25. September 2013 | Straßenmagazin |

Reise mit Happy End

Foto: maxbryan.com

„Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie“, lautet ein bekanntes Sprichwort. Max Bryan hat sie genutzt. Vor zweieinhalb Jahren landete der 38jährige auf der Straße. Bryan wollte sein Schicksal nicht hinnehmen. Also setzte er sich auf sein Fahrrad und radelte los, fotografierte und schrieb über sein Leben draußen. Nun hat er einen Buchvertrag unterschrieben. Die Geschichte einer langen Reise mit Happy End.

Max Bryan hat es geschafft. Nach Jahren der Obdachlosigkeit, ohne Einkommen, ohne Perspektive, ist er endlich am Ziel. Ein Verlag ist auf seine Tagebucheinträge auf Facebook aufmerksam geworden. Nun soll er seine Geschichte auf 400 Seiten zusammenpressen. „In den letzten drei Jahren ist soviel passiert“, sagt Bryan im Gespräch mit bodo. „Da werde ich mich von einigen Storys trennen müssen.“ Schreiben und Filmen ist seine Passion. Die Erleichterung merkt man ihm an.
Er will den Unsichtbaren ein Gesicht und eine Stimme geben. Menschen, die die Gesellschaft abgeschrieben haben, weil die Gesellschaft sie abgeschrieben hat. Die man höchstens aus dem Augenwinkel wahrnimmt, vielleicht, weil man den Anblick nicht erträgt. Menschen ohne festen Wohnsitz.
Bryan wurde einer von ihnen, als seine Vermieterin ihm im März 2011 gekündigt hat, wegen „Eigenbedarf“, wie es auf Juristendeutsch heißt. Die Eigentümerin wollte das Haus verkaufen. Bryan hat sich nicht gewehrt. „Klar hätte ich mich da noch drei Jahre durchklagen können, aber die Frau war 95 Jahre alt, da tat sie mir leid“, sagt Bryan. Nach ein paar Nächten im Hostel landete er endgültig auf der Straße.
Seine Waffe ist die Öffentlichkeit. Bereits vor seiner Obdachlosenzeit war er begeisterter „Tagebuchfilmer“, wie er es nennt. Auch auf der Straße waren Kamera und Laptop seine ständigen Begleiter. Er interviewte die Menschen, die mit ihm auf der Straße lebten, um über ihre Lebensrealität zu berichten. Auf Facebook richtete er ein Online-Tagebuch ein. Bald entdeckten ihn die Medien und berichteten über „Deutschlands bekanntesten Obdachlosen“. Vitali Klitschko lud ihn zu sich ein, im neuen Roman von Matthias Matussek kommt er in einer Nebenrolle vor.
Im November 2011, seine Hoffnung auf eine feste Bleibe in Hamburg war endgültig versiegt, wer er losgeradelt. Irgendwo, so dachte er, würde er schon etwas finden. Seinen Laptop nahm er mit. Es wurde eine 1.000 Kilometer lange Reise quer durch die Republik. Auf einem Bauernhof im hessischen Steinfurth fand er schließlich eine Unterkunft. Bryan lebt immer noch dort. Durch seinen Buchvertrag kann er nun endlich seine Mietkosten decken, ist wieder krankenversichert. Er hat es geschafft. „Eine Chance zu bekommen und etwas daraus zu machen, sind zwei verschiedene Dinge“, sagt er. Er möchte Vorbild sein für Leute, „die den Glauben an das Glück verloren haben.“
Bis Februar soll sein Buch fertig sein. Um die Vertragsunterzeichnung zu feiern, lud Bryan Freunde und Unterstützer zu einer Feier auf den Bauernhof ein. „Es war großartig“, erzählt er. „Aus allen Himmelsrichtungen sind Leute gekommen, die mich sonst nur von Fotos kannten!“ Viele von ihnen hätten ihm gesagt, wie sehr Bryans Einträge ihnen Mut gemacht haben. Auch die „gut situierten“ unter ihnen.
Seine alten Freunde von den Straßen Hamburgs hat er nicht vergessen. So wichtig es ihm ist, dass Nicht-Betroffene sein Buch lesen, so wichtig ist es ihm auch, dass er Menschen in Obdachlosigkeit erreicht. „Die Leute sollen mein Buch lesen und sehen: Wenn man sein Glück sucht, kann man es auch finden. Aus dem Teufelskreis der Obdachlosigkeit auszubrechen, liegt in der Initiative jedes Einzelnen.“ Vor allem auf eine Sache freut sich Max Bryan besonders: „Sollte ich es zu etwas bringen, würde ich gerne in mein altes Eck in Hamburg und gucken wer da noch ist. Denen will ich dann ihren Anteil am Bucherlös in die Hand drücken. Schließlich geht es in meinen Geschichten um sie.“

Martin Niewendick