24. Januar 2014 | Straßenmagazin |

Erfinden – Fürchten – Verachten

Foto: Sebastian Sellhorst

Wie kann es sein, dass wir über die größte Minderheit in Europa fast nichts wissen, aber alles zu wissen glauben? Wieso werden rassistische Vorurteile allgemein verdammt, nur in Bezug auf sie nicht? Wie passt die jahrhundertealte Faszination für „Zigeuner“-Kitsch und -Folkore zur Verachtung für Sinti und Roma? Ein Gespräch mit Klaus-Michael Bogdal, Literaturwissenschaftler und Autor des Buches „Europa erfindet die Zigeuner“.

Schon der Titel deutet es an: In Ihrem Buch geht es um die europäischen Mehrheitsgesellschaften, nicht um die Roma. Stimmt das?

Ja, das ist ja ein provokativer Titel. Die erste Reaktion war die Frage, warum „Zigeuner“ auf dem Buchtitel nicht in Anführungsstrichen steht. Es geht um zwei Dinge, die ich unterscheide. Da ist die Lebenswirklichkeit der Romvölker, über die wir sehr wenig wissen. Über lange Jahrhunderte gab es wirklich nur Fragmente, Bruchstücke, zum Teil auch gar nichts, da es sich ja um eine mündliche Kultur handelt. Diese Geschichte lässt sich so nicht schreiben.
Das andere ist, dass „Zigeuner“ als Konstruktion in den europäischen Gesellschaften entstehen. Der Begriff selbst – eine Fremdbezeichnung – ist sozusagen die Spitze des Eisbergs, die sprachliche Ausformulierung des gesamten Prozesses, den ich beschreibe. Nämlich, dass man einer Gruppe aus der Distanz grundsätzlich alles zuschreibt, bis hin zu ihrem Namen. Diesem Prozess, der über einen sehr langen Zeitraum stattgefunden hat, bin ich nachgegangen. Und am Ende gibt es eine Gruppe, die „Zigeuner“ genannt wird, von der jeder glaubt, dass es sie so gibt, wie Europa sie sich vorstellt.

Sie beschreiben das Konstrukt „Zigeuner“ als ein Gegenbild der bestehenden Gesellschaften, das immer wieder aktualisiert wird. SIe schreiben: „Sie kommen unerwünscht, doch wie gerufen, um in Abgrenzung zu ihnen das Bild einer europäischen Kultur zu schaffen“. Die Angst vor den Roma sei die Angst vor dem Rückfall in die vorzivilisatorische Zeit ohne Schrift, Geschichte und Kultur.

Die Romvölker sind in ganz Europa die Fremden, die bleiben. Sie leben im Gegensatz zu den „Kulturvölkern“ Europas, und es werden ihnen entsprechende Eigenschaften zugeschrieben. Ich versuche zu bestimmen, was „Wissen“ über diese Gruppe zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt ist. Nicht in einem empirisch korrekten Sinne: Das können Gerüchte sein, Geschichten oder auch Enzyklopädien. Literatur und bildende Kunst nehmen diese Bilder auf und schreiben sie fort. Das neue Wissen wird immer wieder umkodiert. Es wird so gedeutet, dass man sich nicht von den alten Vorurteilen verabschieden muss. Die wirkungsvollsten Elemente werden recycelt: Die Sexualität der Frauen, Inzest, Kindesraub. Bis heute.

Für das 15. Jahrhundert beschreiben Sie die Urszene, das erste Auftauchen „unbekannter Fremder“ vor den mittelalterlichen Stadttoren. Wer kommt da aus der Sicht der Europäer?

Es ist auffällig, dass vom Zeitpunkt der ersten Begegnungen an mit Projektionen gearbeitet wird. Zunächst nutzt man vertraute Bilder des Fremden und gestaltet die Neuankömmlinge als Sarazenen mit Turbanen und Krummschwertern. Auch die kamen aus dem Osten, aber über die wusste man einiges. Kurze Zeit später sind die Fremden dann Spione der Türken. Wenn man sie so darstellt, können sie keine Christen sein, gleichgültig, wie oft sie zur Kirche gehen. Und als Heiden werden ihnen bald magische Kräfte zugeschrieben.

Europa verändert sich, es kommt die Zeit der Entdeckungen, die Aufklärung, die Entstehung der Nationalstaaten, die Industrialisierung – über 600 Jahre behalten die Roma jedoch diesen Status. Wie das?

In gewisser Weise kommen die Romvölker zu spät. Im Europa der entstehenden Flächenstaaten ist für sie kein Platz mehr. Sie behalten diesen Platz am Rand: Als Landlose, als umherziehende Handwerker, Hausierer oder Bettler.
In der Aufklärung wachsen die Ansprüche an das Wissen. Es entwickelt sich mit der Anthropologie eine Wissenschaft vom Menschen, die durch sprachwissenschaftliche Forschung entdeckt, dass die Romvölker indischer Herkunft sind, nicht Ägypter, von denen sich das englische Gypsies ableitet. Eigentlich bedeutet die Aufnahme in die indogermanische Sprachgemeinschaft eine Aufwertung. Im 19. Jahrhundert wird dann dazu erfunden: Sie müssen von den Parias, den aus dem Kastensystem ausgeschlossenen Unberührbaren abstammen. Das ist eine der typischen Umdeutungen, die vermeintlich „passende“ Bilder erzeugt.

Aus den Geächteten und Vogelfreien werden schließlich im 19. Jahrhundert Staatsbürger. Auch die deutschen Sinti werden Deutsche.

