15. Juni 2012 | Soziales |

„Crashtest Nordstadt“

„So, jetzt muss ich euch allein lassen – ich hab´ einen Termin beim Theater.“
Die Dortmunder Nordstadt und ihre Bewohner: Projektionsfläche, Klischee, Thema für Journalisten von außen, Objekt von Stadtplanung, Ordnungspolitik, sozialer Arbeit. Der Regisseur Jörg Lukas Matthaei, Spezialist für Theatererfahrungen, die Grenzen durchbrechen, dreht den Spieß um. Mit mehr als 50 Bewohnerinnen und Bewohnern der Dortmunder Nordstadt hat er ein Spiel entwickelt, in dem sich Theaterbesucher einem „Crashtest Nordstadt“ stellen. Mit dabei: Fünf VerkäuferInnen des Straßenmagazins. Einer davon ist Metin.

Seit Kay Voges das Schauspiel Dortmund leitet, macht das Theater nicht nur bundesweit mit spektakulären Inszenierungen von sich Reden, es „bespielt“ auch die Stadt in einer Art und Weise, die Dortmund vorher kannte: Durch eine Vielzahl neuer Spielorte einerseits, vor allem aber durch Einmischung, durch das kritische Thematisieren der Stadt selbst. Die Reihe „Stadt ohne Geld“, an der auch schon unsere Verkäufer beteiligt waren, Winkelmanns Reise ins U oder der ungefragte Gang des Bürgerchors in die Thier-Galerie (bodo 1/2012) stehen für diese Auseinandersetzung. Das neue Projekt von Jörg Lukas Matthaei ist der nächste Schritt: Bei „Crashtest“ bestimmt die Nordstadt.
In einer ehemaligen Fahrschule zwischen Nordmarkt und Schleswiger Platz treffen sich die Akteure. Nordstadt-Originale, Frauen mit Kopftuch, junge Hip-Hop-Kids, bodo-Verkäufer, dazwischen Theaterleute.
Metin ist schon seit Wochen aufgeregt. Mit einer kleinen Digitalkamera, die er vom WDR geschenkt bekommen hat, filmt er seine Proben und sieht sich die Fortschritte an. Metin lacht. „Ich darf nicht viel erzählen, aber ich übe gerade, wie ich meine Wohnung am Besten an die Theaterbesucher verkaufe. Die fehlenden Fensterdichtungen sind doch eine Art Klimaanlage, oder?“
In kleinen Gruppen werden die Besucher sich vom Nordmarkt aus aufmachen, gelotst, geführt und „verkauft“ von den Nordstädtern. Jeder Theaterbesucher seine eigene Aktie, im Spiel herausgefordert, sich „in Wert zu setzen“. Und in Situationen gebracht, in denen Fähigkeiten gefordert sind, die anderswo wenig Bedeutung haben. Metin freut sich: „Die Theatergäste können hier eine Menge lernen. Und sie sollen sich immer fragen, ist der jetzt vom Theater oder nicht?“
Das Unerwartete, das Spiel mit der Realität eines Stadtteils und die ungewohnte Situation, als Experte gefragt zu sein, gefallen Metin am Besten, sagt er. „Hier haben wir den Vorsprung. Im Spiel heißt das ,Checker´. Und die Leute kommen her und müssen sich fragen, wie sind hier die Regeln, was muss ich machen, damit es weitergeht.“ Für beide Seiten eine besondere Erfahrung.
Und über allem die Theaterfrage, die hinter dem „game“ und seiner Marktrhetorik steht: „Was bist du wert?“

INFO
Die Vorstellungen des ersten Teils („Crashtest Nordstadt. mach mein spiel“) beginnen um 18.30 Uhr. Premiere ist am 15. Juni. Weitere Termine: 16., 19., 20., 21., 23., 24., 27., 28., 29. Juni.
Start und Ziel ist der Nordmarkt,
Karten kosten 10, ermäßigt 6 Euro an der Theaterkasse oder unter www.theaterdo.de.

Empfohlen werden bequemes Schuhwerk und wettergerechte Kleidung – ebenso ein Mobiltelefon.
Bei Regen beginnen und enden die Vorstellungen in der ehem. Neuapostolischen Kirche, Braunschweiger Straße 31-33 (Nähe Nordmarkt).
Für die Vorstellungen des zweiten Teils („Crashtest 2. rückkehr zur nordstadt“) im September und Oktober beginnt zehn Wochen vor dem jeweiligen Spieltermin der Vorverkauf.