30. Oktober 2012 | Neues von bodo |

bodo auf der Frankfurter Buchmesse

Auf Betriebsausflug, Bildungsurlaub, Spendenfahrt: Wir waren auf der Buchmesse in Frankfurt. Verleger, Lektoren, Buchhändler, Autoren, hunderte Prominente, eine sechsstellige Zahl Besucher – und wir: Die Auszubildenden Sandra, Julia und Steffi, Buch- Chefin Suzanne und Bastian und Sandro aus der Redaktion.

Was bringt man mit von der Buchmesse? Bücher (ja, klar), Geschichten (diese hier) – und Möbel (Möbel?). Dazu später mehr. Es ist nicht mehr ganz früh am Morgen, als wir in Frankfurt ankommen, am ersten Tag Fachbesuchertag. Unsere Auszubildenden schwärmen gleich aus. Schon im letzten Jahr haben sie herausgefunden, dass bei den meisten Publikumsverlagen irgendwo eine Kiste steht mit Leseexemplaren für lesewütige Auszubildende.
Gleich am Eingang laufen wir in Daniel Cohn- Bendit hinein. Wir ein bisschen aufgeregt, er im professionellen Buchmessenstress – Termine, Termine. Die Kontraste sind bemerkenswert. Am Mittag spricht Cohn-Bendit auf einem der vielen Podien über die Zukunft Europas, und zehn Meter weiter bei der Frankfurter Rundschau ist Lady Bitch Ray im Haus. Die Bremer Rapperin ist eine sichere Bank für jedes Talkshowformat. Reyhan Sahin, Anfang Dreißig, ist nicht willens, einen Satz ohne Obszönitäten zu bilden. Reyhan / Ray ist promovierte Linguistin, Feministin im Männerberuf HipHop und eine einzige wandelnde Punchline – Einzeiler für jeden. Wir erfahren: Auch „Frau Merkel hat bitchige Züge“. Das Feuilleton freut´s und Dutzende Handykameras blitzen.
Das mit der Prominenz ist so eine Sache. Die Messe ist voll mit Menschen, die so offensichtlich wichtig sind, dass es einem ständig leicht peinlich ist, sie nicht zu erkennen. Andererseits erkennt man ständig Menschen, die man nicht auf einer Buchmesse erwartet.
Blogger und Irokesenträger Sascha Lobo spricht gerade in irgendwie dringlichem Ton in eine ZDF-Kamera, die den Weg versperrt, und irgendwie sehen gleich drei Frauen aus wie Donna Leon. Das ist der Hoëcker, tuscheln Julia und Steffi. Hoëcker, im Hauptberuf Comedian, hat etwas über Neuseeland geschrieben, das Gastland der Messe. Dutzende TV-Stars und -Sternchen haben für die Buchmesse offensichtlich auch einen Platz im Kalender freigehalten, und auch Arnold Schwarzenegger ist da. Der hat jetzt auch ein Buch und sich für´s Alter – er ist 65 – einen kalifornischen Professorentitel verleihen lassen. „Nach Terminator und Gouvernator kommt jetzt Educator“, findet er.
Aber eigentlich geht es um Literatur. An den Ständen vom großen Publikumsverlag bis zur Abteilung „Klein aber fein“ wird begrüßt und umarmt, verhandelt und interviewt. Am pompösen Suhrkamp-Stand lacht ein Lektor: „Das größte Familientreffen des Jahres und wieder fehlt der Kuchen.“ Zur Seite gewandt übersetzt er das Ganze ins Englische.
Wir treffen Burkhard Spinnen, Schriftsteller und Juryvorsitzender beim Klagenfurter Bachmann- Wettbewerb. Er hat seinen neuen Roman dabei, es geht – wirklich – um eine Liebesgeschichte, das Online-Rollenspiel World of Warcraft und um die Balkankriege. In einem realistischen Roman. Nebenan, auf der „Leseinsel der unabhängigen Verlage“ haben wir noch die Gelegenheit, Norbert Mappes-Niediek ein paar kurze Fragen zu seinem Buch „Arme Roma, böse Zigeuner“ zu stellen, dann muss der auch schon wieder weiter. Termine.
Im Vorbeigehen sehen wir: Dr. Eckart von Hirschhausen diskutiert von der Bühne herunter Beziehungsfragen mit einem wunderbar schlagfertigen Schriftstellerpaar, verheiratet seit 43 Jahren. Das Publikum: begeistert.
Die Presse ist natürlich auch da. Nicht nur mit Dutzenden Bild- und Textredakteuren, Kamerateams und Radioreportern, sondern auch mit eigenen Ständen. Die Promo-Studentinnen liefern sich einen harten Wettbewerb um die aufdringlichsten Probeabos, die „Zeit“ hat scheinbar ganz auf iPads umgestellt und Giovanni di Lorenzo ist live mindestens so charismatisch wie im Fernsehen. Allerdings fehlen hier die Talkshowsessel. Während er im Fernsehen mehr liegt als sitzt, ist er im Stehen ein ganz anderer, Typ Chansonnier, sehr cool.
