18. Juni 2012 | Straßenmagazin | Soziales |

Kann ein Straßenmagazin Griechenland retten?

Während ihr Land im Chaos versinkt und die Wirtschaft zerfällt, sehen sich die Griechen weiterhin hohen Arbeitslosenzahlen, Armut und Obdachlosigkeit ausgesetzt. Inmitten wirtschaftlichen und politischen Tumulten ist eines sicher: Griechenland ist bereits für ein Straßenmagazin. Von Sally Brammall

Syntagma Square, in der Mitte von Athen. Mittwoch, 4. April, 8 Uhr morgens. Zwischen all den geschäftigen Pendlern erschießt sich ein 77jähriger Mann mit einer Pistole. “Die Regierung hat mich meiner Würde beraubt,” ist in dem Abschiedsbrief zu lesen, den seine Tochter erhält, “Der einzige Weg, um sicher zu stellen, dass meine Familie nicht mit Schulden belastet wird, ist, mir das Leben zu nehmen.”
Die Worte des Pensionärs Dimitris Christoulas werden schnell zu einem griechischen Chor: persönliche Tragödien hallen in nationalen Leiden wider. Sein politischer Selbstmord wecken auch Erinnerungen an den Tunesier Mohammed Bouazizi, den 26-jährigen illegalen Gemüsehändler, der sich 2011 selbst verbrannte, um gegen die hohe Arbeitslosigkeit in seinem Land zu demonstrieren, und damit Unruhen im gesamten Mittleren Osten auslöste. Mit mehr als 50% Arbeitslosigkeit und Unruhe unter den 16-24-jährigen Griechen, und während das Schicksal der griechischen Mitgliedschaft in der Eurozone am seidenen Faden hängt, sind wir am Rande eines turbulenten europäischen Sommers?
Unpopuläre, von der EU auferlegte Sparmaßnahmen haben in Griechenland in den letzten zwei Jahren deutlich sichtbare Spuren hinterlassen. Obdachlosenzahlen sind auf über 20.000 gestiegen und die Durchschnittslöhne sind um mehr als 30% gesunken. Während man sich traditionell auf familiäre Strukturen verlassen hat, um sich um die Ärmsten in der Gesellschaft zu kümmern, wird es schnell deutlich, dass es dem griechischen Staat an ausreichend sozialen Strukturen mangelt, um sich um die schiere Zahl derer zu kümmern, die gezwungen sind auf der Strasse zu leben.
Kommen wir zum 46-jährigen Chris Alefantis und einem einfachen Strassenmagazin. Alefantis hat das monatliche Strassenmagazin “Shedia” (was auf Deutsch so viel bedeutet wie “Floß”) mitbegründet, damit es auf den Athener Strassen von Obdachlosen und Langzeitarbeitslosen Menschen verkauft wird, um ihnen ein Einkommen zu verschaffen – ein Modell analog The Big Issue in England. Für eine patriarchalische Gesellschaft, die mit einigen tief verwurzelten Zügen griechischen Machismus ausgestattet ist (nach wie vor ist dieses immerhin das Land von Herkules und Prinz Philip), ist es ein revolutionäres Konzept, ein Magazin zu verkaufen und gleichzeitig ein öffentliches Armutsbekenntnis abzulegen. Aber Alefantis glaubt, dass die Griechen reif sind.
“Wir sind zuversichtlich, sofern wir ein wirklich unabhängiges hoch-qualitatives Strassenmagazin herstellen können, dass die Menschen darauf eingehen, da ein Teil des Geldes dazu beiträgt, einem ihrer Landsleute zu helfen,” sagt Alefantis. “Wenn man vor fünf oder sechs Jahren versucht hätte, mit Griechen über Obdachlosigkeit zu sprechen, wäre es unmöglich gewesen. Obdachlose galten als Aliens. Jetzt ist das Problem explodiert und Menschen erkennen, dass sie die Nächsten sein können. Es ist Teil ihres täglichen Lebens.”
Als Journalist von Beruf und früherer Redakteur des monatlichen, griechischen Satire-Magazins Kalera, wurde Alefantis Interesse zum Thema Obdachlosigkeit erstmalig geweckt, während er in Australien lebte und über das Obdachlosen-Fussball-Team in Sydney berichtete. Er erklärte sich bereit, nach seiner Rückkehr nach Griechenland 2005, freiwillig das griechische Obdachlosen-Fussball-Team zu leiten. Während das Team nur begrenzten Erfolg auf dem Rasen hatte, wurden die Samen für Shedia gesät, als Alefantis während der Kopenhagener Obdachlosen-WM erstmalig vom Internationalen Netzwerk der Strassenmagazine (INSP) und seinen 120 Mitglieder-Zeitungen hörte.
Die wirren Umstände, die dazu führten, dass sich Shedia diesem globalen Portofolio anschlossen, sind ein ein klares Echo derer, die zur Einführung von The Big Issue im Vereinigten Königreich führten. Das Magazin wurde 1991 in London gegründet, um dem dramatischen Anstieg an Obdachlosen in London entgegen zu treten.
Glaubt Alefantis, dass er genüg Verkäufer rekrutieren kann, um das Geschäft langfristig aufrecht zu erhalten? “Bis jetzt haben sich circa 65 Verkäufer registriert,” sagt er.