Schon vorher, 1842, führt Preußen die Staatsbürgerschaft aufgrund des Geburtsrechts ein. Wer in Preußen geboren ist, ist Preuße. Die „Zigeunerplage“ ist verschwunden, dabei hat sich ja eigentlich nichts geändert, bis auf dass diese Leute nicht mehr vertrieben werden können. Was macht man? Jahr für Jahr werden Sonderrechte eingeführt. Die kleinen Schikanen fangen an. Eine typische Entwicklung.
Und genau dieser Gruppe gelingt es trotzdem, immer stärker zu verbürgerlichen, sesshaft zu werden, bestimmte Berufe zu ergreifen: Fahrgeschäfte, den Instrumentenbau. Da kann man relativ wohlhabend werden, sich vielleicht ein Haus kaufen, um nicht mehr wandern zu müssen. Viele Sinti haben im Ersten Weltkrieg in der deutschen Armee gekämpft.

Trotzdem führt auch der Weg der deutschen Sinti in den Holocaust. 500.000 Sinti und Roma fallen dem Genozid zum Opfer.

Bereits vor 1914 wird auf Betreiben der Bayerischen Polizeibehörde die erste Zentralkartei für „Landfahrer“ eingeführt. Diese Kartei ist eine der beiden bürokratischen Quellen für den Völkermord. Das andere ist die Erfassung durch die sogenannte „Rassenhygienische Forschungsstelle“.
Mit Blick auf den Völkermord erscheinen die rassistischen Ideologien als etwas spezifisch Deutsches. Sozialpolitische und kriminologische Maßnahmen werden aber in ganz Europa diskutiert. In Schweden gab es Sterilisierungen, in der Schweiz Kindeswegnahmen, in Frankreich besonders restriktive Maßnahmen, um die Freizügigkeit zu beschränken. So wie die medialen Repräsentationen – die „Zigeuner“-Bilder und -Geschichten – sind auch die Strategien im Umgang mit der Minderheit über die Jahrhunderte ein europäisches Phänomen.

… das seit dem EU-Beitritt von Rumänien und Bulgarien neue Aktualität erhält. Mit der neuen Zuwanderung scheinen die eingeübten Bilder unmittelbar wieder abrufbar zu sein: In „Wer betrügt, der fliegt“ steckt der Vorwurf des „parasitären“ Lebens. Statt von Familien von „Clan-Strukturen“ und „Bettelbanden“ zu sprechen, schließt direkt an das Bild der „Zigeunerplage“ an.

In der Tat zeigt sich, dass – im Gegensatz etwa zu anderen Opfergruppen des Holocaust – beim Sprechen über Angehörige der Romvölker so etwas wie Stopp-Regeln nicht zu existieren scheinen.
Sobald diese Tür geöffnet wird, begegnet man erschreckenden Formen von Hass und Aggression.

In der öffentlichen Diskussion ist „Armutswanderer“ oft ein Synonym für Roma.

Die Menschen, die kommen, ethnisch zu markieren ist das, was letztlich zu Eskalation und Konflikten führt. Es ist genauso falsch, wenn sich Rumänen von Angehörigen der Ethnie distanzieren wie wenn wir in „gut“ und „Roma“ sortieren. Im Pass steht das nicht, und das ist auch richtig so. Es gibt übrigens in allen Gesellschaftsbereichen soziale Aufsteiger, die jederzeit bestreiten würden, Roma zu sein. Und noch aus gutem Grund.
Zunächst einmal entspricht der Anteil der auswandernden Roma ihrem Anteil in den Herkunftsländern, liegt also bei rund 10 Prozent. Neben klassischer Einwanderung und den vielen Wanderarbeitern, die hier in der Fleischindustrie oder der Landwirtschaft arbeiten, gibt es die Gruppe der Notwanderer. Das ist zahlenmäßig weiterhin eine kleine Gruppe, die auch nicht viel größer werden wird. Die Schwächsten kommen nicht, sondern die, die noch eine kleine Chance sehen und bereit sind, alles zu tun, um ihre Lage zu verbessern.

Diese „Notwanderer“, wie sie sagen, stellen die Kommunen für große Probleme.

Es ist schon unwürdig, dass sie wandern müssen, und sie haben auch hier keine wirkliche Chance.
Städte wie Dortmund und Duisburg brauchen Geld, es gibt ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten, und das ist alles finanziell machbar. Zweitens ist die Roma-Integration ein Langzeitproblem europäischer Sozialpolitik, aber ein lösbares. Die EU hat das Thema vernachlässigt und unterschätzt. Sie ist vorrangig an wirtschaftlichen Integrationsprozessen interessiert gewesen und hat soziale Fragen wie Armut, Diskriminierung oder Ungleichheit immer an die zweite oder dritte Stelle geschoben. Wir bräuchten nur einen Bruchteil der Mittel, die wir für die Rettung der südeuropäischen Staaten ausgegeben haben, um die sozialen Verwerfungen in Rumänien und Bulgarien deutlich zu mildern.

Glauben Sie, dass das geschehen wird?

Ich war 2005 optimistischer. Die EU hat große Programme aufgelegt und die sogenannte Roma-Dekade ausgerufen, die im nächsten Jahr ausläuft. Diese Mittel wurden nicht abgerufen oder verschwendet. Doch es gibt Projekte, die zeigen, wohin der Weg gehen muss. Die Menschen, die sagen: „Ich kann das nicht aushalten, dass jetzt so viele in mein Viertel kommen“, verstehe ich. Die Alternative – ein Ende der Europäischen Integration – wäre auch nicht auszuhalten.

Klaus-Michael Bogdal
Europa erfindet die Zigeuner.
Eine Geschichte von Faszination und Verachtung.
Suhrkamp Verlag
24,90 Euro