In Halle 3.1 gibt es noch eine Art Installation zum Thema politische Presse. Vorne rechts der Messestand der nationalkonservativen „Jungen Freiheit“. Auf einem Banner: „Wo alle einer Meinung sind, wird meistens gelogen“. Gleiche Halle, hinten links, identisch gestalteter Messestand, die DDR-Nostalgiker der „Jungen Welt“. Deren Banner: „Sie lügen wie gedruckt. Wir drucken, wie sie lügen.“ Es wird also viel gelogen in der Mitte, weiß der Rand.
Apropos Esoterik: Auch hier ist das Angebot unüberschaubar. Viele Klein- und Kleinstverlage tummeln sich mit zum Teil obskurem Angebot. Am besten gefallen hat uns die klare Ansage in einem Vortrag, bei dem es um irgendwas mit einem göttlichen Weltenplan ging: „Meine Arbeit ist kein neuer Dogmatismus oder ein neues Glaubensobjekt, sondern ist ausschließlich Wissenschaft. Sie hat ganz gewiss nicht ihre Professoren und Doktoren, aber es verändert nicht die Tatsache, dass sie niemals umgestoßen werden kann.“
Recht haben ist schon schön, aber für immer Recht haben – großartig. Während man sich hier noch mit den Erleuchteten mitfreuen kann, ist die Verblendung anderswo ärgerlicher. Der Iran kann das Kopfgeld auf den Literaturnobelpreisträger Salman Rushdie kurz vor der Messe noch einmal erhöhen und eine zweite Todesfatwa gegen den in Deutschland lebenden Sänger Shahin Najafi verkünden – und wird trotzdem eingeladen. Ein übersehener Skandal. Was vielleicht auch an der wenig prominenten Ausstellungsfläche in Halle 5 liegt. Die Süddeutsche schreibt über die „Halle der Krisenländer“: „Serbien, Kosovo, Bulgarien, Albanien . . . Hinter Griechenland kommt nur noch Iran, dann kommt die Wand.“ So sieht´s aus.
Während die vermeintlichen Schmuddelkinder sich die letzte Ecke teilen, ist das Gastland Neuseeland so etwas wie ein postmodernes Arkadien, eine fast irreal dekorative Gegenwelt augenrollender Maori, freundlicher Hobbits und, ja, blöder Schafe. Natürlich ist das eine völlig unqualifizierte Behauptung, und bestimmt gibt es hier jede Menge gute Literatur zu entdecken, aber so ein bisschen nach Flucht vor der bösen Realität zwischen Eurokrise, Syrien, Afghanistan und China wirkt die Wahl des Gastlandes schon.
Aber das gehört eben auch zur Buchmesse, genauso wie die „Gourmet-Gallery“. Hier wird nicht gemalt, sondern gekocht. Live und international. Die Stars der gefühlten hundert Kochshows geben sich die Pfanne in die Hand. Natürlich nicht, lernen wir. Der Profi bringt nicht nur die eigenen Messer, sondern auch die eigenen Töpfe mit. Und natürlich die eigenen Bücher. Köche reisen mit schwerem Gepäck. Wir freuen uns jedenfalls, dass unsere Kollegin Suzanne Präkelt hier ein sicheres Plätzchen für die Beute unserer Auszubildenden organisieren kann. Die schleppen Tüte um Tüte geschenkter Bücher an und schauen mitleidig auf den Redakteursnotizblock. Der hingegen ist voll mit einer Vielzahl von Eindrücken.
Die Gourmet Gallery leitet übrigens Barbara Roelle, und sie ist mit einigen anderen der Grund dafür, dass auch wir nicht mit leeren Händen nach Hause kommen. Frau Roelle hat mit uns Aussteller nach Spenden gefragt, denn schließlich ist viel von dem, was eine Woche Messe übersteht, danach abgeschrieben.
Es kam so viel zusammen, dass es Sonntag einen ganzen Transporter füllte: (Buch-)Spenden von El Tipico, G&U, Dorling Kindersley, dem Umschau- Buchverlag, Junfermann, Droemer Knaur, Schwarzkopf & Schwarzkopf und einigen anderen. Und: Die Einrichtung einer ganzen „Lounge“, gespendet von IKEA Deutschland. Vielen Dank an Maren Ongsiek und an das Team der Buchmesse, vielen Dank an die Spender und Unterstützer unserer Projekte! Das war richtig schön bei Euch!
Spät abends zu Hause raucht uns immer noch der Kopf und die Füße schmerzen. Ein Überblick? Fehlanzeige. Aber, wie gesagt, gelohnt hat es sich in vielerlei Hinsicht. Und nicht nur für uns: Wer nun in unseren Buchladen kommt, der findet da nicht nur noch schönere Bücher als sonst, sondern vielleicht auch eins, das Arnold Schwarzenegger in der Hand hatte. Oder eine der drei Donna Leons.