7. Januar 2015 | Straßenmagazin |

Blackbox Abschiebung

Theaterbesucher durchlaufen ein „Aufnahmeverfahren“ mit zum Teil empörend privaten Fragen, müssen zur Seite treten, um Platz zu machen für syrische Flüchtlinge, die als Nicht- EU-Bürger freien Zutritt haben. Das „Einreise“-Tribunal ist gespielt, die Flüchtlinge sind echt. Der folgende Vortrag des Journalisten Miltiadis Oulios über die europäische Abschiebepraxis ist radikal, die eingespielten Filme, in denen Abgeschobene sprechen, sind erschütternd. Am Ende diskutieren Syrer mit Dortmundern. Eine hochemotionale Veranstaltung, eine Überforderung, ein denkwürdiger Abend im Dezember.

Abschiebung ist eine Blackbox. Fast 200 flüchtlingsfeindliche Demonstrationen gab es im letzten Jahr und mehr als 20 Brandanschläge. Gleichzeitig sammeln Tausende Kleidung und Spielzeug für Geflüchtete, Initiativen organisieren Sprachkurse. Es geht um die, die kommen.

Dass selbst hier geboren zu sein, nicht schützt vor Abschiebung, dass Abgelehnte oft die Kosten ihrer Haft in Rechnung gestellt bekommen, dass Abschiebung ein Versteckspiel ist, das mit Begriffen wie „Ausreiseeinrichtung“ operiert und sorgsam Abschiebung von „Zurückschiebung“ und „Überstellung“ scheidet, weiß kaum jemand. Familien werden in der Nacht abgeholt, Proteste in den Transitbereichen der Flughäfen schaffen es nicht in die Nachrichten.

Das Projekt „Blackbox Abschiebung“ hat Menschen, die hier nicht gewollt waren, ein Gesicht gegeben. Mit Digitalkameras dokumentierten sie ihr Leben nach der Abschiebung. Die 9-jährige Nadire zum Beispiel, geboren in Ahaus, die im für sie fremden Elend des Kosovo am meisten ihren Tornister vermisst, den sie nicht mitnehmen durfte – und hier auch nicht braucht. Die sich die Schuld für die Abschiebung gibt, weil sie einmal krank war und in der Schule gefehlt hat. Kurze Filme wie diese zeigt Miltiadis Oulios an diesem Abend, der aus diesen Geschichten ein Buch gemacht hat, verbunden mit einer schonungslosen Analyse einer Ideologie, die geschlossene Grenzen nur noch für die vermeintlich Armen aufrechterhält.

Befragungsszene – „Hatten Sie in den letzten Wochen hohes Fieber?“ Der Weg in die Blackbox führt nur über eine peinliche Befragung, entwickelt von der Aktionskunstgruppe Peng Collective, durchgeführt von Schauspielern des Ensembles.

Schwer auszuhalten ist „Blackbox Abschiebung“ schon in Buchform, aufwühlend und politisch radikal. An diesem Abend in der jungen Oper Dortmund trifft Oulios‘ Utopie vom Flüchtenden als Protagonisten eines Kosmopolitismus auf ein Publikum unter Spannung. Besucher, die gerade eine theatrale, aber bedrückende Einreisebürokratie durchlaufen haben und Menschen, die zu dem Bruchteil der Flüchtenden gehören, der es über die Mauern der Festung geschafft hat, hören: „Kosmopolitismus besteht heute darin, dass Rechte praktiziert und geschaffen werden, die über nationale Grenzen hinweg gelten. Dazu gehört das Recht, seinen Ort wählen zu können und nicht abgeschoben zu werden.“ Der Flüchtling nicht als Objekt von Großmut, sondern als selbstbewusst Handelnder – für Teile des Publikums eine Provokation und der Einstieg in eine kontroverse Diskussion.

Die 15 Syrer aus der Flüchtlingseinrichtung Grevendieks Feld in Lütgendortmund nehmen den Faden auf und erzählen von den zurückgelassenen Existenzen als Anwalt oder Arzt, vom Verdammtsein zum Nichtstun und vom Wunsch den Kontakt zur Aufnahmegesellschaft auszubauen.

Zuschauerraum – Am 9. Dezember diskutierten syrische Flüchtlinge mit Dortmunder Theaterpublikum einen Vortrag von Miltiadis Oulios. Eine Veranstaltung von bodo e.V. und Schauspiel Dortmund, unterstützt von Pro Asyl, European Homecare und dem Kulturbüro.

Said Arab, Übersetzer und Mitarbeiter von European Homecare, leistet Übermenschliches, übersetzt sowohl den Vortrag als auch die Diskussion parallel ins Arabische, und fällt dabei mehrmals bewusst aus der Rolle: Passagen über das Sterben auf dem Mittelmeer übersetzt er unvollständig, wissend, dass einige der Anwesenden nur knapp dem Tod auf See entgangen sind. Der Anklage einer Besucherin, dass es typisch sei, dass nur Männer der Einladung gefolgt seien, entgegnet er direkt, dass nach gemeinsamen Gesprächen die Mütter im Grevendieks Feld sich schließlich für den Verbleib bei den oft traumatisierten Kindern entschieden hätten. Dass einer der 15 seine Frau und die beiden ältesten Töchter bei einem Bombenangriff verloren hatte, verschweigt er dem Publikum.

Nach weit über drei Stunden ist die Erschöpfung mit Händen zu greifen. Wir bedanken uns bei Miltiadis, Said und den anderen und wissen: Nichts ist gelöst, aber es fällt Licht in die Blackbox, es sind Kontakte und es ist ein Anfang gemacht.