29. August 2014 | Straßenmagazin |

Das ist vielleicht nicht Detroit

Recht auf Stadt im Ruhrgebiet

Recht auf Stadt im Ruhrgebiet

„Interventionen – Stadt für alle“ lautete der Titel einer ruhrgebietsweiten Konferenz, die im letzten September in Bochum stattfand. Die Konferenz gab den Anstoß für die Bildung eines offenen Netzwerks aus urbanen AktivistInnen und AkteurInnen aus sozialer Arbeit, Kunst, Kultur und Wissenschaft. Im Anschluss an die weltweite „Recht auf Stadt“-Bewegung fordert das Netzwerk heraus zur Diskussion über Engagement und Teilhabe in einer Nicht-Metropole. Ihr „Manifest“ trägt den provozierenden Titel „Von Detroit lernen“. Ein Interview.

bodo Die „Recht auf Stadt“-Bewegung von New York bis Hamburg verbindet man in erster Linie mit dem Kampf gegen „Gentrifizierung“, die Verdrängung alteingesessener Nachbarschaften in Innenstadtquartieren durch zahlungskräftige Latte-Macchiato-Trinker. Was hat das mit dem Ruhrgebiet zu tun?

Recht auf Stadt Ruhr Nichts. Gentrifizierung und die damit verbundenen überhitzten Wohnungsmärkte sind ökonomische Prozesse, die wir praktisch nicht kennen. Nur wenn so etwas künstlich implantiert wird wie beim Phoenix See, sieht man hier Ansätze davon. Im Ruhrgebiet hat man es mit Schrumpfungsprozessen zu tun, mit Armut, das ist etwas grundsätzlich anderes. Das „Recht auf Stadt“ ist jedoch, was die Forderungen angeht, in Berlin und im Ruhrgebiet dasselbe – nur, dass es anders ausbuchstabiert werden muss. Es geht auch hier um Teilhabe, Teilhabe am gesellschaftlichen, am urbanen Leben, und um eine Gegenposition zu einer Ideologie, die Stadtentwicklung nur noch in Kategorien von Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing denken kann.

bodo Was heißt das konkret?

RaSR Das Ruhrgebiet schrumpft, hier ist unendlich viel Platz. Allein in Duisburg gibt es etwa 12.000 leerstehende Wohnungen. Trotzdem halten die Städte an dem Glauben fest, ungenutzte Immobilien oder Flächen ließen sich früher oder später wieder „in Wert setzen“. Wert erhält ein Raum aber erst durch seine Nutzung. Tatsächlich ist es aber so, dass kleine, sich selbst organisierende soziale und kulturelle Projekte wie „Goldkante“ und „Alsenwohnzimmer“ in Bochum oder „Nordpol“ und „Rekorder“ in Dortmund ihre Räume irgendwann auf dem freien Immobilienmarkt finden. Gruppen, die mehr Platz benötigen und wenig Geld haben wie „UzDo“ in Dortmund, die Künstlerinitiative „Freiraum2010“, die Initiative „Bärendelle“ in Essen oder das Netzwerk „DU it yourself“ in Duisburg, beißen sich an der Ignoranz der Stadtverwaltungen die Zähne aus. Menschen, die bereit sind, Leerstände sozial in Wert zu setzen, werden blockiert, stattdessen verbrennt man Geld in der Blase Kreativwirtschaft oder in ruinösen Leuchtturmprojekten.

bodo Warum ist das so?

RaSR Das hat einerseits mit der Geschichte einer Region zu tun, die es kennt, dass Prozesse von oben gelenkt und dann von breiten Koalitionen bestätigt werden. Dazu kommt ein von Minderwertigkeitsgefühl und Repräsentationsdenken geprägter Kulturbegriff: Das Dortmunder U muss innen aussehen wie ein Großraumbüro, das man mit Rigipswänden und Standardauslegeware zu einem Unort macht. Das darf kein offenes Mauerwerk haben oder teilfertig bespielt werden. Kultur ist hier, wenn man gut durchwischen kann. Es gibt ein großes Misstrauen gegen die Fähigkeiten der Leute, deshalb scheint es besser, Dinge vorzugeben. Kulturelle oder soziale Basisinitiativen werden dann nicht als Bereicherung, sondern als ordnungspolitisches Problem wahrgenommen. Wer damit nicht klarkommt, zieht eben weg.

