29. Juli 2015 | Soziales | bp

Eine ganze Kleinstadt

Foto: Sebastian Sellhorst

21.065 Wohnungslose weist die NRW-Statistik für das Jahr 2014 aus – die Bevölkerungszahl einer ganzen Kleinstadt. Für das gesamte Land rechnet die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) für 2016 mit 360.000 Menschen ohne feste Wohnung – das entspricht der Einwohnerzahl von Bochum.

Die Schwäche jeder Statistik teilt auch die „Wohnungsnotfallberichterstattung“ der Landesregierung: das Dunkelfeld. Verkürzt gesagt: Wohnungslos ist nur, wer sich selbst offiziell dazu macht – nur wer Hilfe in Anspruch nimmt, wird gezählt. Immerhin sind in den letzten Jahren Meldungen freier Träger dazugekommen, der Anstieg der Zahlen ist vor allem auf die breitere Erfassung zurückzuführen.

Das Paradox bleibt: Wer auf sich gestellt ohne Wohnung auf der Straße schläft, ist (statistisch) nicht wohnungslos. Eine weitere Schwäche der Statistik verschuldet NRW nicht selbst: Es fehlt ihr an Vergleichbarkeit. Seit den 1990er Jahren sträuben sich alle Koalitionen im Bund gegen eine von Experten geforderte bundesweite Statistik. Und auch unter den Ländern ist NRW allein auf weiter Flur.

Mit der Professionalisierung der Wohnungslosenhilfe, der Arbeit vieler freier Träger und mit Hilfe des inzwischen weitgehend aufgegebenen sozialen Wohnungsbaus konnte in NRW die Zahl der Wohnungslosen in den letzten Jahrzehnten massiv gesenkt werden. Inzwischen beginnt sich gerade in Großstädten der Trend umzukehren. Wohnraummangel und eine wachsende Konkurrenz im günstigsten Segment des Wohnungsmarkts durch Einkommensarmut, unterzubringende Flüchtlinge etc. verschärfen selbst im Ruhrgebiet die Lage.

Besonders wenig Aussagekraft hat die Statistik in Bezug auf die große Zahl der „geringqualifizierten“ EU-Zuwanderer aus Süd- und Osteuropa. „Armutszuwanderer“ leben immer noch zu großen Teilen in prekären Wohnverhältnissen bis zur offenen Obdachlosigkeit. Ihr Status „zwischen den Systemen“ – nicht Flüchtling, nicht „hiesig“, oft ohne Leistungsanspruch – schafft eine praktisch unsichtbare Gruppe Wohnungsloser von kaum hochzurechnender Größe.