4. August 2014 | Kommentar |

Kopftuch ab zum Gebet

Ein Kommentar

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Endlich wieder ein Kopftuchstreit. Mit allem, was dazu gehört: Ein Paukenschlag, so herrlich undifferenziert, dass jede und jeder sich eingeladen fühlt, mitzutrommeln. Moralisch-politische Entrüstung, dagegen der Sarrazin- Chor der vielen Ausrufezeichen, ganze Leserbriefseiten, alles dabei.

Was war passiert? Die stellvertretende Bezirksbürgermeisterin der Dortmunder Nordstadt, Christdemokratin im fortgeschrittenen Alter, hatte den Eindruck, dass „unsere christlichen Konfessionen überall muslimisch unterlaufen werden“ und legte nach: „Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nur noch Kopftücher. Ich will aber keine Kopftücher mehr sehen.“

Nun ist es einfach, sich über diese rätselhaften Sätze herzumachen. Heißt der erste, dass es tatsächlich Menschen in Deutschland wagen, Vorgaben der beiden großen Kirchen zu ignorieren? Verrückte Vorstellung. Wann hat denn Frau Horitzky das letzte Mal aus ihrem Nordstadtfenster geschaut? 1970? Und warum tut sie es jetzt?

Aber es geht ja gar nicht um Kopftücher, sondern eher um Sarrazins „Kopftuchmädchen“, um das Symbolals Ressentiment. Und wie der SPD ihr Sarrazin ist auch der CDU ihre Horitzky unangenehm. Denn die C-Partei (die mit den Anwerbeabkommen und dem katastrophalen Betreuungsgeld) spürt, dass bei ihr eine kulturkämpferische, christlich-fundamentalistische Strömung ihr Zuhause hat, die ihrem Feindbild näher ist als dem Selbstbild der Partei. Noch unangenehmer: Diese Mitte ist begehrt. Ja, auch von den Dortmunder Nazis, die Frau Horitzky ein Ausstiegsangebot machen, aber in Wirklichkeit eher von bürgerlich-deutschtümelnden Vereinfachern wie der AfD.

Außerdem merkt die CDU an solchen Stellen, wie grandios sie gescheitert ist, Millionen familienorientierten, eher konservativen, eher religiösen Zuwanderern seriöse Angebote zu machen. Stattdessen sitzen CDU-Lokalpolitikerinnen isoliert in Zuwanderungsstadtteilen hinter ihren Wohnzimmergardinen und zählen Kopftücher. Schade.

Schade auch, dass das Ressentiment wieder notwendige Debatten abwürgt. Die über einen hier präsenten radikalen Islam, der nichts mit „dem Kopftuch“ zu tun hat. Oder die über Verbindungen eines dumpf-deutschen mit einem türkisch-arabischen Antisemitismus. Oder eben die über die wirklichen Themen: über Freiheit, Chancen, Rechte und Pflichten und über die Verabredungen für ein friedliches Zusammenleben.

Wenn die Probleme im Norden darin bestünden, dass „unsere christlichen Konfessionen“ unterlaufen würden und dass von Nordstadtfenstern aus Kopftücher zu sehen sind, wäre dieser Stadtteil ein fast gänzlich sorgenfreier Ort.

Bastian Pütter