5. März 2015 | Soziales |

Ein Mahnmal für Thomas Schulz

Am 28. März, dem Ostermontag 2005, wurde der 31-jährige Thomas Carsten Schulz von dem Nazi-Skinhead Sven Kahlin an der U-Bahn-Haltestelle Kampstraße in Dortmund erstochen. Während der zehnte Jahrestag der Tat naht, wartet Dortmund immer noch auf den 2007 beschlossenen Gedenkstein.

Thomas Schulz, auch „Schmuddel“ genannt, war an diesem Abend mit einigen seiner FreundInnen aus der Punk-Szene auf dem Weg zu einem Konzert. Während die Gruppe die Rolltreppe an der U-Bahn-Haltestelle hinauf fuhr, kamen ihnen auf der gegenläufigen Rolltreppe der 17-jährige Sven Kahlin mit einer Freundin entgegen. Zwischen Kahlin, der unschwer an seinem Outfit als Rechtsradikaler erkennbar war, und den Punks entspann sich ein Wortgefecht. Thomas war der einzige aus der Gruppe, der Kahlin nachging und diesen wegen seiner Äußerungen zur Rede stellen wollte. Was Thomas nicht wusste, war der Umstand, dass Kahlin längst ein Messer gezogen hatte und es vor ihm verbarg. Während der verbalen Auseinandersetzung stach Kahlin unvermittelt mit großer Wucht zu und floh mit seiner Freundin. Trotz der Hilfe von PassantInnen und Maßnahmen eines Notarztes auf dem Bahnsteig konnte Thomas nicht gerettet werden. Er starb am selben Abend.

Nazireaktionen

Die Dortmunder Nazi-Szene triumphierte über den Mord. Im Internet verbreitete sie: „Die Machtfrage wurde gestellt und wurde für uns befriedigend beantwortet: Dortmund ist unsere Stadt!“ FreundInnen und Bekannte von Thomas, die eine Mahnwache am Tatort abhielten, wurden angegriffen und bedroht. In der Nacht vor der großen antifaschistischen Demonstration zum Gedenken an Thomas am 2. April 2005 verklebten Nazis ein Plakat, mit dem sie Antifaschisten offen mit Mord drohten: „Wer der Bewegung im Weg steht, muss mit den Konsequenzen leben (…) Organisiert die Anti-Antifa.“ Die Dortmunder Naziszene versorgte ihren „Kameraden“ Sven Kahlin umgehend mit einem renommierten Strafverteidiger.

Ein Urteil

Das Landgericht Dortmund verurteilte Kahlin am 17. November 2005 wegen Totschlags zu einer Einheitsjugendstrafe von 7 Jahren. Obwohl er schon am 7. März 2005, also nur wenige Wochen vor der Tat, wegen dem Angriff auf einen Punker zu einem einwöchigen Arrest und 150 Euro Schadensgeld verurteilt worden war, bewertete das Gericht, dass die Tat „letztlich spontan und in Aufwallung von Wut und Verärgerung“ erfolgt sei. „Eine politische Motivation für die Tat stellte das Gericht im Ergebnis gerade nicht fest“, so der NRW-Innenminister in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2011.

Die Entpolitisierung – nur „Waffennarren“ und „Einzeltäter“?

Keine politisch motivierte Straftat und damit auch kein gesellschaftliches Problem, das zu bekämpfen wäre, so werden Tötungsdelikte mit rechtsextremen Hintergrund seit Jahren verharmlost: Am 14. Juni 2000 erschießt der in Körne lebende Nazi Michael Berger den Polizeibeamten Thomas Goretzky bei einer Verkehrskontrolle und dessen Kollegen Yvonne Hachtkemper und Matthias Larisch von Woitowitz auf der Flucht und schließlich sich selber – die Nazis feierten die Morde auf Flugblättern und Aufklebern: „Berger war ein Freund von uns. 3:1 für Deutschland.“ Er hatte in seinem Wagen und in seiner Wohnung Sprengstoff und Schusswaffen gelagert und war ohne Führerschein gefahren – deshalb wurde es nicht als politisch motivierte Tat, sondern als eine Tat aus „Verdeckungsabsicht“ von einem psychisch gestörten Waffennarren und Einzeltäter gewertet. Der Mord an Mehmet Kubasik am 4. April 2006 in der Dortmunder Nordstadt wurde jahrelang seinem persönlichen Umfeld angelastet – bis 2011 nach der Selbstenttarnung des NSU der rechtsterroristische Charakter des Mordes offensichtlich wurde.

