23. Oktober 2013 | Soziales |

Platte machen im Curriculum

Foto: Egmont Seiler

Obdachlosigkeit im Unterricht: Seit wenigen Tagen steht Lehrern, die das Thema behandeln wollen, erstmals ein Schulbuch zur Seite. Geschrieben von Kennern der Szene: Machern und Mitarbeitern der Straßenzeitung „Abseits!?“ in Osnabrück. bodo hat mit dem Sozialpädagogen Thomas Kater, Co-Autor dieses neuen Schul- und Arbeitsbuches „Ausweg Straße!?“, gesprochen.

bodo: Ein Schulbuch über Wohnungslosigkeit, warum gerade jetzt? Man sieht doch kaum noch Obdachlose in den Städten?

TK: Tatsächlich sind Obdachlose in den Straßen nicht mehr so sichtbar wie vor 20 Jahren, weil es mehr Tagestreffs, Unterkünfte, gut ausgestattete Kleiderkammern gibt. Aber das Problem verschärft sich wieder. Nach jüngsten Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe ist die Zahl in den letzten drei Jahren um 15 Prozent gestiegen. Aktuell 284.000 Menschen in Deutschland. Bis 2016 wird mit 380.000 Wohnungslosen gerechnet. Grund genug, Obdachlosigkeit im Unterricht zu thematisieren, finden wir.

bodo: Gab es Vorbilder für das Buch?

TK: Im Gegenteil. Das Einzige was wir gefunden haben war ein Reliprax-Heft aus dem Jahr 1992, das in religionspädagogischer Hinsicht das Thema angefasst hat. Wir mussten also ganz vorn anfangen. Vier Jahre haben wir an dem Buch gearbeitet.

bodo: Das Buch steigt ein mit dem Kapitel „Den typischen Wohnungslosen gibt es nicht“. Wie ist denn der untypische Wohnungslose?

TK: Die Vorstellungen sind häufig noch die bärtigen Berber, die mit Sack und Pack von Stadt zu Stadt ziehen. Die aber gibt es immer weniger. Wer wohnungslos wird, bleibt in seiner Stadt. Da gibt es auf der einen Seite den ganz Abgerissenen und auf der anderen den, der im Anzug und guter Ledertasche durch die Fußgängerzone streift. Und alles dazwischen. Mit höchst unterschiedlichen ganz persönlichen Gründen für die eigene Wohnungslosigkeit: ob Überschuldung, Krankheit, fehlender Wohnraum oder einfach unterschiedliche Fähigkeiten zur Bewältigung gesellschaftlicher Härten. Vielfach sind neuerdings auch sehr junge Menschen obdachlos.

bodo: Das Buch stellt Aspekte des Wohnungslosendaseins in Arbeitsmodulen vor. Neben Lebensunterhalt, Drogen, Gesundheit, Tieren oder auch Weihnachten entsprechend auch das Modul Straßenkids. Wie reagieren Schüler darauf?

TK: Wir haben das Buch und einzelne Module vor der Fertigstellung in Schulen getestet. In Realschulen, berufsbildenden Schulen und Gymnasien. Tatsächlich geht das den Schülern häufig sehr nah, besonders wenn wir mit ehemals wohnungslosen Menschen im Unterricht sind. Sie sagen zwar nicht so deutlich, oh, das haben wir alles gar nicht gewusst, wir bemerken ihre Betroffenheit aber an ihren Reaktionen und Nachfragen.

bodo: Ein Buch über Obdachlosigkeit ist das eine, aber ein Schulbuch darüber muss anderen Ansprüchen genügen. Was macht aus dem Buch ein Schulbuch?

TK: Neben der schon angesprochenen Aufteilung in zwölf Module – das Modul „Auswege“ sollte man übrigens nicht unterschlagen – gibt es zu jedem Modul Arbeitsanregungen und Fragestellungen. Um das zu vertiefen, haben wir dem Buch eine CD beigefügt. Mit viel Material für den Unterricht. Da gibt es Arbeitsblätter, Rollenspielvorschläge, ein Armutsspiel, Bilder einer Ausstellung und Meditationen.

bodo: Meditationen?

TK: Ja, uns ist sehr wichtig, dass die Jugendlichen sich einfühlen in die Welt der Wohnungslosen. Das Buch hat nicht in erster Linie Faktenwissen zum Ziel sondern Empathie. Da sind Meditationen hilfreich. Nicht jede ist für jede Altersgruppe geeignet. Aber unsere ersten Erfahrungen zeigen, dass vieles passt. Wir sind übrigens an weiterem Feedback von Lehrern sehr interessiert, um eine eventuelle zweite Auflage noch zu verbessern.

Ausweg Straße!?
Arbeitsbuch zum Thema Wohnungslosigkeit
Mit Hintergrundinformationen, Lebensbeschreibungen, Aufgaben für Einzel- und Gruppenarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen, inklusive CD mit Vorlagen für Arbeitsblätter und anderen Materialien
136 Seiten, broschiert
dialogverlag Münster
ISBN: 978-3-941462-786-1
19,80 Euro.

Volker Macke