“Von diesen sind nur zwei Frauen und circa ein Drittel wurde durch die Finanzkrise obdachlos. Einige der jüngeren Leute, die wir in Obdachlosenunterkünften treffen, sind Flüchtlinge oder Asylsuchende aus Afghanistan oder Irak, manche auch aus Äquatorial Guinea oder Sierra Leone.”
Es waren auch einige unerwartete Kandidaten darunter. Alefantis war entsetzt, als zwei seiner engen und professionell ausgebildeten Freunde zugaben, dass sie gern das Magazin verkaufen würde, wenn es eingeführt wird. Eine 37-jährige Grafikdesignerin und allein-erziehende Mutter und ein 27-jähriger Fotograf, die beide seit über einem Jahr arbeitslos waren, erzählten Alefantis, sie wären froh, wenn sie die Möglichkeit bekämen, Verkäufer zu sein.
“Menschen sind verzweifelt auf der Suche nach Arbeit,” sagt Alefantis. “Griechenland erlebt eine Abwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften. Die, die können, sind schon gegangen. Leute fragen mich, warum ich nicht zurück nach Australien gehe? Ich kann nicht. Dieses ist ein Lebensprojekt für mich und unser Team. Wir glauben an das, was wir tun und glauben an unseren Erfolg.”
Doch die andauernden politischen Tumulte haben das Redaktionsteam von Shedia wiederholt gezwungen, die Einführung zu verschieben, möglicherweise bis September. Die nationalen griechischen Wahlen haben zu keiner mehrheitsfähigen Koalition geführt, und in einem Land, das intern zerrissen ist zwischen linken und rechten Kandidaten, steht jegliche öffentliche Administration still. Und natürlich gibt es noch die “Grexit” Frage.
“Griechenland macht international Schlagzeilen aus falschen Gründen,” sagt Alefantis traurig. “Wir können in diesem ganzen Chaos nicht einführen. Bis nach den erneuten Wahlen und bis Griechenland weiß, wo seine politische Zukunft liegt, müssen wir alle unsere Pläne auf Halde legen. Es ist unglaublich frustrierend. Wir haben den Magazinpreis auf 3,50 Euro festgesetzt (so viel wie eine Schachtel Marlboro Zigaretten). Alles muss geändert werden, sollte Griechenland zum Drachmen zurückkehren.”
Öffentliche Desillusionierung verleihen Alefantis' Glauben mehr Macht, dass “dürftiger Journalismus, Vetternwirtschaft und eine enge Beziehung zur korrupten politischen Regierung” die Menschen von den griechischen Massenmedien wegtreiben, die sie jahrelang betrogen haben.
Transparency International (TI), die weltweite Organisation, die das Niveau nationaler Korruption aufzeichnet, setzt Griechenland auf den 80. Platz in ihrem 2011er Corruption Perception Index, damit ist Griechenland zweitletzte der europäischen Nationen und auf einem vergleichbaren Niveau wie Kolumbien. Es gibt die Hoffnung, dass die Einführung einer frischen, politisch unabhängigen Medienstimme beginnen kann, Dinge aufzurütteln. “Es gibt so viele arbeitslose Menschen momentan,” sagt Costas Bakouris, Leiter von TI in Griechenland. “Wenn sich das Magazin verkauft, dann wird es definitiv eine einzigartige Position in der griechischen Medienlandschaft einnehmen.”
Das politische Bild könnte suggerieren, dass Griechenland jetzt eher intern nach dem Wandel sucht, als diesen aus Berlin, Brüssel oder Paris zu erwarten. Die unmittelbare Zukunft könnte dem linken Syriza Parteiführer Alex Tsipras gehören, von dem erwartet wird, dass er die meisten Stimmen bei der Wahl am 17. Juni gewinnt. Er möchte die drastischen Sparmaßnahmen, die von den EU Finanzministern auferlegt wurden, kippen. Während Nordeuropa beunruhigt ist über eine drohende Übertragung der Krise, hat Tsipras klar gemacht, dass die griechische Bevölkerung bereits mit einer tagtäglichen Krise leben und verzweifelt neue Ideen brauchen.
“Nach zweieinhalb Jahren der Katastrophe, sind die Griechen auf ihren Knien,” sagte er nach dem Erfolg seiner Partei bei der Abstimmung Anfang des Monats. “Der Sozialstaat ist kollabiert, einer von zwei Jugendlichen Arbeitslos, massenhaft Menschen verlassen das Land, die Stimmung geprägt von Pessimismus, Depression und massenhaften Selbstmorden..Daher ist es so wichtig, dass dieses Saß-Experiment gestoppt wird. Das wird nicht nur zu einem Sieg in Griechenland führen, sondern in ganz Europa.”
In einer Zeit, in der es wenig positive Nachrichten am griechischen Horizont zu geben scheint, sind jegliche Antworten auf das fatale Problem der Armut willkommen – Antworten, die das Strassenmagazin Shedia verspricht. Alefantis fährt fort: “Ich bin nicht sicher, ob irgendwas Griechenland zur Zeit ,retten' kann. Es scheint alles nur schlechter zu werden. Aber,” sagt er in einen freundlicheren Ton, “wir sind wie ihr – wir können Teil der Lösung sein.”

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