße besucht. Eine Ausstellung in der Stadtbibliothek erinnerte an den weitgereisten Sohn, und wie es Heinrich Peuckmann erzählt, muss bei einem seiner Besuche zwischen Fritz Hüser – dem Leiter der Stadtbibliothek – und Huelsenbeck abgesprochen worden sein, dass der Exilant in der Dortmunder Familiengruft beigesetzt werden wollte. Jedenfalls hat sich nach Richard Huelsenbecks Tod am 20. April 1974 der kleine Dortmunder Südwestfriedhof zum literaturgeschichtlich relevanten Ort gemausert. In Feld 36, Grab 57 liegt ein Dichter mit Weltruhm. Und natürlich hatte es die Stadt bald wieder vergessen.

Als 1991 die Einebnung der Grabstätte drohte, formierte sich dadaistischer Protest, Josef Reding hielt eine Geburtstagsrede zu Huelsenbecks 99., es gab Jazz am Grab, und einer der ganz wenigen legitimen Nachfolger, der leider vor zwei Jahren viel zu früh verstorbene Jürgen „Kalle“ Wiersch, las sein Dada-Gedicht „Wir vermachen dir unser Huelsenherz“: „Wir warten auf /Mit Heckmeck / Und allerlei Fisimatenten / Wozu ein Verhältnis zu den Dingen / Wir klagen ein / Das Leben nach dem Tod / Die Ehre uebers Grab hinaus“.

Ende gut: Die Grabstätte blieb erhalten, Huelsenbeck ist nicht vergessen, und nun, 25 Jahre nach dem „Huelsenherz“, 100 Jahre nach dem Cabaret Voltaire und zum 125. Geburtstag des Dichters wird gefeiert: „dadado100“ heißt das Geburtstagsprogramm mit mehr als 20 Veranstaltungen, das die Dortmunder KünstlerInnen Richard Ortmann, Dieter Gawol und Anette Göke auf die Beine gestellt haben. Beginnend am 23. April, dem Geburtstag des Dichters, mit einem „Lustmarsch der Trauer“, begleitet von der Brass-Band Schwarz-Rot Atemgold 09, vom Grab bis zur Pauluskirche in der Nordstadt, wo mit Literatur, Musik, Kunst, Performance und Tanz an den Ober-Dada gedacht wird. Ob dem gefallen hätte, was er da angerichtet hat? Wahrscheinlich.

Im New Yorker Exil schreibt Richard Huelsenbeck am 4. Juni 1958: „Und doch und doch: es ist ein beruhigendes Gefühl, die Welt geärgert zu haben. Ich möchte aus Erfahrung sagen, es ist eigentlich das einzige Gefühl, für das man heute sein Leben einsetzen kann.“

www.dadado100.de