24. April 2014 |

Ausbeutung in der Wurstfabrik

Ein norddeutscher Recherche-Krimi

Ein norddeutscher Recherche-Krimi
Foto: Mauricio Bustamante

Die Ausbeutung von osteuropäischen Wanderarbeitern durch Subunternehmer in deutschen Firmen ist leider nichts Außergewöhnliches mehr. Außergewöhnlich ist allerdings, was uns bei den Recherchen rund um die Zustände in einer norddeutschen Wurstfabrik passiert ist. – Straßenmagazin Hinz & Kunzt aus Hamburg

Kurz bevor wir darüber schreiben wollten, dass Ungarn um ihren Lohn betrogen und beim Wohnen abgezockt werden, bot uns die Geschäftsführung des Wurstherstellers Verhandlungen an. Sie stellte sogar Nachzahlungen in Aussicht – „aus karitativen Gründen“. Warum die Verhandlungen scheiterten und was wir danach erlebten, lesen Sie in diesem Recherchekrimi. Natürlich hätten wir gerne die Namen der beteiligten Firmen genannt, aber darauf haben wir verzichtet. Drohende Schadenersatzklagen könnten schlimmstenfalls das Aus für Hinz&Kunzt bedeuten. – Von Gabriella Balassa, Ulrich Jonas und Birgit Müller

Es sind regelrechte Hilferufe, die uns im Februar 2013 zum ersten Mal erreichen. Zahlreiche Ungarn beschweren sich via Internet über ihre Arbeitsbedingungen bei Subunternehmern auf dem Betriebsgelände eines norddeutschen Wurstherstellers. Die meisten Ungarn hatten eine Anzeige im Internet gelesen: 8 Euro Stundenlohn, Deutschkenntnisse nicht erforderlich, Wohnung werde gestellt. Dann die Realität in Norddeutschland: Sie müssen bei einem Subunternehmer einen Vertrag unterzeichnen, Was drin steht, verstehen sie nicht. Denn der Vertrag ist auf Deutsch. Es gibt zunächst keine reguläre Abrechnungen, sondern Geld aus der Plastiktüte. Mal 50 Euro, mal 100 Euro. Was sie nicht wissen: dass sie keinen Arbeitsvertrag, sondern nur einen Werkvertrag haben und somit als Selbstständige gelten. Eine der geprellten Ungarn ist Viktoria, eine alleinerziehende Mutter. Schweren Herzens, sagt sie, habe sie den Job im Ausland angenommen und ihren Sohn bei der Oma gelassen. 1000 Euro netto im Monat wurden ihr versprochen. Sie hofft, damit genug Geld für sich und ihre Familie zu verdienen. Stattdessen bekommt sie pro Monat nur ein paar hundert Euro ausbezahlt. Im Vertrag ist von acht Euro Stundenlohn nicht mehr die Rede. Stattdessen: Acht Euro bekomme sie, wenn sie zehn Paletten mit Wurst beladen hat. Ein ganz mieser Stundenlohn, denn sie und ihre Kollegen brauchen dafür manchmal den ganzen Tag.

Untergebracht sind die Ungarn in Wohnungen und Zimmern in den umliegenden Dörfern. Viktoria muss sich ein Dreibett-Zimmer mit zwei Unbekannten teilen, einem Mann und einer Frau. Das Zusammenleben ist schwierig, denn wer von der Nachtschicht kommt, weckt zwangsläufig den, der erst zur Frühschicht muss. 320 Euro kostet die Übernachtung monatlich – pro Kopf! Mitten auf dem Land kassiert der Vermieter also 960 Euro für ein Zimmer. Immerhin: Der Subunternehmer übernimmt die Hälfte der Miete.

Vermutlich hätte Viktoria die sonst auch gar nicht zahlen können. Denn sie bekommt oft so wenig, dass sie nicht weiß, wovon sie sich etwas zu essen kaufen soll. “Ich habe mich manchmal aus dem Müll ernährt”, sagt sie uns. Es fällt ihr sichtlich schwer, über das Erlebte zu sprechen. Wie ihr ein Vorarbeiter in die Knöchel getreten hat, wenn sie nicht gerade stand.

Nach drei Monaten war sie am Ende. “Ich spielte mit dem Gedanken an Selbstmord”, sagt die 43-Jährige. Im Februar 2013, als wir erstmalig  mit den Hilferufen der Arbeiter konfrontiert werden, kehrt Viktoria nach Ungarn zurück. “Meine Familie hat mir schließlich Geld geschickt, sonst wäre ich nach Hause gelaufen.”

Foto: Mauricio Bustamante

Aufruhr in der Wurstfabrik

Von derartigen Dramen bei den Ungarn wollen weder die Kollegen der Stammbelegschaft noch die Geschäftsleitung etwas mitgekommen haben. Erst im Mai 2013 trennt sich der Wursthersteller von seinem Subunternehmer. Warum so spät? “Ernstzunehmende Hinweise auf Probleme hatten uns zuvor nicht erreicht”, behauptet die Geschäftsführung.

Das stimmt nicht. Es steht sogar der Verdacht auf Schwarzarbeit im Raum. Bereits im Dezember 2012 hatte ein privater Arbeitsvermittler in einer E-Mail an die Geschäftsleitung des Wurstherstellers darauf hingewiesen, dass Arbeiter “von Ihrem Auftragnehmer … nicht ordnungsgemäß angemeldet” wurden. Seine Schlussfolgerung: “Also liegt hier Schwarzarbeit in einem nicht unwesentlichen Maße vor.”

Außerdem erstatten mehrere Ungarn im Dezember 2012 eine Anzeige bei der Polizei. Darin beklagen sie vorenthaltenen Lohn, fehlende Sozialversicherung und ungeklärten Sozialstatus. Ihre Papiere seien ihnen abgenommen, sie selbst von Mitarbeitern des Subunternehmers bedroht worden: “Wir haben eure Pässe, wir wissen, wo eure Familien wohnen, und wir kommen dann!”