„Wir sind der Meinung, dass es das Ruhrgebiet nicht gibt. Duisburg, Oberhausen, Essen, Gelsenkirchen, Bochum, Dortmund und all die anderen Städte betreiben eine kannibalistische Kirchturmpolitik gegeneinander. Sie streiten um Fördermittel und darum, wo der nächste Leuchtturm aufgestellt werden soll“.

bodo Ihr schreibt: „Wer neben die Armutsquartiere Leuchttürme baut, auf dass ihr Licht früher oder später auch die Armen erreicht, ist nicht nur ignorant, sondern zynisch.“

RaSR Genauso wie der Fakt der Schrumpfung, des „Minus-Wachstums“ erst einmal zugegeben werden muss, bevor man handeln kann, müssen Ursachen und Auswirkungen der Armut im Ruhrgebiet erst einmal gesehen werden, auch wenn einen andere „Metropolen“-Bewohner dafür vielleicht schief anschauen. „Vollbeschäftigung“ wird es hier nie wieder geben. Die Malocher-Folklore kaschiert das nur schlecht.

bodo Mit toten Industrien meint Ihr Kohle und Stahl?

RaSR Erst einmal, ja: Gemeinsam mit Gewerkschaften und Sozialdemokratie ist es der Montanindustrie gelungen, ihr Sterben durch Milliarden-Subventionen zu verlängern und zugleich andere Entwicklungsmöglichkeiten zu blockieren. Bis zur Stilllegung der letzten Zeche im Jahr 2018 fließen weiterhin jährlich rund 1,5 Mrd. Euro an den Zombie Ruhrkohle AG. Welche Alternativen hätten mit diesen gewaltigen Summen im Ruhrgebiet gefördert werden können? Aber der Traum der großen Industrien geht ja weiter: Bochum sucht Opel-Nachfolger im produzierenden Gewerbe und alle spielen mit im Rattenrennen um Subventionen und Standortfaktoren. Für Nokia hatte man dem flüchtigen Kapital alle Wege geebnet. Gelsenkirchen wurde mit Geschenken für Unternehmen, Infrastruktur und Flächen zur Solarstadt ausgerufen – wie man das eben so macht. Diese ganze Industrie ist im Stattdessen zieht sich nördlich der A40 von Duisburg nach Dortmund ein Armutsgürtel durchs Ruhrgebiet, der sich zunehmend verfestigt, eigene Armutsquartiere schafft, und in dem „Minderleister“ und „BürgerarbeiterInnen“ „beschäftigt“ in Armut verbleiben, die durch Tafeln und Sozialkaufhäuser „lebbar“ gemacht wird. „Recht auf Stadt“ bedeutet die Teilhabe aller an einem guten Leben. Stattdessen trennen sich die Lebenssphären von arm und nicht arm immer weiter: Sichere Konsumzonen und Wohnviertel auf der einen, Platz für die Überflüssigen auf der anderen Seite der Bahnlinie. Perspektivisch bedeutet das, über ganz neue Formen der Einkommensverteilung nachzudenken – über die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen. Konkret heißt das: Wenn öffentliche Gelder ins Ruhrgebiet fließen, müssen sie für soziale Infrastruktur und in diesem Sinne kommunale Gemeingüter verwendet werden und nicht für monströse Leuchtturmprojekte oder tote Industrien.

„Wir fordern die Anerkennung einer Produktion von urbanem Leben, das sich nicht dem Zwang der kommerziellen Verwertbarkeit unterwerfen muss, und das Freiräume benötigt, um sich entfalten zu können.“ „Wir trauern dem Verschwinden der für das Ruhrgebiet typischen Industriearbeit nicht nach. Wir wollen die Bilder von den heldenhaft verklärten Arbeitsmännern nicht mehr sehen. Wir stellen diese Identität stiftende Ruhrgebietsfolklore in Frage.“

bodo Ihr bezieht Euch im Hinblick auf diese Bedürfnisse und Potenziale auf Detroit, das Sinnbild der gescheiterten postindustriellen Stadt.

RaSR Das Schauspiel Bochum hat mit seinem Detroit-Projekt versucht, diese Verbindung herzustellen und ist damit in großer Ratlosigkeit gescheitert. Wir machen die Unterschiede deutlich: Von der existentiellen Not im auseinandergebrochenen Gemeinwesen Detroit ist das Ruhrgebiet weit entfernt. Trotzdem ist es ein Labor für solidarische Ökonomien. Eine Kultur des Teilens, die eben nicht „bürgerschaftliches Engagement“ ist, das kostenlose soziale Arbeit und Almosen organisiert, wo sich der Sozialstaat zurückgezogen hat, sondern wo es um die Entwicklung tatsächlich anderer Modelle der Sorge und Teilhabe geht. Wie nennen das „Produktion des Gemeinsamen“. Auch das müssen Kommunen und Verwaltungen nicht beschließen – sie müssen es eben nur nicht verhindern.

16. September, 19.30 Uhr: Diskussion und Vorstellung im „Nordpol“, Münsterstraße 99, Dortmund.

Weitere Termine u.a. in Bochum, Essen und Duisburg www.rechtaufstadtruhr.de