1. September 2015 | Soziales |

Gegen das Vergessen

Gedenken an die homosexuellen Opfers des NS-Terrors in Dortmund

Gedenken an die homosexuellen Opfers des NS-Terrors in Dortmund

Ein Stein liegt auf jedem Stuhl in dem kleinen Raum in der Steinwache, der sich langsam mit Gästen füllt. Auf jedem Stein steht ein Name. Auch vorne an die Wand werden Namen projiziert. Eine lange Liste, die langsam durchläuft. Es sind die Opfer des Paragraphen 175, die in der NS-Zeit aufgrund ihrer (vermuteten) Homosexualität in die Steinwache gebracht wurden.

Von Mariana Bittermann

„Schandparagraph“ wird dieser Paragraph im Laufe des Abends noch genannt. Nach neuesten Forschungen wird vermutet, dass jeder hundertste Inhaftierte in der Steinwache aufgrund eines Verstoßes gegen diesen Paragraphen verhaftet wurde, und trotzdem wurde jahrzehntelang die Existenz von homosexuellen Opfern der NS-Zeit ignoriert.

Deshalb organisierte der Arbeitskreis Schwul-lesbische Geschichte von SLADO e.V., dem Dachverband schwul-lesbischer und transidenter Vereine und Initiativen in Dortmund, wie jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung in der Steinwache. Schon an der dortigen Dauerausstellung zu verfolgten schwulen Männern und lesbischen Frauen in Dortmund arbeitete dieser mit. Jetzt wird vor allem daran gearbeitet, die Namen und Geschichten von Opfern zu dokumentieren und vor dem Vergessen zu bewahren.

Über 650 Inhaftierte in der Steinwache, das sei der aktuelle Stand der Forschung, berichtet Frank Siekmann, Vorstandsmitglied von SLADO e.V., in seiner Eröffnungsrede. Historiker Dr. Frank Ahland erzählt an diesem Abend noch mehr zu ihren Schicksalen. Einige dieser 650 Inhaftierten seien in KZs geschickt worden, andere seien wieder freigekommen und hätten versucht, sich ein „normales“ Leben mit Frau und Kind aufzubauen. Es gäbe allerdings auch einige, die in der Nachkriegszeit wieder verhaftet wurden, denn der Paragraph 175 wurde erst 1994 komplett abgeschafft. 

Auch die Geschichte der Verfolger wurde von Dr. Ahland angeschnitten. Besonders motiviert seien einige Dortmunder Polizisten gewesen. Selbst nach ihrer Arbeit zogen sie nachts undercover durch Parks und einschlägige Gegenden, in der Hoffnung, Homosexuelle in flagranti zu erwischen.

Die Gedenkrede hieltder katholische Pater Siegfried Modenbach. Man dürfe die Geschichte des Umgangs mit Homosexuellen nicht vergessen, und diese Geschichte sei eine Geschichte der Schande. Die Bibel hätte als Rechtfertigung für die Verfolgung gedient, auch nach der NS-Zeit. Deshalb sei ein Umdenken nötig, denn auch Homosexuelle seien Kinder Gottes.

Auch für musikalische Begleitung wurde an dem Abend gesorgt. Han Nguyen vom queeren Jugendzentrum Sunrise trug selbstgeschriebene Lieder vor und Ephraim Levi sang „Schma Jisreal“, ein Lied, indem ein Mann vor Gewalt in Gebeten Zuflucht sucht. Levi selbst ist Jude und bekommt deshalb kaum Auftritte, erfahren die Gäste von Frank Siekmann. „Viele Veranstalter sagen, dass sie nicht für meine Sicherheit auf der Bühne sorgen können oder dass hebräische Liedtexte die Veranstaltung politisieren würden“, erzählt Levi dem Publikum. Auch Hakenkreuze habe er schon an seiner Haustür gefunden. „Das hat mir schon Angst gemacht, denn um an meine Wohnungstür zu kommen, muss man sich erstmal die Mühe machen, unten durch die Eingangstür zu kommen.“

Zwischen den Programmpunkten las das Publikum Geschichten von Verfolgten vor, die vorher an sie verteilt wurden. Der Jüngste von ihnen war gerade mal 15 Jahre alt, der älteste um die 70. Einer von ihnen war Alex Damm. Er ertränkte sich in der Ruhr, nachdem er denunziert wurde. „Ich sterbe gern als Opfer des Nationalsozialismus, der Menschen von meinem Schlage einfach nicht verstehen will“, schrieb er in seinen Abschiedsbrief, „Ich will mich nicht vor einem irdischen Richter verantworten, sondern vor meinem Gott, der mich erschaffen hat wie ich bin.“

Die Veranstaltung endete aber mit positiven Neuigkeiten, denn bald wird eine Dortmunder Straße nach einem homosexuellen Verfolgten benannt. Auch Alex Damm wird vermutlich seine eigene Straße bekommen, um so ihm und allen, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben, gedenken zu können.