30. Oktober 2012 | Straßenmagazin | Soziales |

Der Realität der Zuwanderung begegnen

Seit einem Jahr beraten, begleiten und betreuen Monika Kasler und Johanna Smith Familien mit schulpflichtigen Kindern, die aus den EU-Ländern Rumänien und Bulgarien nach Dortmund kommen – in den jeweiligen Muttersprachen der Neuzuwanderer. Das Projekt „Schritt-Weise“ des Diakonischen Werks Dortmund ist damit allein auf weiter Flur. bodo sprach mit den Projektmitarbeiterinnen über bürokratische Hürden und den Mangel an Hilfsangeboten, über die Not der Zuwanderer und deren großen Einsatz, ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

bodo Seit einem Jahr gibt es „Schritt-Weise“. Wie sind Sie mit den Familien in Kontakt gekommen?

Smith Wir haben in den Schulen erste Kontakte zu den Familien geknüpft, aber auch andere Orte gesucht, an denen wir in Kontakt kommen konnten. In vier kooperierenden Schulen bieten wir feste Sprechzeiten an. Ganz wichtig für uns ist das Gesundheitsamt. Hier sind wir zweimal in der Woche im Rahmen der Sprechstunde für nicht krankenversicherte Kinder und haben auch vor Ort einen getrennten Beratungsraum für Bildungsberatungen. Wir treffen häufig die Familien, die wir aus den Schulen kennen, dort. Sie sehen, die Tür ist immer offen, und die Leute kommen einfach rein und fragen auch nach gesonderten Terminen. In den Schulen helfen wir, Regeln zu vermitteln, übersetzen bei den Elterngesprächen und erklären kulturelle Differenzen. Und wir sind begeistert, wie viele engagierte Lehrer und soziale Fachkräfte es gibt.
Kasler Was uns am Anfang positiv aufgefallen ist, ist das Bemühen der Eltern, einen guten Schulstart zu ermöglichen. Das heißt, dass trotz existenzieller Not die Kinder Frühstück dabei hatten und etwas zu trinken und alle sauber und schön angezogen waren. Von Vernachlässigung konnte und kann keine Rede sein, die Eltern geben sich große Mühe, auch wenn es am Nötigsten fehlt. Vielen Eltern ist es sehr wichtig, dass die Kinder eine gute Ausbildung erhalten. Das deutsche Schulsystem ist ihnen nicht geläufig. Hier versuchen wir, konkrete Aufklärungsarbeit zu leisten und schaffen mit unserem Beratungsangebot einen Beitrag zum Bildungserfolg und der Bildungsplanung der Kinder.

bodo Wer kommt in Ihre Beratungen?

Kasler Wir betreuen zur Zeit 70 Familien, 40 rumänische, 30 aus Bulgarien. Das ist sehr viel, denn der Betreuungsaufwand ist immens. Wir müssen uns auf Familien mit schulpflichtigen Kindern beschränken. Die Not dieser Familien ist so groß und es gibt überhaupt keine Anlaufstelle für diese Leute, so dass jeder Strohhalm genutzt wird. Dass wir auf Bulgarisch und Rumänisch beraten können, schafft sofort Vertrauen. Der Schlüssel ist die Muttersprachlichkeit.
Smith Die Familien, die zu uns kommen, sind fest entschlossen, sich hier etwas aufzubauen. Ich betreue eine Mutter, die sagt, dass sie sich für ihre Tochter wünscht, dass sie nicht mit 15 oder 16 heiratet wie sie selbst, sondern ihre Schulausbildung schafft und eine Ausbildung macht. Das ist sehr typisch. Übrigens: Das Mädchen spricht inzwischen perfekt Deutsch. Von Anfang an kamen viele Fragen der Familien, z.B. auch zur Wohnkultur: Dürfen zwei Geschwister in einem Bett schlafen oder darf wie in Bulgarien eine Schlafcouch in der Küche stehen. Die Eltern sind sehr unsicher, wir versuchen sie aufzuklären.

bodo Die Ausgangssituation der Familien ist denkbar schlecht. Sie sind zwar EU-Bürger und dürfen sich hier aufhalten, Sozialleistungen stehen ihnen aber meist nicht zu und eine Arbeitserlaubnis wird selten erteilt. Die bürokratischen und rechtlichen Hürden scheinen unüberwindbar…

