2. Juli 2014 | Straßenmagazin |

„Bleiben Sie in Bewegung.“

Anti-Obdachlosen-Stacheln und freundliche Vertreibung

Anti-Obdachlosen-Stacheln und freundliche Vertreibung

Als der Londoner Aktivist Andrew Horton im Juni ein Foto von Metalldornen vor einem Privathaus auf Twitter postete, ging eine Welle der Empörung durch die sozialen Netzwerke, weltweite Berichterstattung folgte. Die Aufregung um die „Anti-Homeless Spikes“ verdeckt, dass disziplinierende Architektur allgegenwärtig ist und längst ganz anders daher kommt.

Sie sehen martialisch aus und sollen es sein. Drei Reihen spitzer Stahlstacheln vor einem Wohnhaus in London machen klar: Wer hier einen Schlafplatz sucht, trifft auf hochgerüstete Gegenwehr. Die Nähe zu ebenfalls rustikalen Methoden der Tauben-„Vergrämung“ in Innenstädten ist offensichtlich. Zurecht empfanden Menschen weltweit die Machtdemonstration als menschenverachtend, 130.000 unterschrieben eine Online-Petition mit vorhersehbarem Erfolg: Die Dornen sind Geschichte. Und alles ist gut?

Gut ist, dass die Anti-Obdachlosen-Stacheln einen Prozess des Sichtbarmachens anstießen. In den sozialen Netzwerken zeigten Bilder aus aller Welt ähnliche Konstruktionen. Gut ist auch, dass einige Redaktionen bei der wohlfeilen Kurzzeit- Empörung nicht mitspielen wollten und stattdessen Betroffene auf die Allgegenwart der Vertreibungsarchitektur hinweisen ließen.

Und in der Tat geht es nicht um Dornen. Die stammen aus Zeiten, in denen noch ganz sprichwörtlich auf der eigenen Burgzinne – „My Home is my Castle“ – die Scholle gegen anrückendes Gesindel verteidigt wurde.

Ihnen folgte der Staat, der durch Disziplinierung Ordnung schuf, Schulen und Gefängnisse baute – im wahrsten Sinne „Einschließung“ betrieb. Seit dem 19. Jahrhundert wurden „Landstreicher“, Bettler, „Arbeitsscheue“ staatlich reglementiert, kriminalisiert, psychiatrisiert – und nach Möglichkeit „resozialisiert“. Kontrolle zielte sanktionierend auf die Seele des Individuums, das Ziel war „Heilung“, die (Wieder-) Eingliederung in die Gesellschaft. Im öffentlichen Raum begegnete die Macht den Unerwünschten als Polizei und als Verbotsschild – „Betreten des Rasens verboten“.

In vieler Hinsicht sind diese Zeiten vorbei. In der Kontrollgesellschaft schaffen Architektur, private Wachdienste und Videoüberwachung Zonen der „Ausschließung“. Der Modus heißt: „Tu, was Du möchtest, aber tue es an den dafür vorgesehenen Orten.“

Kontrolle heißt heute: Die Verteilung von Menschen im Raum. Die Innenstädte sind zunehmend entmischte Konsumzonen, in denen weit in den öffentlichen Raum ragende Außengastronomie Erholung für die Zahlungsfähigen verspricht, während die Parkbank durch bewusst unbequeme Kurzzeit-Sitzgelegenheiten ersetzt wird. Die Aufgabe der Kameras ist nicht in erster Linie zu erfassen, sondern zu sprechen. Sie sagen: „Hier nicht“. Dass sich Armut breit macht, verhindern abgeschrägte Ebenen, wie zufällig platzierte Betonklötze, malerische Findlinge oder dezente Gitter oder Geländer. Nett sieht das aus und meint: „Bleiben Sie in Bewegung.“ Die Unwirtlichkeit des öffentlichen Raums ersetzt den staatlichen Eingriff, der Platzverweis übersetzt sie für die Begriffsstutzigen.

Das ist alles irgendwie tolerant und gewaltfrei – und insgeheim gefällt es uns, dass ja hinter der Bahnlinie ein Platz für die Ausgestoßenen ist und hier im Licht ein sicherer Platz für die Einkaufenden, für uns. Aber es taugt nicht für Empörung. Dafür braucht es dann die Dornen.