14. November 2013 |

Chamisso-Preisträger lesen bei bodo

Am Donnerstag, dem 14. November freut sich der Buchladen des gemeinnützigen „bodo e.V.“ auf hochliterarischen Besuch. „bodo“ ist stolz, die Preisträger des Adelbert-von-Chamisso-Preises 2013 begrüßen zu dürfen. Marjana Gaponenko, Anila Wilms und Matthias Nawrat lesen im Rahmen der Chamisso-Tage an der Ruhr in unserem Buchladen am Schwanenwall.
Mit dem mit insgesamt 29.000 Euro dotierten Preis ehrt die Robert Bosch Stiftung herausragende Beiträge zur deutschsprachigen Literatur von AutorInnen, deren Werk von einem Sprach- oder Kulturwechsel geprägt ist. Der Preis ist einer der wichtigen Literaturpreise und der einzige seiner Art in Deutschland.

„Und Dich, mein lieber Chamisso, hab ich zum Bewahrer meiner wundersamen Geschichte erkoren, auf daß sie vielleicht, wenn ich von der Erde verschwunden bin, manchen ihrer Bewohner zur nützlichen Lehre gereichen könne. Du aber, mein Freund, willst Du unter den Menschen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld. Willst Du nur Dir und Deinem bessern Selbst leben, o so brauchst Du keinen Rat.“

So endet „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“, der wohl bekannteste Text des Deutsch-Franzosen Adelbert von Chamisso (geb. 1781), des adeligen Flüchtlings und eigensinnigen Aufklärers. Peter Schlemihl hat seinen Schatten eingetauscht gegen Reichtum – und das Ausgeschlossensein. Mit ihm geht es so lange bergab, wie er hofft, alles würde irgendwann wieder beim Alten sein. Am Ende verzichtet Schlemihl auf den Reichtum und seinen Schatten, wird belohnt mit den märchenhaften Siebenmeilenstiefeln und lebt ein freies, neues Leben.

Chamisso war ein Grenzgänger, im wahrsten Sinne. Ein privilegierter Adliger, der seine Heimat verlassen musste, und ein liberaler Bürger, der drastische sozialkritische Gedichte verfasste. Ein Franzose, der auf deutsch schrieb und als erster die Gedichte von Hans Christian Andersen aus dem Dänischen übersetzte. Ein Europäer.

Ihm widmete die Robert Bosch Stiftung bereits 1985 einen in seiner Art einzigartigen Literaturpreis, der Autorinnen und Autoren ehrt, die „vor dem Hintergrund ihres eigenen Sprach- und Kulturwechsels Aspekte interkultureller Existenz sprachkünstlerisch gestalten“.
Migration ist der Normalfall menschlicher Existenz. Wie wir das in unseren jeweiligen Lebensumfeldern immer wieder aus dem Blick geraten lassen, vergisst auch die Behauptung von „Nationalkulturen“ zu oft, dass diese alles andere sind als Inseln, sondern durchzogen von Einflüssen des vermeintlich „Fremden“, das sie erst zu dem werden lässt, was sie sind.

Gerade am Beispiel des Chamisso-Preises lässt sich nachzeichnen, wie innerhalb weniger Jahrzehnte aus „Gastarbeiterliteratur“, „Migrationsliteratur“ und dann ein unverzichtbarer Bestandteil deutscher Gegenwartsliteratur geworden ist – „Chamisso-Literatur“.

Die diesjährigen Preisträger sind exemplarisch für die junge Generation von Europäern: Marjana Gaponenko, die Hauptpreisträgerin, wurde 1981 in Odessa in der Ukraine geboren und studierte dort Germanistik. Sie lebte in Krakau und Dublin und nun in Wien und Mainz, seit 1996 schreibt sie auf deutsch. Ihr Roman „Wer ist Martha?“ bringt scheinbar unvereinbares zusammen: Er ist ein Schelmenroman über das Sterben – eine Entdeckung des letzten Jahres.
Die aus Tirana in Albanien stammende Anila Wilms kam 1994 als Stipendiatin nach Berlin und verfasste hier ihren ersten Roman „Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens” – auf Albanisch und auf Deutsch.
Matthias Nawrat, 1979 in Opole, Polen geboren, kam als Zehnjähriger nach Bamberg, studierte Biologie und arbeitet als Wissenschaftsjournalist, Kulturkritiker und Autor. Er lebt in Berlin.
Sein Roman „Wir zwei allein“, ein Liebesroman aus der „Generation der Unentschlossenen“
erzählt von einem „vegetarischen Amour fou in Freiburg“, wie die FAZ es formuliert.

Die Preisträger stehen stellvertretend für die Idee, die Wolfgang Herles in seiner Laudatio für Marjana Gaponenko so formulierte: „Was wäre geschehen, hätte sich in Europa die Demokratie nicht unseligerweise mit dem Nationalismus verbündet! Das ist es, was sich die Generation Marjana Gaponenkos heute nicht mehr nehmen lässt: ein weitgehend grenzenloses, freies Europa, frei auch von den verheerenden Ideologien.“

INFO:
14. November, 19.30 Uhr: Lesung von Marjana Gaponenko, Anila Wilms und Matthias Nawrat bei bodo, Schwanenwall 36 – 38. Eintritt: 5 Euro.
Im Rahmen der Chamisso-Tage an der Ruhr, die der Verein für Literatur Dortmund e.V. mit dem Kulturbüro und der Robert Bosch Stiftung organisiert, gibt es eine Vielzahl spannender Veranstaltungen. Die Chamisso-Tage werden abgeschlossen mit einer großen Gala am 15. November innerhalb des LesArt.Festivals in den Räumen des Jazzclubs domicil.
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Bastian Pütter