8. Mai 2014 |

„Du musst zum Inder werden, oder du kannst es gleich lassen“

Michael Saatkamp (32) aus Dortmund-Wickede betreibt eine Grundschule im indischen Bodhgaya. Er folgt damit einer Vision, die er vor Jahren auf Reisen hatte und die zunächst in eine Suppenküche für Bedürftige mündete. Die Schule trägt daher immer noch den Namen „A Bowl of Compassion“ – eine Schale voll Mitgefühl. bodo-Redakteur Hannes Weyland hat sie und ihren Gründer besucht.

Manchmal muss man weit reisen, um zu finden, was eigentlich vor der Haustür liegt. Ich kämpfe mich durch halb Indien, mit Zug und Bus durch Hitze und Lärm, durch Staub und Stress, bis ich Bodhgaya erreiche. Ich treffe den Dortmunder Michael Saatkamp (32) in Tika Bigha, wo er seit 2009 eine Grundschule für die Kinder dieses kleinen Nachbardorfes von Bodhgaya betreibt. Ungefähr 100 Schüler bekommen hier täglich Unterricht, eine warme Mahlzeit und samstags eine säubernde Dusche. Die Schule beschäftigt neben Manager Murari Singh (37) vier Lehrer, zwei Köche und eine Reinigungs- und Hilfskraft.

Bodhgaya liegt im indischen Bihar, einem der ärmsten Bundesstaaten dieser weltgrößten Demokratie, und ist vor allem Buddhisten als heiliger Ort bekannt. Hier kam vor über 2.500 Jahren der Buddha nach siebentägiger Meditation unter einem Bodhi- Baum zur Erleuchtung. Wie viele Rucksack-Reisende kam auch Saatkamp im Jahr 2008 nach Bodhgaya, um wie sie den großen Mahabodhi-Tempel zu sehen und die Spiritualität des Ortes zu erfahren. Indien war dabei eine von vielen Stationen einer zwei Jahre dauernde Reise durch Asien. Doch wie kein anderes Land, das der junge Erzieher damals durchreiste, hinterließ Indien einen regelrechten Schock. Die schwere Armut der Menschen und die prekären sozialen Verhältnisse vor dem Hintergrund einer hochmodernen Gesellschaft brachten ihn zum Nachdenken und bald zu einer Vision: Eine Suppenküche für Bedürftige. Anders als in Deutschland gibt es solche Einrichtungen in Indien nicht, nur sehr wenige kümmern sich um die Schicksale der Armen. Dabei reichen hier fünf Euro, um einen Menschen für einen Monat satt zu machen.

Mit diesem Grundgedanken traf Saatkamp seinen heutigen Partner, Murari Singh, der in Bodhgaya ein kleines Restaurant betreibt. Hierher kam der Deutsche während seines Aufenthalts jeden Morgen zum Frühstück und die beiden ins Gespräch über die Idee. Dank Singhs weitreichender Kontakte und seines Know-Hows waren bald alle Kosten und Regularien ermittelt. Fehlte nur noch die finanzielle Grundlage. Zurück in Deutschland begann Saatkamp zunächst, bei Freunden und Bekannten Geld zu sammeln. „Fünf Euro im Monat hat doch jeder über. Das sind eine Schachtel Zigaretten oder zwei Döner!“ Und tatsächlich sagten viele ihre Unterstützung zu. Als dann die Lokalzeitung von der Sache erfuhr und einen großen Artikel brachte, wuchsen die Zuwendungen, viele auf regelmäßiger Basis. Michael Saatkamp gründete den gemeinnützigen Verein „a bowl of compassion e.V.“ und machte sich ein halbes Jahr später mit dem gesammelten Geld auf den Rückweg nach Bodhgaya.

„Ich hatte nun so viel Unterstützung, ich wollte einen Schritt weitergehen.“ Für ihn war klar: Bildung ist das wichtigste Mittel, um den Menschen aus der Armut zu helfen. So begannen bald neben der laufenden Suppenküche die Bauarbeiten zum Schulprojekt. Vier Klassenräume, eine Küche, ein Essbereich und ein kleiner Innenhof.

Natürlich lief nicht immer alles glatt. Die Bauarbeiter erschienen nicht zur Arbeit, die Wände wurden schief gesetzt, es ging viel zu langsam voran. Man muss sich in Gelassenheit üben, um da nicht zu verzweifeln: „Du musst zum Inder werden, oder du kannst es gleich lassen“, so Saatkamp. „Es geht immer irgendwie. Zwar nicht so geordnet und effektiv wie wir Deutschen es kennen, aber es geht.“ Seine Ausdauer wurde belohnt. Die Schule zählt mittlerweile 100 Schülerinnen und Schüler und besitzt in Bodhgaya einen sehr guten Ruf.

Neben der Schule hat er nun auch noch im gleichen Gebäude ein Guest House mit zwei Doppelbettzimmern und einem Achtbett-Schlafsaal und angeschlossenem Café eröffnet. Der Erlös fließt komplett ins Projekt. Rucksackreisende bekommen so einen direkten Einblick in die Arbeit, man wird inspiriert, sich direkt einzubringen. Während meines Aufenthaltes kümmert sich z.B. ein Franzose aus Strasbourg um die Website des Guest Houses und ruft eine Postkartenaktion ins Leben, während eine Italienerin den Auftritt bei der Traveller-Website „trip advisor“ organisiert. „Irgendwann soll die Schule komplett durch die Einnahmen aus dem Guest House getragen werden.“ Und wie geht es dann für Saatkamp weiter? „Ich will aus dem Tropfen auf dem heißen Stein ein Rinnsal werden lassen. Vielleicht irgendwann einen Bach.“ Er wolle aber nicht das eine Projekt weiter aufblasen, lieber erstmal nur ein weiteres betreuen, sagt er. Er möchte nicht die Übersicht verlieren und alles transparent halten. Und doch geht es voran: Eine neue Schule bereits im Aufbau, die Patenschaften für die Schulkinder beinahe zur Hälfte finanziert. (Hannes Weyland)