30. November 2012 |

Halten wir es aus!

Eine Großstadt ist kein Hochglanzprospekt. Ein Plädoyer für einen entspannteren Umgang mit Berichterstattung über ihre Schattenseiten.
Dortmund hat´s nicht leicht. Erst zeigt der Dortmunder ARD-Tatort, dass es tatsächlich Kriminalität (!), Zuwanderung und sogar Armut gibt, die als Vorlage für einen Krimi dienen kann. Dann beschreibt eine Studie die Entwicklung des Armutsproblems in Dortmund wenig stadtmarketingtauglich und darüber wird dann auch noch berichtet.

Unter anderem macht das ARD-Morgenmagazin eine kleine, augenzwinkernde Reportage. MoMa-Reporter Martin Kaysh guckt sich den Phoenixsee an, hält ein Quätschchen in der Suppenküche, macht einen kleinen Stadtrundgang mit einem unserer Verkäufer. Als ironischen Seitenhieb auf die Erfolglosigkeit der unzähligen EU-Förderprogramme versucht am Ende ein Sitar-Spieler eine etwas skurrile Nordstadt-Heilung. Nett.
In einem Fernsehkrimi, in einer Armutsstatistik und in einem Magazinbeitrag vorzukommen – das Los einer Großstadt, könnte man meinen. In Hamburg würde wahrscheinlich niemand eine Braue heben, und in Berlin hätte es wieder keiner mitbekommen, weil ja eh so viel los ist.
Hier ist die Polizei aus dem Häuschen, weil Tatort-Kommissar Faber offensichtlich einen an der Mütze hat, und die Leserbriefschreiber sind in Aufruhr, weil Dortmund doch auch schöne Ecken habe, die der Tatort verschweige. Schließlich schreibt sogar die eine Lokalzeitung so etwas wie eine Gegendarstellung zum kurzen Morgenmagazin-Bericht. Vieles, was da zu sehen und zu hören war, sei nur „die halbe Wahrheit“.
Ach, bitte! Ich bin ganz froh, nicht in einer „Stadt“ zu leben, in der man in knapp fünf Minuten die ganze Wahrheit erzählen kann. Wir haben ein megalomanes Fichtengesteck und ein knappes Drittel der Kinder lebt vom Amt. Wir haben ein güldenes Einkaufszentrum und Menschen, die ihr Essen im Müll suchen. Wir haben die allerbeste Fußballmannschaft und ein Naziproblem. Hier wohnen furchtbare und ganz und gar großartige Menschen, hier gibt es unendlich viele Geschichten zu erzählen und nicht jede ist schön. Erst alle zusammen sind die Stadt und wir werden Großstädter, wenn wir das aushalten.