1. Juli 2012 | Soziales |

Ein X für ein U

„Wir wollen die Großstadt. Ohne umzuziehen.“
Wenn sich eine schrumpfende Region der leeren Kassen etwas wünschen dürfte, wären es wohl engagierte junge KünstlerInnen und Kreative, die nicht wegziehen wollen wie so viele andere, die Leerstände beleben, die sich nicht vom Elfenbeinturm herab, sondern von der sozialen Wirklichkeit aus definieren, die Kunst, Kultur, Politik und Stadtentwicklung zusammen denken. Das Ruhrgebiet hat solche Menschen.

Das Unverständliche: Gerade sie scheinen den Ruhrgebietskommunen lästig zu sein. Rückblick:
Im Sommer 2010 öffnet die Dortmunder Initiative für ein Unabhängiges Zentrum (UZDO) die leerstehende Kronenbrauerei, um sie mit Kunstausstellungen und -aktionen, Konzerten und Diskussionsveranstaltungen zu bespielen. Nach wenigen Stunden räumt die Polizei. Bis heute verfallen die Gebäude weiter.
Etwas länger darf zuvor die Essener Initiative „freiraum“ das DGB-Haus an der Schützenbahn nutzen, bevor der Hausherr den Rauswurf durchsetzt. Ausgerechnet der DGB.
Im letzten Dezember besetzt das Bündnis „DU it yourself“, das seit Jahren versucht, der Stadt ein selbstfinanziertes soziokulturelles Zentrum anzubieten, eine leerstehende ehemalige Schule in Duisburg Laar. Auch auch hier erzwingt nach wenigen Stunden eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei den Abzug.

Räume, Mitsprache, Verteilungsgerechtigkeit

Nun sind Besetzungen kein Selbstzweck. Sie sind Signale, dass etwas schiefläuft und eben das, „was passiert, wenn nichts passiert“ – in einer Formulierung von UZDO. Jetzt haben sich die verschiedenen Initiativen einen gemeinsamen Rahmen gegeben. Der neue Anlauf, der jungen, freien Szene heißt „Netzwerk X“. Ein breites Bündnis: Die ehemaligen Leerstandsbesetzer von UZDO, DU it yourself und „freiraum“, Kunstkollektive (Labsa e.V.), Theatergruppen (Theater Lebendich), Kultur- und Stadtentwickler (UMQ e.V., Urbanisten), die Club- und DJ-Szene ( Beatplantation, Feel Vergnuegen), lokale Zusammenschlüsse von Kreativen (Neue Kolonie West) – mehr als 20 Gruppen organisieren sich im „Netzwerk X“.
Ihre Ziele sind ehrgeizig. Sie erheben weiterhin Anspruch auf die kulturelle Zwischennutzung leerstehender öffentlicher Gebäude, für sie sind Leerstände „rechtlich blockierte Räume“. Und sie fordern Teilhabe: Das Netzwerk will einbezogen werden, Ansprechpartner sein für „künstlerische, soziale und stadtplanerische Inhalte“, Zugang bekommen zu städtischen Produktions- und Spielorten und Berücksichtigung finden in der kommunalen Förderstruktur.

Ein Recht auf Stadt

Der Logik der Kreativwirtschaft, der ständigen Inwertsetzung von Kunst und Kultur erteilen sie klare Absagen: „Wir sprechen nicht länger die Sprache der Versprecher, die uns ein U für ein X vormachen, Gameboywirtschaft als Kunst und Subventionierung von Immobilien als Kreativförderung verkaufen.“
„Man kann doch noch nicht einmal Theaterexperimente in der U-Bahn machen, ohne vertrieben zu werden“, sagt Melanie Schmitt-Nagler, deren Theater Lebendich Teil des Netzwerks ist. „Es gibt so viele gute Gruppen, die kein Gehör finden, und denen es um andere Dinge geht, als darum, welche gerade die nötigen Schlagwörter für Förderanträge sind. Davon sind nun viele im Netzwerk X.“
Nach Auftakt-Pressekonferenzen in Duisburg, Essen und Dortmund (Video) präsentierte sich das Netzwerk, Ende Juni auf der Duisburger Konferenz „Recht auf Stadt“. Und selbst im desolaten Duisburg blühte Optimismus: „Wir leben vielmehr im Paradies der Leerstände, Mieten sind meist moderat, Internet gibt’s auch, die öffentliche Infrastruktur funktioniert noch leidlich.“
Nun müssten die Kommunen sie nur lassen.

http://netzwerk-x.org/