28. April 2017 | Straßenmagazin | age

Notlösungen mit Fragezeichen

Im Frühjahr schafft es das Thema Obdachlosigkeit eher selten in die Medien. Seine Saison ist der Winter. Im letzten waren es in Dortmund vor allem Berichte über die wachsende Zahl an Menschen, die draußen übernachteten, und von Initiativen, die sie unterstützen wollten. Derzeit beschäftigen sich in Bochum und Dortmund die Stadtverwaltungen mit obdachlosen Menschen. Während in Dortmund die Frage diskutiert wird, Wo können sie hin?, weiß man in Bochum bisher nur: woandershin.

Der bauliche Zustand des Fliednerhauses ist es, der im April in Bochum zur Nachricht wurde. Die Übernachtungsstelle am Stadion, die Schlafplätze für 32 Männer und acht Frauen ohne Wohnung bietet, ist fast 90 Jahre alt. Es seien Schimmel und Mängel entdeckt worden, berichtete die WAZ, der Verein Aufsuchende Medizinische Hilfe für Wohnungslose, der regelmäßig Sprechstunden im Fliednerhaus anbot, habe im Winter seine Arbeit dort eingestellt. Das Haus soll nun geschlossen werden.

„Wir suchen gemeinsam mit der Stadt ein neues Gebäude“, sagt Chris Caldow, Leiterin des Bereichs Wohnungslosenhilfe der Diakonie. Die Organisation kümmert sich im Auftrag der Stadt um die Beratung und Versorgung von wohnungs- und obdachlosen Menschen. Am neuen Standort hat Caldow, die vor wenigen Monaten aus Düsseldorf nach Bochum kam, einiges vor: Erweiterte Öffnungszeiten und Sozialarbeit stehen auf ihrer Liste, außerdem eine dauerhafte pflegerische Unterstützung für ÜbernachterInnen mit krankheits- oder altersbedingten Beeinträchtigungen. „Bisher haben wir nur ein Genesungszimmer, in dem Menschen allein oder zu zweit unterkommen und sich, zum Beispiel nach einer Operation, besser erholen können als in einem Sechs-Personen-Zimmer“, erklärt Caldow. Fachpersonal für pflegerische Aufgaben gibt es bisher nicht – „das würden wir uns aber wünschen“.

In Dortmund bringt die wachsende Zahl an Wohnungslosen die städtischen Einrichtungen in Bedrängnis. Offizielle Stellen gehen von 400 Personen aus, tatsächlich dürften es deutlich mehr sein. Die Frauenübernachtungsstelle hat Platz für 24 Frauen und Kinder – 2016 baten durchschnittlich zehn Frauen im Monat mehr um einen Platz. Die Männerübernachtungsstelle in der Unionstraße ist ebenfalls in schlechtem Zustand und schon seit Langem an ihren Grenzen. 55 Betten inklusive sieben Notplätzen gibt es hier. Mit 77 Prozent im vergangenen Jahr ist „die Auslastung fast durchgängig bereits sehr hoch“ und „insbesondere im Vergleich von 2015 zu 2016 gestiegen“, liest sich im Papier der Stadt. Rechnet man die Notplätze heraus, war die Einrichtung zu fast 90 Prozent belegt. Rund die Hälfte der Untergebrachten blieben länger als ein halbes Jahr in der Unionstraße – anstatt kurzfristig Notfälle aufzufangen, ist die Übernachtungsstelle de facto für viele Dauerunterkunft.

Nur eine Frage von vielen

Für beides hat die Stadtverwaltung Lösungen ersonnen. Die Männerübernachtungsstelle soll am selben Ort neu gebaut und erweitert werden, die Frauenübernachtungsstelle von der östlichen Innenstadt ins Landhaus Syburg umziehen. Das ehemalige Hotel am südlichen Stadtrand, das 2015 dicht machte und 2016 Geflüchtete beherbergte, liegt gute 50 Stadtbus-Minuten vom Hauptbahnhof entfernt – wer regelmäßig zu Ämtern, Beratungs- oder Versorgungseinrichtungen muss, hätte das deutlich schwerer.

Die Männerübernachtungsstelle in Dortmund soll renoviert werden. Das Fliednerhaus in Bochum (oben) wird bis Jahresende geschlossen. Fotos: Sebastian Sellhorst

Für einen Neubau der Männerübernachtungsstelle, dann mit 70 Plätzen, sollen Modulbauten wiederverwendet werden, in denen Geflüchtete unterkamen. Ein bis zwei Jahre wird dieser Prozess nach der Planung der Stadt dauern, so lange müsste die Einrichtung in ein Ausweichquartier ziehen. Wo das sein soll und wieviel der Neubau kosten wird, ist noch nicht klar.

Das Konzept der Stadt befasst sich konkret nur mit der Erweiterung der Notschlafstellen. Die Fragen, ob und wie längerfristige Hilfen, zum Beispiel durch Sozialarbeit, gestärkt werden könnten oder wie dringend benötigter günstiger Wohnraum für Menschen mit wenig Geld geschaffen werden soll, bleiben offen. In Dortmund kostet ein Quadratmeter Wohnraum im Schnitt 6,00 Euro, Ämter übernehmen im Regelfall nur 5,25 Euro. In Bochum liegt die durchschnittliche Miete noch unter der Obergrenze der Ämter (7,30 Euro), doch auch hier zeigt die Preiskurve nach oben.

Auch auf der niedrigsten Stufe des Hilfesystems, der Notübernachtung, bleiben strukturelle Ausschlüsse bestehen. Der Zugang zu den städtischen Einrichtungen hängt weiter von einem Kostenträger ab, ansonsten zahlt man selbst. Die Stadt sagt zwar, „Niemand, der in Dortmund einen Schlafplatz benötigt und sich nicht selber helfen kann, muss draußen übernachten“, öffnet damit jedoch zugleich einen Gegensatz zwischen vermeintlich unverschuldet und vermeintlich selbst verschuldet in Not geratenen Menschen. Das trifft konkret besonders EU-Zugewanderte aus Südosteuropa: Weil sie nach neuester Gesetzgebung erst nach fünf Jahren in Deutschland Ansprüche auf Sozialleistungen haben, bleibt ihnen der Zugang ins Hilfesystem verschlossen. Mehr als „reine Nothilfe für eine Nacht mit dem Angebot auf Rückreise ins Heimatland“ gibt es für sie nicht. Sie können sich helfen, wenn sie die Fahrkarte annehmen. Tun sie es nicht, gelten sie als freiwillig obdachlos.

Der Sozialausschuss hat die Verwaltung erst einmal zum Nachsitzen geschickt und wird sich erst im Mai mit der Frauenübernachtungsstelle befassen. Mit der Eröffnung der neuen Männerübernachtungsstelle dürfte nicht vor 2019 zu rechnen sein. Bis zum Ende dieses Jahres, so hofft Chris Caldow in Bochum, könnte die Notschlafstelle am aktuellen Standort Geschichte sein. Was sie und ihr Team den ÜbernachterInnen in neuen Räumlichkeiten anbieten können, ist noch nicht klar.

Ein Antrag, ein umfassendes Konzept zum Kampf gegen Wohnungslosigkeit zu erarbeiten, wurde im Sozialausschuss abgelehnt.