24. Januar 2014 | Soziales |

Provokation und Selbstironie

„Seine Muskeln sind fester als sein Wohnsitz“ – mit „Superpenner“, einem Comic-Heft als Beigabe zur Januarausgabe der Berliner Straßenzeitung haben unsere Freunde vom „strassenfeger“ ein Medienecho hervorgerufen wie selten eine Straßenzeitung zuvor.

Alle haben sie berichtet: Die überregionalen Tageszeitungen, die Magazine von Stern bis Focus, Fernsehsender, Radiostationen und Blogger.
Anlass des Medienauftriebs: Ein vor Selbstironie strotzendes Hochglanz-Heft im Stil amerikanischer Superhelden-Comics erzählt die Geschichte eines zu Superkräften kommenden Obdachlosen, der den Kampf gegen die „Berliner Bestie“ aufnimmt, die die schlimmsten Eigenschaften böser Kreaturen – Berliner Busfahrer, betrunkene Touristen – in sich vereint.

Darf man das? Ist das zynisch? „Die Reaktionen waren bisher weitgehend positiv“, sagt „strassenfeger“-Chefredakteur Andreas Düllick. „Wir haben jedoch schon vorher diskutiert, ob wir damit nicht unsere Verkäufer bloßstellen.“ Gerade das verhasste Schimpfwort „Penner“ im Titel gab Anlass zu Kritik.
Trotzdem erschien der „Superpenner“, erdacht und umgesetzt von der großen Werbeagentur „Scholz & Friends“, und fand reißenden Absatz. Besonders faszinierend: Statt vom Schreibtisch aus moralische Urteile zu fällen, schickten die Redaktionen ihre Hauptstadtkorrespondenten zu den Verkäufern des „strassenfegers“ und interviewten diejenigen, die mit dem Heft im für sie besonders schwierigen Januar auf der Straßen standen. Diese verwiesen auf das – ja offensichtlich – große öffentliche Interesse, die Qualität des Hefts und den Inhalt: Schließlich seien es ganz andere soziale Gruppen, die in „Superpenner“ gar nicht gut wegkämen…

Kaum kamen je soviel Straßenzeitungsverkäufer in Mainstream-Medien zu Wort. Grenzen hat das öffentliche Interesse dennoch: Weil die Vermieterin der Notübernachtungsstelle des Vereins im inzwischen schicken Prenzlauer Berg kündigte, Ersatz nicht zu finden ist und die Stadt nicht hilft, landen die Bewohner mitten im Winter wieder auf der Straße. Und kein mediales Lauffeuer und auch kein Superheld ist in Sicht.