30. Mai 2017 | Neues von bodo | Maren Wenzel

Die Sorge und die Revolution

Gabriele Winker im Interview

Gabriele Winker im Interview

„Arbeit ohne Ende wird zur alltäglichen Realität. Muße ist zum Fremdwort geworden“, sagt Gabriele Winker, Professorin für Arbeitswissenschaft und Gender Studies an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. In ihrem Buch „Care Revolution: Schritte in eine solidarische Gesellschaft“ sagt sie aber auch: Es gibt eine Alternative. Nämlich, die Bedürfnisse des Menschen in den Fokus zu stellen. Am 1. Juni ist die Sozialwissenschaftlerin zu Gast bei bodo, im Interview spricht sie über unbezahlte Arbeit, Solidarität und wie eine solche Revolution gelingen soll.

Viele Menschen beklagen immer weniger Zeit für sich, zu hohe Arbeitsbelastungen und Erschöpfung. Wer ist Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich: der einzelne Mensch oder die derzeitige Politik?

Das ist kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem. Derzeit stehen immer mehr Menschen vor der beständig schwieriger werdenden Aufgabe, den Balanceakt zwischen Erwerbsarbeit und unentlohnter Sorgearbeit für sich und andere zu meistern. In ihrer Erwerbsarbeit sind sie mit zunehmenden Flexibilisierungsanforderungen der Unternehmen, kontinuierlich steigendem Leistungsdruck sowie mit Löhnen konfrontiert, die häufig für den Lebensunterhalt zu niedrig sind. Gemäß dem neoliberalen Credo der Eigenverantwortung sind sie aufgerufen, individuell die hohen beruflichen Anforderungen mit den zunehmenden Aufgaben der Selbstorganisation und mit den gestiegenen Leistungsansprüchen in der familiären Sorgearbeit zu vereinbaren.

In Ihrem Buch geht es um Care, also Sorge-Tätigkeiten. Was sind für Sie solche Tätigkeiten und warum gehen sie uns alle etwas an?

Unter Care-Arbeit oder Sorgearbeit verstehe ich Tätigkeiten, die alle Menschen ausführen. Sie kümmern sich um sich selbst, um ihre Gesundheit, um ihre Weiterbildung, kochen für sich und andere Menschen, erziehen Kinder, beraten Freund_innen, versorgen unterstützungsbedürftige Angehörige. Teils findet Sorgearbeit entlohnt in Care-Berufen statt, etwa durch Erzieher_innen oder Pflegefachkräfte. Meist allerdings wird sie, vorwiegend von Frauen, unentlohnt in Familien geleistet und häufig auch gar nicht als Arbeit wahrgenommen.

Sie knüpfen aber auch an feministisch-marxistische Theorien an. Warum betrifft das Thema Sorge vor allem und immer noch Frauen?

Unter dem Stichwort Care werden vor allem von Feminist_innen politische, philosophische und wirtschaftliche Alternativen entwickelt und diskutiert, in deren Zentrum das Leben und seine Erhaltung stehen. Es wird darauf verwiesen, dass Menschen bedürftig und damit abhängig sind; nicht nur von Wasser, Luft und Nahrung, sondern auch von anderen Menschen, die einerseits benötigte Güter herstellen und sich andererseits direkt um sie sorgen. Gleichzeitig sind es überwiegend Frauen, die die sorgenden, die Care-Tätigkeiten ausführen. Für die nicht entlohnte Sorgearbeit in Familien erfahren sie keine gesellschaftliche Anerkennung. Entsprechend werden auch personennahe Tätigkeiten wie Betreuung und Pflege in staatlichen oder privatwirtschaftlichen Dienstleistungsbereichen, in denen weit überproportional Frauen erwerbstätig sind, gering entlohnt. Eine wesentliche Ursache ist, und hier beziehe ich mich auf grundlegende marxistische Erkenntnisse, dass all diese Care-Arbeit für die Wiederherstellung der Arbeitskraft unentbehrlich ist und möglichst wenig Kosten verursachen soll, um die Löhne niedrig und den Mehrwert und die entsprechenden Profite hoch zu halten.

Der Titel ihres Buches lautet „Care Revolution: Schritte in eine solidarische Gesellschaft“. Was bedeutet solidarische Gesellschaft für Sie?

