2. April 2014 |

Was ist einer Stadt ihre Geschichte wert?

Ein Beitrag zur Diskussion um das vormalige Ostwallmuseum.

Ein Beitrag zur Diskussion um das vormalige Ostwallmuseum.

Es dürfte sich um den prominentesten Leerstand innerhalb der Dortmunder Innenstadt handeln. Ostwall, Hausnummer 7, jahrzehntelang Sitz des nach dem Standort benannten Museums nebst dessen Sammlung zeitgenössischer Kunst. Seit der Verlegung ins „U” wird um die Zukunft des Gebäudes teils heftig gestritten. Über die Problematik sprachen wir mit Prof. Dr. Wolfgang Sonne.

Sonne lebt seit sieben Jahren in Dortmund und lehrt Geschichte und Theorie der Architektur an der TU Dortmund. Zu seinem Fachgebiet zählt unter anderem die Denkmalpflege.

bodo: Bei der Diskussion um das Gebäude am Ostwall wird häufig die Denkmalpflege ins Feld geführt. Da denkt man doch unwillkürlich an die ganz alten Dinge und nicht unbedingt an ein solches Haus.

Sonne: Das ist natürlich richtig. Wenn etwas sehr lange Zeiträume überdauert hat, ist es an sich schon wertvoll. In der Dortmund Innenstadt trifft das auf die Kirchen zu, die vier einzigen Gebäude, die noch aus dem Mittelalter stammen. Aus dieser Zeit ist sonst nichts mehr erhalten. Das ist wirklich ganz extrem, denn Dortmund ist ja durchaus stolz, eine Hansestadt zu sein. Dennoch können auch Zeugnisse aus der jüngeren Stadtgeschichte bedeutungsvoll sein. Und in diesem Zusammenhang ist das Museum am Ostwall eine interessante Sache. Wir kennen es als Nachkriegsgebäude. Das, was wir heute sehen, die Außenhaut und die Höhe, wurde tatsächlich erst in den 1950er Jahren so gedacht und gebaut. Tatsächlich aber stammt das Haus aus dem Jahr 1875. Damit ist es, nach den vier Kirchen, das älteste der Dortmunder Innenstadt. Punkt. Das heißt, die Vorstellung, man könne es verkaufen, weil die Stadt gerade ein bisschen klamm ist und wir ausreichend Zeugnisse aus der Nachkriegszeit haben, ist schlicht falsch.

bodo: Das Alter sieht man dem Gebäude aber nicht an.

Sonne: Auch das ist richtig. Man müsste daran kratzen. 80% der Bausubstanz stammen aus dem Jahr 1875. Von außen war es ursprünglich so ein preußenhistorischer Ziegelbau mit ein paar mittelalterlich anmutenden Zinnen oben drauf. Die Ziegelornamente hat man in der Nachkriegszeit nicht restauriert. Statt dessen hat man eine schlichte Schicht davorgesetzt. Außerdem hat man den vormals viergeschossigen Bau um die beiden oberen Stockwerke gekürzt, weil man Oberlichtsäle haben wollte. Aus diesen Gründen wird es als 50er-Jahre-Kiste wahrgenommen. Doch an den Fenstern im Erdgeschoss können Sie noch den alten Bau erkennen. Die Segmentbögen an deren Oberkante – das hätte man in den 50ern nie so gebaut. Wenn Sie sich die Fenster auf älteren Fotos anschauen, dann sehen Sie, es sind noch immer die Bögen von 1875. Das nächste spannende ist, dass das Haus ursprünglich als Oberbergamt errichtet wurde, als erster öffentlicher Verwaltungsbau am Wall. In den 1910er Jahren wurde dann im Kaiserstraßenviertel ein neues Oberbergamt fertiggestellt und man baute das Gebäude am Ostwall um. In ein Kunstmuseum. Wenn Sie so wollen, zeigt sich hier der Strukturwandel von einer industriellen hin zu einer kulturellen Nutzung bereits hundert Jahre vor der Kulturhauptstadt 2010. Dieser Umbau erfolgte, auch das ist nicht weiter bekannt, unter der Leitung von Stadtbaurat Friedrich Kullrich.

bodo: Der wurde in Dortmund hoch geschätzt.

Sonne: Er hat unter anderem das Hafenamt gebaut, das Stadthaus und das Rathaus umgebaut. Im Ostwallgebäude hat er den Lichthof geschaffen. Da war zuvor ein offener Hof, den Kullrich mit einem Glasdach überdeckt hat. Alte Fotografien zeigen dessen Muster und man sieht, dass er sich noch heute im Zustand von 1911 befindet. Er hat sogar den Krieg überdauert. Dieser Lichthof ist der einzige Kultursaal aus der Kaiserzeit, der in Dortmund noch erhalten ist.

bodo: Viel ist im Krieg nicht stehen geblieben.

Sonne: Selbst was nach dem Zweiten Weltkrieg nur teilzerstört war, ist meist abgerissen worden. Die aus heutiger Sicht wahrscheinlich größte Sünde ist dabei das mittelalterliche Rathaus. Es war das erste steinerne Rathaus in Deutschland. Das alte Stadttheater wurde abgetragen und heute wäre jeder stolz, wenn Dortmund seinen Bahnhof von 1911 noch hätte. Die Synagoge haben die Nazis schon vor dem Krieg zerstört.

bodo: Um auf das ehemalige Ostwallmuseum zurückzukommen: Wir reden in diesem Zusammenhang also gar nicht über Nachkriegsarchitektur?