Wiederholungstäter

Übrigens: Sven Kahlin wurde bereits nach knapp 5 Jahren am 23. September 2010 auf freien Fuß gesetzt: Ein Gutachter hatte geschrieben, neue Taten seien nicht zu erwarten. In der Haft wurde er von der „Hilfsorganisation für nationale und politische Gefangene“ betreut, hatte engen Kontakt zu seinen Kameraden und verkündete: „Dortmund ist und bleibt unsere Stadt!“ Keine drei Wochen nach der Haft trat er als Redner bei einer Nazi-Demo in Hamm auf. Auf seinem T-Shirt stand: „Was sollten wir bereuen“. Er beteiligte sich wieder an Überfällen auf „Linke“, Punker und Migranten, randalierte im Bochumer Bahnhof, die neuerlichen Strafen wurden auf Bewährung ausgesetzt. Dann schlug er auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt 2011 zwei türkische Teenager halbtot. Aus der U-Haft wurde er Ende September 2012 entlassen, da u.a. keine Wiederholungsgefahr bestünde. Im Januar 2013 wurde er zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt.

Kein Mahnmal

Am 23. August 2006 beschloss die Dortmunder Bezirksvertretung Innenstadt- West, „eine geeignete Gedenktafel oder einen Gedenkstein in die Neuplanung der Kampstraße zu integrieren“. Der Text sollte lauten: „In dieser U-Bahnhaltestelle wurde am 28.3.2005 der Punk Thomas Schulz von einem Neo-Nazi erstochen.“

Die CDU-Fraktion stimmte laut Protokoll dagegen: Das „subjektive Sicherheitsgefühl“ werde berührt, „wenn der normale Passant einen solchen Gedenkstein sieht“. Außerdem gehörten „nicht nur die Übergriffe von Rechts, sondern auch die von Links angeprangert“. Ein Jahr später, am 22. August 2007, wurde der Beschluss auf die Errichtung eines Mahnmals von der Bezirksvertretung bekräftigt. Dieser wiederholte Beschluss der Bezirksvertretung erstaunte damals viele Dortmunder, drückte die CDU doch auch die gängige Haltung und Praxis in Dortmund aus, Rechts mit Links gleichzusetzen und ein Problem eher im Widerstand gegen die Nazis als im Erstarken der Nazi-Szene zu sehen. Doch – wen wundert es – bis heute ist noch nichts geschehen.

Der Aufstellung eines Mahnmals stand zunächst angeblich der Umbau der Kampstraße zum „Boulevard“ entgegen. Die Baumaßnahmen sind nun aber seit geraumer Zeit abgeschlossen. Ein Mahnmal könnte hier zum 10-jährigen Todestag von Thomas Schulz stehen. Der Verdacht liegt nahe, dass es nie gewollt war.

Wie in jedem Jahr findet auch 2015 zum Todestag von Thomas Schulz eine antifaschistische Demonstration statt. In dem diesjährigen Aufruf heißt es: „Die Demonstration wird dieses Jahr zum zehnten – und auch zum letzten Mal – stattfinden.“ Ein verwunderlicher Standpunkt.

Thomas Schulz war einer von uns!

Wir werden Thomas Schulz nicht vergessen. Das heißt, sich jeden Tag aktiv einzumischen, wenn es um den Erhalt und den Ausbau demokratischer Grundregeln geht, dafür zu sorgen, dass Dortmund eine lebenswerte, demokratische Stadtkultur entwickelt, in der rechtsextreme Hassbotschaften keine Chance haben. Denn wir haben erlebt, dass die Politik, die Verwaltung und die Ordnungsbehörden in der Vergangenheit die Rechtsextremen haben gewähren lassen. Zu oft wurde aktives antifaschistisches Handeln kriminalisiert. Thomas Schulz war einer von uns, weil ihn das Auftreten, das zur Schau getragene Outfit des rechtsextremen Sven Kahlin nervte und er ihn zu Rede stellen wollte. Weil er sich einmischte, die zur Schau getragene Gesinnung nicht akzeptierte. Weil er nicht akzeptierte, dass Nazis zum Alltagsbild in unserer Stadt gehören sollen. Und weil das tägliche Einmischen letztendlich mehr bringt als alle Sonntagsreden zusammen.

Von Andreas Müller | Fotos: Geschichtswerkstatt Dortmund, Daniel Rehbein

Ein Film zu einem Gedenk-Graffito in Bochum unter:
http://unodinoi.blogsport.de/stream-de/