Smith Ja, die Lage ist für die meisten Familien sehr schwierig. Viele Familien sind mit den bürokratischen Hürden überfordert.
Kasler Bei der Familienkasse z.B. müssen sie nachweisen, dass sie richtig angemeldet sind, dass sie krankenversichert sind, dass sie ein ausreichendes Einkommen haben. Ein Missverständnis und damit eine falsche Angabe bei der Anmeldung allein kann zu Kosten von mehreren hundert Euro für Dokumente und Übersetzungen führen. Wir gehen dann mit der Familie zur Krankenkasse. 330 Euro kostet die Kasse für Selbstständige. All das, auch eine Gewerbeanmeldung, muss ohne Einkommen bewerkstelligt werden. Die Selbstständigkeit ist nötig, weil in aller Regel keine Arbeitserlaubnis erteilt wird, und die wäre wieder Voraussetzung für Leistungen vom Jobcenter. Auch da beißt sich die Katze in den Schwanz. Die Leute sind so verzweifelt, sie wollen sich integrieren, sie wollen weiterkommen, aber alleine schaffen sie es nicht.
Smith Der Bedarf ist riesig und es gibt praktisch keine Angebote, selbst Beratungsstellen rufen uns an und fragen, ob wir übersetzen oder begleiten können. Leider gibt es deshalb „Beratungsleistungen“ aus den Communities selbst, wo Menschen für Hilfe, Übersetzungen usw. Geld nehmen und so die Ärmsten dann noch weiter ausbeuten.

bodo Wie belastet diese Lebenssituation die Kinder?

Smith Die basalen Dinge sind die Voraussetzung dafür, dass ein Bildungserfolg überhaupt möglich wird. Manchmal kommen Kinder nicht, weil sie für die Eltern übersetzen müssen, denn in der Schule lernen sie sehr schnell Deutsch. Und manchmal werden Kinder von der Schule abgemeldet, weil die Eltern das Geld für die Schulmaterialien nicht zahlen können oder der Weg zu weit ist und für ein Schokoticket ein Konto nötig ist. Die Eröffnung von Konten ist zunehmend ein Problem. Essensgeld und Ganztag stellen die Eltern ebenfalls zunehmend vor Probleme, obwohl die Schulen sich sehr engagieren.
Kasler Es gibt aber auch Erfolge. Sobald ein Elternteil Arbeit hat, ändert sich die Situation vollständig. Wir betreuen Familien, die zur Zeit des Projektstarts in der gleichen, scheinbar ausweglosen Situation waren. Inzwischen sind die Eltern angestellt, die Familie ist krankenversichert, und die Kinder besuchen Regelklassen und gehen mit Spaß zur Schule.

bodo Hilfen für Menschen aus Bulgarien und Rumänien sind seit Jahren kaum durchsetzbar. Die Kommunen fürchten, damit ihre Attraktivität für die ungewünschten Zuwanderer noch zu erhöhen.

Kasler Beratung heißt ja nicht Anwerbung. Eine Familie aus Frankfurt rief zum Beispiel an und fragte nach der Situation in Dortmund. Die haben geglaubt, ihre Verwandten wollten sie fernhalten. Am Ende des Gesprächs sagten sie: „Frau Kasler, vielen Dank, wenn wir das nicht gewusst hätten, wären wir gekommen. Es wäre uns schlechter gegangen.“
Smith In den Herkunftsländern haben die Menschen keine Vorstellung davon, was hier auf sie wartet. Sie sind hochmotiviert und malen sich Deutschland als Paradies aus. Auch da mangelt es an Information. Wir bekommen auch Anfragen von Familien, die zurück wollen und nicht wissen wie, weil selbst das Geld für die Busreise zurück fehlt. Wenn man die Leute schon vor der Reise darüber informiert, was hier nötig ist, können sie besser vorbereitet kommen oder eben zu Hause bleiben. Dazu gehören auch Informationen über Hilfen und Perspektiven in den Herkunftsländern. Wir brauchen eine Stelle, die das übernimmt.

INFO
Projekt „Schritt-Weise“ Diakonisches Werk Dortmund und Lünen Rolandstraße 10 | 44145 Dortmund schritt-weise@diakonie-dortmund.de www.diakonie-dortmund.de Das Projekt „Schritt-Weise“ ist Bestandteil des Integrierten Handlungsprogramms „Soziale Stadt NRW – Dortmund Nordstadt“ und wird durch die EU, den Bund, das Land und die Stadt Dortmund gefördert.