20. Juni 2013 | Kommentar |

Beate Zschäpes Dortmunder Brieffreund

Mitte Juni wird bei einer Zellendurchsuchung in der JVA Bielefeld-Senne ein 26-seitiger Brief der mutmaßlichen NSU-Terroristin Beate Zschäpe gefunden. Interessanter als der inzwischen vielfach kolportierte Inhalt ist der Adressat.

Die Zelle in Bielefeld bewohnt Robin Sch. Der Dortmunder Neonazi schoss 2007 bei einem Raubüberfall in Dortmund-Brechten vier Mal auf den aus Tunesien stammenden Mustapha R., der schwerverletzt überlebte.
Obwohl Teil der Gerichtsakten ein Brief des Täters war, in dem er das Opfer als „Eselstreiber“ verunglimpfte, spielte die rassistische Gesinnung des Angeklagten im Prozess keine Rolle.
Wie beim dreifachen Polizistenmord des aus der gleichen Szene stammende Nazis Michael Berger 2000 und bei der Tötung des Punks Thomas Schulz durch den gerade wieder vor Gericht stehenden Dorstfelder Naziskin Sven K. 2005 erkannte das Gericht keine politischen Motive.

Robin Sch. hatte Kontakte zum „Blood & Honour“-Netzwerk und war nach WAZ-Recherchen Mitglied einer Combat-18-Zelle in Dortmund – mit Zugang zu Sprengstoff und Waffen. „Blood & Honour“ propagiert die „Kommunikation der Tat“, ideologisches Rüstzeug bei Combat 18 waren die sogenannten Turner-Tagebücher, deren Terrorkonzept vom NSU blutig umgesetzt wurde: Abgeschlossene Kleingruppen terrorisieren Fremde, ohne Bekennerschreiben zu hinterlassen.
Obwohl William L. Pierces Buch ein „Klassiker“ in der extremen Rechten ist, sah bei Polizei und Geheimdiensten niemand einen rassistischen Hintergrund der NSU-Mordserie.
Ob Beate Zschäpe Robin Sch. bereits vor ihrer Inhaftierung kannte und wie eng die Verbindungen zu den Dortmunder Nazis waren, ist weiterhin unklar. Fest steht: Die NSU-Ermittlungsakten belegen, dass den Mördern des NSU detaillierte Notizen aus Dortmund vorlagen, bevor sie im April 2006 an der Mallinckrodtstraße den Kioskbesitzer Mehmet Kubasik ermordeten.

Zu den nicht enden wollenden Skandalen um die Verstrickung staatlicher Stellen in die Morde liefert die Personalie Robin Sch. einen weiteren Aspekt: Im Prozess gegen Sch. belastete der seinen Kameraden Sebastian S. aus Lünen: „Er hat mir damals die Waffe in die Hand gedrückt und mich losgeschickt.“
Im Prozess 2007 wird klar, dass Sebastian S. bezahlter V-Mann des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes war. Ein Bielefelder Polizeibeamter stellte Strafanzeige wegen Strafvereitelung im Amt gegen Verfassungsschutz-Beamte, weil sie S. vor polizeilicher Verfolgung gewarnt und so die Strafverfolgung behindert hätten.
(Am Rande: Zurzeit sind 182 (!) mit Haftbefehl gesuchte Neonazis untergetaucht, ohne dass besondere Anstrengungen zu ihrer Ergreifung sichtbar wären.)

Zschäpes Brieffreundschaft mit Robin Sch. erinnert daran, dass der NSU kein unvorhersehbarer Sonderfall ist. 2011 schrieben wir: „Hier gibt es keine Einzeltäter und keine Einzigartigkeit der Taten, hinter ihnen steht keine Pathologie und kein neues ,Sicherheitsproblem', sondern die Exekution eines hundertfach formulierten Programms. Sie setzen nur in Konsequenz um, was ideologischer Kern des Neonazismus ist und mit täglichen Übergriffen eine Praxis vor dem Mord findet: Der rassistische Hass, die Ideologie des unwerten Lebens, die zynische Sprache der Vernichtung eint Tausende europaweit vernetzte Neonazis, auch bei uns vor der Haustür“.