5. April 2013 | Soziales | Kommentar |

Immerhin die Tierseite

Eine Geschichte über Europa, Zuwanderung, Armut, Gewalt, Lügen, Journalismus und Wegsehen. Und eine mit einem griechischen Papagei.

Die Dortmunder Ruhr Nachrichten haben seit einiger Zeit eine Tierseite. Was Schönes. Mal mit Pinguinen, mal mit Hundewelpen. Heute gab es einen Papagei. Pythagoras heißt das Tier und bespaßt im seniorengrauen Federkleid die Insassen eines Altenheims. Stoff für eine dreiviertel Zeitungsseite.

Aber das Foto ist seltsam. Rechts der Vogel hinter Gittern, im Hintergrund die zu erwartenden Senioren, aber links eine Frau mit schwarzen Haaren und dunkler Haut, viel zu jung, keine 30. Sie posiert müde, blickt ins Leere. Die Bildunterschrift verrät einen Namen, Temenuschka Jordanova. Wer sie ist, unterschlägt der Text.
Das hat ja auch erst einmal nichts mit dem Vogel und der Tierseite zu tun. Im Gegenteil. Das ist nichts Schönes. Das ist eine widerliche, schreckliche und unfassbar peinliche Geschichte.
Die junge Frau ist eine Romni. Sie ist bulgarische Staatsbürgerin und stammt aus Stolipinovo, einem Roma-Ghetto im Osten der 300.000-Einwohner-Stadt Plovdiv, 150 Kilometer südöstlich von Sofia.
Stolipinovo hat Schlagzeilen gemacht. Aus dem „Dortmunder Block“ genannten Plattenbaukomplex dort ziehen seit 2007 Frauen, Männer, Familien in die Dortmunder Nordstadt. Legal und voller Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben im EU-Partnerland Deutschland.
Entgegen der Dortmunder Wahrnehmung kommen Menschen aus Plovdiv auch in Hamburg, Berlin, Köln, München und dazwischen an. Und in Holland, Spanien, Portugal, England und Frankreich. Migration, eine europäische Realität, nur vergessen bei den EU-Erweiterungs-Fantasien.
Die Konstante für die Neuzuwanderer heißt Ausbeutung. Von 2007 bis 2011, als Stadt und Stadtöffentlichkeit die Zuwanderung mit aller Kraft ignorierten, Anfang 2011, als Lokalpresse und -politik mit einer zum Teil offen antiziganistischen Hetzkampagne voller Zigeunerklischees auf „Bulgarenbanden“ und „Menschenhändler“ losgingen und seit Mai letzten Jahres, als Ordnungsamt und Polizei begannen, z.T. am Rande der Legalität Jagd auf sie machen.
Unternehmer, viele aus Dortmunds türkischer Community, missbrauchen die türkischsprachigen bulgarischen Roma als Sklavenarbeiter, als minimal entlohnte Scheinselbständige und als Zahler von Wuchermieten. Frauen dienen Freiern aus Dortmund und Umgebung zu Dumpingpreisen als Prostituierte. Zu ihnen gehörte „Temenuschka“, die junge Frau im Altenheim.
Wie viel ist gelogen worden über die Schließung des Straßenstrichs als Lösung des Problems, über die angeblich vollen Busse nach Plovdiv und das Ende der Zuwanderung, weil wir es ihnen ungemütlich genug gemacht hätten.
Die endlosen Personenkontrollen, die nächtlichen Razzien, die konstruierten Ordnungsstrafen (wer auf dem Bordstein sitzt, macht sich einer nicht genehmigungsfähigen Sondernutzung öffentlicher Flächen schuldig), die beschlagnahmten Handys und die Nächte in Polizeigewahrsam hingegen verfehlen ihre Wirkung: Die Zuwanderer bleiben.
Sie haben sich eingerichtet – und niemand erfährt es. Auch die Ruhr Nachrichten schweigen. In fünf Jahren wurde kein bulgarischer oder rumänischer Rom interviewt, keiner wurde nach seiner Arbeit gefragt, die ja der Grund ist, hier zu sein. Kein einziger wurde porträtiert oder auch nur fotografiert. Die Leute, die wir kennen, sind freundliche, oft höfliche Menschen, die auch von sich erzählen, wenn sie die Hoffnung haben, Hilfe zu bekommen. Die allerdings fehlt.
Keiner fragt nach dem Leben in einem Land, dass ihnen legale Arbeit, Wohnung, Notversorgung verweigert. „Temenuschkas“ Mutter haben wir kennengelernt, als das Jugendamt ihre beiden jüngsten Kinder in Obhut genommen hatte. Ohne die Kinder durfte sie weiter im Park schlafen. Auch Jahre nach der EU-Erweiterung mit Freizügigkeit der ärmsten Europäer gibt es fast nichts für die hier strandenden Zuwanderer. Jetzt soll die Mutter abgeschoben werden. Die Stadt hat einen Dreh gefunden, die neuen Einwohner loszuwerden. Kann die Krankenversicherung nicht bezahlt werden, wird der Aufenthalt verweigert. Kann kein ausreichendes Einkommen nachgewiesen werden ebenfalls. Kunststück: Angestellte Arbeit ist verboten, Gewerbescheine werden inzwischen in der Regel verweigert. Verwaltungstricks, die ein europäisches Problem auf dem Rücken der Schwächsten lösen sollen.
Und nun ein Bild von „Temenuschka“. Auf der Tierseite. Der Grund, warum die junge Frau für einen Papagei posieren muss, ist, wie gesagt, schrecklich: „Temenuschka“ war Prostituierte. Seit der Schutz des legalen Straßenstrichs weggefallen war, arbeitete sie versteckt in Nordstadthäusern, ohne Hilfe im Notfall, ohne Kontakt zu den Versorgungs- und Beratungsangeboten für Prostituierte.
Am 17. August, drei Monate nach der Schließung des Straßenstrichs, stach der 25jährige Freier Christopher P. in einer Wohnung in der Nordstraße erst auf „Temenuschka“ ein und warf sie dann kopfüber aus dem Fenster. Notoperationen retteten ihr Leben, doch bleibt sie lebenslang ein Pflegefall und muss künstlich ernährt werden. Da es keinen Kostenträger gibt, wurde eine günstige Übergangslösung gefunden: Das Altenheim in der Nordstadt. Ihr Aufenthaltsstatus ist ungeklärt, die Krankenhausrechnungen wird sie nicht zahlen können. Eine Abschiebung würde sie nicht überleben, ihre medizinische Versorgung ist in Plovdiv wäre nicht gegeben. Wenn ihre Mutter abgeschoben wird, ist sie erst einmal allein.
Ihr Foto hat es in die Ruhr Nachrichten geschafft. Ihre Geschichte nicht. Es geht schließlich um den Papagei. Und dessen Wohlergehen scheint gesichert: „Mit der Ansprache und Aufmerksamkeit, die Pythagoras hier genießt, ist seine Einzelhaltung akzeptabel“, sagt die Leiterin des Altenheims. Na, dann.
Und hinter dem Foto: Eine widerliche, schreckliche und unfassbar peinliche Geschichte.
Edeltraud Remmel und Esat Mogul erzählen die wirkliche Geschichte ohne Papagei in dem Film „Der Weg der Wanderhuren. Zwischen Dortmund und Stolipinovo“.

Der WDR wiederholt ihn am Montag, 13. Februar 2012, 14.30 – 15.00 Uhr.