26. Mai 2014 |

Neonazis greifen Rathaus an

Am Wahlabend attackieren Dortmunder Neonazis der Partei „Die Rechte“ um Neu-Ratsmitglied Siegfried Borchardt („SS-Siggi“) eine Demonstration unmittelbar vor dem Dortmunder Rathaus mit Pfefferspray, Schlägen und Tritten. Viele Demonstranten, unter ihnen Gäste der Wahlparty und Ratsmitglieder, werden verletzt. Vor Ort ist kein einziger Polizist.

Es schien ein ganz normaler Wahlabend zu werden. Nach dem Schließen der Wahllokale versammelten sich wie jedes Jahr Kandidaten, Parteimitglieder und interessierte Bürger im Foyer des Rathauses, um gemeinsam den Hochrechnungen zu folgen.

Als klar war, dass der vielfach verurteilte Straftäter und bekennende Nationalsozialist Borchardt in den Rat einziehen würde, sammelten sich die ersten Demonstrierenden: Grüne, Linke, Piraten, Mitglieder der „Partei“, Antifa-Aktivisten, Mitglieder des Integrationsrates, engagierte Bürgerinnen und Bürger.

In der Demonstration weiß man bereits seit dem früheren Abend, dass sich Neonazis in der Nordstadt sammeln, um 21 Uhr postet die „Rechte“ schließlich auf ihrer Facebook-Seite ein Bild des zuschlagenden Borchardt unter der Überschrift: „Mit einem Schlag ins Rathaus“. Dazu die Ankündigung: „Jetzt werden wir den herrschenden Politikern auch auf ihrer Bühne entgegentreten.“

Wenig später erscheinen die ersten Neonazis auf dem Friedensplatz, um die Lage zu sondieren. Während die Gegendemonstration inzwischen mehr als 100 Menschen umfasst, geht drinnen die Wahlfeier weiter. Auch als um 22.15 Uhr die Gruppe von 25 Neonazis den Friedensplatz stürmt, ist kein Polizist vor Ort.

Die Demonstrierenden, unter ihnen viele Ratsmitglieder, haken sich vor dem Haupteingang des Rathauses unter, um dem heranstürmenden Mob den Zutritt zu verwehren. Ohne zu zögern greift die Gruppe die Demonstration mit Schlägen, Tritten, Flaschen und Pfefferspray an. Verletzte werden bereits im Rathaus notdürftig versorgt, als die ersten wenigen Polizisten erscheinen. Überfordert und ohne ein klares Bild der Lage zu haben, wenden sie sich zuerst auch gegen die Angegriffenen, und erst als die Neonazis die Attacken fortsetzen, wehren sie diese mit Pfefferspray ab.

Als die Bereitschaftspolizei und auch Hundeführer eintreffen, ist die Lage durch die wenigen Polizistinnen und Polizisten bereits einigermaßen unter Kontrolle. Um die Neonazis, die weiter unmittelbar vor der Rathaustreppe bleiben, wird ein Polizeikessel gebildet. Nun gesellen sich auch Schaulustige und weitere Ratsmitglieder, unter anderem die FDP, zur Demonstration.

In einer ersten Stellungnahme fasst der Oberbürgermeisterkandidat der SPD seine Sicht zusammen: „Nazis haben versucht, sich mit gewalttätigen Mitteln wichtig zu tun.“ Das halten die Angegriffenen, die während des Angriffs die Feiernden um Hilfe und Unterstützung anriefen, für keine zutreffende Beschreibung des Vorfalls. Als Sierau lange nach dem Angriff vor das Rathaus tritt, wird er mit wütenden Pfiffen bedacht.

Fassungslose Stille hingegen herrscht, als lange nach 23 Uhr die Polizei die Neonazis in kleinen Gruppen zur U-Bahn und von da nach Hause geleitet. Ein Polizeisprecher erklärt, die Personalien der Täter seien bekannt, Haftgründe lägen nicht vor.

Es wird – wieder – viel aufzuarbeiten sein in Dortmund.

(bp)