Darunter verstehe ich eine radikal demokratisch gestaltete Gesellschaft, die an menschlichen Bedürfnissen und dabei insbesondere an der Sorge füreinander orientiert ist. In einer solchen Gesellschaft lassen sich die Bedürfnisse aller in ihrer Verschiedenheit befriedigen. Alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens – etwa Wohnen und Mobilität, die Herstellung von Dingen und eben auch die Sorge füreinander – sollten von allen Beteiligten gemeinsam geregelt werden können, ohne dass etwa Eigentum und Kapitalbesitz wenigen Menschen besondere Bestimmungsmacht verleihen.

Sie plädieren für einen Paradigmenwechsel weg von einer Profitmaximierung hin zu einer Ausrichtung der Gesellschaft an menschlichen Bedürfnissen. Warum ist das nicht weniger als eine Revolution?

Im heutigen Kapitalismus geht es um Profitmaximierung. Profite erfordern, dass Unternehmen Lohnabhängige einstellen. Denn im Unterschied zu jeder anderen Ware, so bereits Karl Marx, hat die Ware Arbeitskraft die Besonderheit, dass sie mehr Güter und Dienstleistungen produzieren kann als zu ihrer Reproduktion nötig ist. Diese Differenz, den Mehrwert, eignen sich die Produktionsmittelbesitzenden und streben danach, die Kosten für die Reproduktion der Arbeitskraft möglichst gering zu halten. Deswegen werden die Rahmenbedingungen für Sorgearbeit in Familien, aber auch in staatlichen Institutionen mangelhaft bleiben und unter permanentem Kostendruck stehen.
Darunter leiden die Menschen, die auf gelingende Sorgearbeit angewiesen sind – wir alle. Die Transformationsstrategie der Care Revolution, die mit einer grundlegenden gesellschaftlichen Neuausrichtung Sorge für sich und andere bedürfnisgerecht gestalten möchte, ist mit Kapitalverwertung nicht vereinbar. Care Revolution meint einen grundlegenden Perspektivwechsel.

Nun könnte man kritisieren, dass die Care-Revolution hohe Ziele hat, die derzeit schwer zu verwirklichen sind. Auch Sie schreiben, es sei erforderlich, einen Übergang zu dieser Gesellschaft beschreiben zu können. Welche Schritte müssen für Sie zu einer solidarischen Gesellschaft gemacht werden?

Zusammen mit vielen Mitstreiter_innen setze ich mich für folgende Schritte ein: Erstens ein ausreichendes Einkommen für alle, um die eigene Existenz zu sichern. Dazu sind ein substanzieller Mindestlohn nötig, ein bedingungslos gezahltes Grundeinkommen, eine deutlich bessere Entlohnung der Arbeit in Care-Berufen. Es braucht ausreichend Zeit, um neben der Erwerbsarbeit die Sorge für nahestehende Menschen und für sich selbst bewältigen zu können und Zeiten der Muße übrigzubehalten. Das bedeutet eine Arbeitszeitverkürzung für Vollzeit-Erwerbstätige mit Lohn- und Personalausgleich.

Zweitens: eine soziale Infrastruktur, die Sorge und Selbstsorge wirklich unterstützt: Das bedeutet u.a. den Ausbau eines kostenlosen Bildungs- und Gesundheitssystems sowie die Unterstützung von Selbsthilfenetzwerken und Commons-Projekten. Über eine Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums ist dies finanzierbar.

Drittens: echte Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungen, eine umfassende demokratische Selbstverwaltung, beginnend im Care-Bereich. Umsetzbar ist dies einerseits über sogenannte Care-Räte, die für die überregionale Abstimmung und die demokratische Kontrolle verantwortlich sind, und andererseits über Selbstbestimmung vor Ort, da sich viele Care-Projekte wie Gesundheitszentren, Kitas oder Bildungsangebote auch dezentral gestalten lassen. Und viertens: eine diskriminierungsfreie Gesellschaft: Das bedeutet, dass es keinen Ausschluss, keine Benachteiligung und keine Privilegien beispielsweise wegen der Herkunft oder der Staatsangehörigkeit, des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung, der körperlichen Leistungsfähigkeit oder der beruflichen Kompetenz gibt.

Am 1. Juni ist Gabriele Winker zu Gast bei bodo, Schwanenwall 36 – 38 in Dortmund. Ein Ziel ihrer Vorträge in unterschiedliche Regionen ist der Aufbau von regionalen und lokalen Aktionsgruppen. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei.