6. März 2015 | Kommentar |

Nochmal Medien

Im letzten Heft ging es an dieser Stelle um den antidemokratischen Kampfbegriff „Lügenpresse“ und seine Renaissance in Zeiten medialer Unübersichtlichkeit. Hier stand: „Journalisten haben das Monopol auf Expertise in Sachen Nachrichten verloren.“ Jetzt werden wir damit mal konkret. Es geht um Dortmund.

Die Stadt, die es verlässlich schafft, wegen einer vermeintlich höchst überschaubaren Horde Neonazis auch in internationalen Medien aufzutauchen. Ob Fackeln vor Flüchtlingsheimen, Todesanzeigen für unsere Journalisten-Kollegen oder Ratsanfragen nach Wohnort und Zahl der Juden in der Stadt – auf den ersten Blick tanzen ein paar Dutzend Irre der Stadt auf der Nase herum.
Über die Rat- und Strategielosigkeit von Kommune und Polizei haben wir immer wieder berichtet, sie ist aber nur die eine Seite der Geschichte. Die Erzählung von isolierten Extremisten, die allein gegen „unser Dortmund“ stünden, mag beruhigen – sie ist aber falsch.
Tatsächlich treiben die Nazis mit ihren eigenen Publikationskanälen inzwischen Stadt, Polizei und auch die verbliebene Lokalzeitung vor sich her – und wirken weit in die Mitte der Gesellschaft hinein. Während in Eving ein fackeltragender Mob von vielleicht 40 Kadern das Flüchtlingsheim mit Pyrotechnik beschoss, hat die mit reinem Nazi-Content gefütterte Facebook-Gruppe gegen das „Asylheim“ Eving mehr als 3.000 Mitglieder.
Auf ihrem zurückhaltend gestalteten Online-Portal erreichen die Dortmunder Nazis inzwischen immense Leserzahlen, mit Nachrichten. Auf vermeintliche „Scoops“ müssen inzwischen die Pressestelle der Polizei und die Ruhr Nachrichten reagieren. Ein Text über eine Schlägerei – in der Sprache der Nazis ein „Ausländerüberfall“ – auf dem Alten Markt am Rosenmontag wurde allein bei Facebook mehr als 10.000 Mal „gelikt“ und erreichte wohl deutlich mehr Leser als die Ruhr Nachrichten. Die zurückhaltend berichtende Lokalzeitung sah sich massiven Angriffen in den sozialen Netzwerken ausgesetzt, die Wahrheit stünde anderswo. Kritik nicht von organisierten Nazis, sondern aus der vermeintlichen Mitte.
Mit großem Einsatz erzeugen die Profi-Nazis ein Zerrbild der Wirklichkeit, das verfängt. Wo sich Kollegen an den Pressekodex halten, veröffentlichen die Nazis genüsslich Namen, Herkunft oder Parteiämter von mutmaßlichen Straftätern und lassen sich für ihre „Enthüllungen“ feiern. Eigentlich paradox: Von der Demokratisierung der Medienlandschaft profitieren auch Antidemokraten. Sie zu beschweigen, kleinzurechnen und auf Gewalt und Aktionismus zu reduzieren trifft es nicht. Das Problem ist größer.

(bp)