6. Januar 2015 | Kommentar |

Beim Frisör

Beschweren können wir uns wirklich nicht. Als soziale Straßenzeitung gehören wir zu den wenigen sozialen Einrichtungen mit eigenem Medium, und auch die KollegInnen aus den Lokalredaktionen von Zeitung, Radio und Fernsehen gehen meist freundlich und fair mit uns um. Mit Kritik kennen wir uns allerdings auch aus, die gehört schließlich dazu.

Schließlich „nerven“ Straßenzeitungen die eine Seite durch das Sichtbarmachen von Armut und provozieren die andere Seite damit, nicht radikal genug zu sein. Nun gut. Schwierig wird es in der Regel erst, wenn die großen Wochenzeitungen oder -magazine berichten. Im Dezember haben wir dem Zeitmagazin bei einer Deutschlandkarte der Straßenzeitungen zugearbeitet. Schöne Idee. Weil noch Text fehlte, durfte ein Redakteur ran und kippte mit Zeit-typischer Distinguiertheit ein paar Zeilen Überheblichkeit drunter: „Obdachlosenzeitungen sind so etwas wie die Friseure unter den deutschen Zeitungen, auch bei ihnen ist die Neigung groß, wortspielerische Namen zu tragen. (…) Wahrscheinlich stammen die Titel nicht von den Obdachlosen selbst, sondern von ihren im Trockenen wohnenden Beratern, die glauben, man müsste der Tristesse etwas Witziges entgegensetzen.“ Dem liberalen Bürgertum hätte man auch erzählen können, was Straßenzeitungen sind, dass die Auflage der deutschsprachigen so hoch ist wie die des Zeitmagazins (aber nicht sinkt), oder dass die „Berater“ zwar nicht am Kaminfeuer sitzen, aber auch gerne mal Journalisten sind. Bei Bedarf auch witzige.