13. Januar 2014 | Straßenmagazin |

Der mit dem Hund spricht

Foto: Marc Rehbeck

Martin Rütter – ein Phänomen. Millionen sehen seine Fernsehsendungen, hören auf seinen Rat. Mit seinen Shows füllt er die größten Hallen. Hundeerziehung, das ist für ihn zunächst einmal Erziehung von Herrchen oder Frauchen.

bodo: Herr Rütter, das ganze Land kennt sie mittlerweile durch Ihre Fernseh-Auftritte. Schätzen Sie diese Art der Bewusstseinsbildung oder freuen Sie sich, zwischendurch auch nochmal auf dem Hundeplatz zu trainieren?

Martin Rütter: Definitiv beides. Ich mag insgesamt diese Mischung. Und ganz gleich, ob ich nun auf der Bühne, im Fernsehen oder auf dem Trainingsplatz bin, ändert sich mein Thema ja nicht – und das heißt Hund und die Beziehung zum Menschen.

bodo: Mehr als 5.500 Hunde haben Sie schon erzogen. Gibt es da noch Fälle, die Sie schockieren?

MR: Schockieren klingt ein wenig hart, aber es gibt immer wieder Überraschungsmomente, die einen staunen lassen. Das ist ja auch das Spannende an der Hundewelt: Jeder Hund ist anders, es wird nie langweilig. Es existieren eben nicht nur klassische Probleme, sondern auch Dinge, die sich auch für mich erst einmal sehr ungewöhnlich anhören. Und genau deshalb versuche ich ja, den Leuten immer wieder zu erklären, dass es nicht seriös ist, Ferndiagnosen abzugeben, sondern man muss Hund und Problem immer vor Ort sehen, um eine fundierte Einschätzung abgeben zu können.

bodo: Alle hören auf Ihre Ratschläge in Sachen Hund. Was Sie sagen, ist quasi Gesetz. Erschrickt Sie diese Autorität nicht manchmal?

MR: Ganz so ist es ja nicht, denn auch ich bekomme mitunter Kritik um die Ohren gehauen, die ich mir auch immer anhöre und zu Herzen nehme, so lange sie fair und sachlich bleibt. Erschrecken könnte mich schon eher mein Bekanntheitsgrad. Wahnsinn, wo und von wem alles man manchmal erkannt wird. Aber da ich schon seit ein paar Jahren in der Öffentlichkeit unterwegs bin, habe ich mich auch daran längst gewöhnt. Ich genieße es, mit Leuten den Austausch zu pflegen.

bodo: Ist es für Sie noch möglich, privat auf Hunde und deren Besitzer zu treffen, ohne deren Verhalten zu analysieren?

MR: Es liegt natürlich auf der Hand, dass ich bei Begegnungen mit Hunden auch gleich die analytischen Antennen ausfahre. Dieser Impuls lässt sich nie ganz abschalten, das hat man im Blut. Ein professioneller Fußballtrainer könnte sich auch nie ein Spiel anschauen, ohne den analytischen Blick walten zu lassen.

bodo: Wie sehen Sie das Verhältnis zu unseren liebsten Vierbeinern in der Zukunft? Vermenschlichen wir unsere Hunde nicht viel zu sehr?

MR: Ja, das ist häufig ein Kernproblem. Ein Hund muss Hund bleiben dürfen. Aber letztlich kann man sich wirklich glücklich schätzen, wie viel Liebe und Leidenschaft die meisten Menschen gegenüber ihren Hunden aufbringen. Dem Großteil der Hunde ging es noch nie so gut wie heute. In vielen Haushalten fungieren die Hunde inzwischen nicht selten sogar als Kind- oder Partnerersatz. Das kann er ja gerne sein, aber wenn die arteigenen Bedürfnisse des Hundes vernachlässigt werden, indem der Mensch ausschließlich seine eigenen Wünsche in den Mittelpunkt stellt und damit Erwartungen schürt, die der Hund niemals erfüllen kann, dann wird es problematisch.

bodo: Jeder dritte Hundehalter gibt an, dass sein Hund wichtiger für ihn ist als ein menschlicher Bezugspartner. Für viele unserer Klienten auf der Straße trifft dies auch zu. Ist es nicht traurig, dass der Hund mitunter zum Ersatz für menschliche Nähe wird?

MR: Jein, natürlich ist es einerseits traurig, denn die Ursache für den Menschen-Ersatz ist ja nicht selten Einsamkeit. Alleine zu sein, ist für keinen Menschen schön. Anderseits kann der Hund, sofern er ein seinen Bedürfnissen entsprechendes Leben führen darf, ein sehr wichtiger Bezugspunkt für diese Menschen werden. Der Hund ist ein überaus verlässlicher und treuer Begleiter, das hilft diesen Menschen. Es existieren Studien, die die positive Wirkung sogar durch die bloße Anwesenheit eines Hundes belegen: Sie reduziert Stress, beruhigt und hilft, Ängste oder Unsicherheiten zu überwinden. Natürlich sollte der Sozialkontakt zum Menschen immer erstes Ziel bleiben, aber wenn sich zwischen Mensch und Hund eine für beide Seiten förderliche Beziehung entwickelt, dann ist das doch toll. Ich jedenfalls rechne es den Menschen hoch an, dass sie sich mit sehr viel Liebe und Herzblut für Tiere einsetzen.

MM: Viele kritisieren Obdachlose, die Hunde halten. Dabei ist der Hund oft das einzige Lebewesen, das ihnen noch geblieben ist. Was meinen Sie dazu?

MR: Die Kritik ist völlig absurd. Ganz im Gegenteil: Im Rahmen meiner Beobachtungsstudien habe ich vor allem immer die Obdachlosen bewundert, welch hervorragende Beziehung sie in den meisten Fällen zu ihren Tieren pflegen. Das ist sehr spannend zu sehen. Zwischen einem Obdachlosen und seinem Hund wird man nur in seltenen Fällen Probleme ausmachen können, denn da herrschen klare Regeln. Davon könnten sich viele andere Hundebesitzer eine große Scheibe abschneiden. Und dass für viele Obdachlose der Hund ein sehr wichtiger Sozialpartner ist, versteht sich wohl von selbst.

Mona Monsieur
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