Sonne: Doch, auch. Das macht das Gebäude noch spannender, denn es zeigt den demokratischen Neuanfang nach dem Naziterror. Die neue Direktorin, Leonie Reygers, wollte ein Museum für moderne, zeitgenössische Kunst einrichten, im übrigen die erste Museumsneueröffnung in Deutschland nach dem Krieg. Es sollte für jeden Bürger zugänglich sein und ein neues kulturelles Klima schaffen. Sie hat das ganz programmatisch gemacht und dafür ist sie berühmt geworden. So weit es möglich war, hat sie die Wände weiß gehalten. Weiße, zurückhaltende Wände im Gegensatz zum vorherigen wilhelminischen Pomp. Sie hat Wohnzimmermöbel und sogar Gummibäume aufgestellt, damit sich jeder Besucher wie zu Hause fühlt. Zu dieser einfachen und zugänglichen Inneneinrichtung passte die Neugestaltung der Außenhülle. Sie hat bewusst nicht das Gebäude mit seinem preußischen Zierrat renoviert. Dieses bescheidene Äußere spiegelt einen moralischen Anspruch wieder. Fassen wir zusammen: Wir finden hier die Gründerzeitschicht, die Kaiserzeitschicht und die Wiederaufbauzeitschicht. Und darüber hinaus existiert, ohne am Bau sichtbare Spuren hinterlassen zu haben, aber architekturgeschichtlich interessant, eine Schicht der 70er Jahre. Denn im Museum am Ostwall haben die Dortmunder Architekturtage stattgefunden, ins Leben gerufen von Josef Paul Kleihues, unserem Fakultätsgründer. Der ist bedeutend für Deutschland, weil er an der Entwicklung des städtebaulichen Leitbilds, nach welchem nach 1990 ganz Berlin als Hauptstadt um- und ausgebaut wurde, maßgeblich beteiligt war. Die Grundlagen dieser Ideen wurden hier, in diesem Museum, entwickelt. Das Gebäude steht also nicht nur für eine Zeit, es verkörpert auf vier Ebenen 140 Jahre Stadtgeschichte. Das ist faszinierender als jede stilreine Architektur.

bodo: Soviel zur Vergangenheit. Aber gibt es überhaupt realistische Optionen für eine zukünftige Nutzung?

Sonne: Da ist furchtbar viel denkbar. Selbst wenn die Stadt sagt, wir müssen verkaufen, impliziert das ja nicht unbedingt den Abriss. Das wäre ungeheuer phantasiearm. Wenn die Stadt glaubt, sie braucht diese zwei Millionen jetzt und ihre Stadtgeschichte ist ihr nur diese zwei Millionen wert, selbst dann könnte ja unter der Auflage veräußert werden, das Gebäude an sich zu erhalten. Lange Zeit hatten wir gehofft, dass das Baukunstarchiv NRW einziehen würde. Das hat leider nicht geklappt. Nächste Möglichkeit wäre die Nutzung durch verschiedene Kunstvereine. Die könnten sich vielleicht durch eine Bürgerstiftung tragen. Natürlich habe ich von dem Vorschlag gelesen, dass man hier die Gurlitt-Sammlung als Gesamtsammlung mit historisch-didaktischem Anspruch zeigen könnte. Das wäre für Dortmund eine ganz große Nummer. Auch wäre jede Form von Büro oder repräsentativem Firmensitz möglich. In diesem Zusammenhang könnte man, um die Grundfläche am Wall wirtschaftlich besser zu nutzen, über ein Aufstocken auf die ursprünglichen vier Geschosse nachdenken. Die städtebauliche Umgebung gäbe das problemlos her.

bodo: Drängt die Zeit?

Sonne: Eigentlich nicht. Das Gebäude ist wasserdicht und steht. Die Zeit drängt höchstens vom Rat her. Entscheidend ist meiner Meinung nach, dass die meisten Dortmunder, einschließlich der Ratsherren und -frauen, ganz wichtige Tatsachen nicht wissen. Oder zumindest nicht präsent haben. Nämlich, dass es das älteste Gebäude der Innenstadt ist. Gehen Sie mal in den angrenzenden Park. Da ist mir eine Tafel zur Geschichte des Hauses aufgefallen. Sie beginnt, so steht es da, im Jahr 1947 mit dem Bau eines Kunstmuseums. Kein Wort darüber, dass da längst ein Museum existiert hat. Diese Beschränktheit des Wissens ist einfach vorhanden. Und ich muss sagen, bevor man einen Abrissbeschluss verantwortlich fassen kann, sollte man wenigstens wissen, was man da abreißt.

Das Interview führte Wolfgang Kienast

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Ein selbstgemachtes Dilemma

Der Text erscheint in der Aprilausgabe des Straßenmagazins bodo.
bodo wird in Bochum, Dortmund und Umgebung von Menschen in schwierigen sozialen Lagen auf der Straße verkauft. Das Magazin kostet 2,50 Euro, die Hälfte des Verkaufspreises bleibt beim Verkäufer.