Zeitgleich wird auch der Zoll informiert, zuständig für den Kampf gegen Schwarzarbeit und Sozialversicherungsbetrug. Doch die Behörde bleibt zunächst tatenlos: Es bestehe “noch kein hinreichender Anfangsverdacht”, schreibt sie in einer Mail. Erst rund sechs Wochen später, im Januar 2013, erscheinen Mitarbeiter des Zolls in der Wurstfabrik – und finden alles in bester Ordnung.

Wo waren die Schwarzarbeiter? Mehrere Ungarn erzählen uns, dass sie genau an den Tagen, an denen der Zoll auf dem Gelände der Wurstfabrik war, nicht zur Arbeit kommen sollten. Wir bekommen Arbeitszeitprotokolle von ungarischen Arbeitern. Und tatsächlich: Die Fehltage stimmen mit den Daten der Zollkontrolle überein.

Woher der Subunternehmer diese Information hatte, ist bis heute ungeklärt. Der Wursthersteller wusste laut eigener Aussage nichts von der bevorstehenden Zollprüfung. Der Zoll will sich dazu nicht äußern. Die Information unterliege dem Steuer- und Sozialdatenschutz, so die lapidare Antwort.

Unangenehm wird es für den Wursthersteller erst im Mai 2013. Eine ungarische Tageszeitung berichtet über die Klagen der Fabrikarbeiter. Da geht es dann ganz schnell: Die Geschäftsführung beendet die Zusammenarbeit mit dem dubiosen Subunternehmer.

Am Pfingstsonntag 2013 tritt ein neuer Dienstleister auf den Plan, eine bundesweit tätige Unternehmensgruppe. Wanderarbeiter aus Osteuropa werden nun über deren Firmen angestellt. Aber zu denen haben wir keinen Kontakt. Zunächst jedenfalls.

Die Geschichte der geprellten Ungarn wollen wir aber trotzdem veröffentlichen. Im November nehmen wir deshalb Kontakt zum ehemaligen Subunternehmer auf, der den Ungarn noch Lohn schuldig ist, und zum Wursthersteller.

Normal: Der Subunternehmer sieht keinen Grund für Nachzahlungen. Wir wissen sowieso, dass diese Firma unseriös ist. Wochenlang waren die Arbeiter nicht angemeldet, nicht mal krankenversichert, Lohnabrechnungen wurden – wenn überhaupt – erst nachträglich erstellt.

Die Geschäftsführung des Wurstherstellers reagiert erst mal gar nicht. Was dann passiert, ist sehr bizarr. Der Betriebsrat ruft an. Ausgerechnet das Gremium, das sich um die Belange der Arbeiter kümmern sollte. Ob wir nicht auf eine Berichterstattung verzichten könnten, bittet er. Er und die Stammbelegschaft sehen sich in der Opferrolle: Bei negativer Presse stünden Hunderte von Arbeitsplätzen auf dem Spiel. Kein Wort des Bedauerns wegen der ungarischen Kollegen und dem, was ihnen widerfahren ist. Nicht einmal das Versprechen, sich in Zukunft besser zu kümmern. Vielleicht verständlich: In der Fleischindustrie  ­- und das wird in der Wurstindustrie vermutlich bald auch so sein -, wird immer öfter die ausgebildete und teurere Stammbelegschaft durch Wanderarbeiter zu Dumpinglöhnen ersetzt. Bei diesem Überlebenskampf kann keine Solidarität entstehen, was den Abbau der Stammbelegschaften allerdings eher beschleunigen dürfte. Wir wollen natürlich trotzdem unsere Geschichte schreiben.

Unsere Absage hat der Betriebsrat offensichtlich sofort an seine Chefs weitergeleitet. Denn jetzt meldet sich doch noch die Geschäftsführung. Besser gesagt, ein Anwalt. Der bietet unserem Anwalt an, Verhandlungen zu führen. Was man denn tun müsse, damit der Name des Unternehmens nicht genannt werde? Vielleicht, so lässt der Anwalt durchblicken, habe man ja tatsächlich “einen Fehler” gemacht. Und wenn den Ungarn noch Geld zustehe, dann sei man unter Umständen bereit, die Kosten zu übernehmen – “aus rein karitativen Gründen”. Rechtlich sei man dazu ja nicht verpflichtet ….

Da hat der Mann Recht. Einem Unternehmer ist es erlaubt, auf seinem Gelände Subunternehmer zu beschäftigen. So sollen saisonale Spitzen aufgefangen werden, ohne gleich neue Mitarbeiter einstellen zu müssen. Aber genutzt wird diese Möglichkeit vor allem, um Kosten und Löhne zu drücken. Die Verantwortung dafür haben dann die Subunternehmer – und zwar allein. Denn in der Regel haften nur die Subunternehmer, der Auftraggeber behält seine weiße Weste.

Ja, wir gehen gern auf die Verhandlungen ein. Es scheint uns der einzige Weg, wie die  Ungarn vielleicht doch noch zu ihrem Geld kommen könnten. Es geht um mindestens 100 Ungarn. Und wir hegen die leise Hoffnung, dass die Geschäftsführung in Zukunft tatsächlich darauf achten wird, wie die Arbeiter auf ihrem Betriebsgelände behandelt werden. Nicht aus juristischen Gründen, sondern aus moralischen.

Foto: Mauricio Bustamante

Berüchtigter Anwalt wird eingeschaltet

Wir hätten ahnen können, dass unsere Hoffnung enttäuscht wird. Denn nicht nur ein bekannter Medienanwalt verhandelt im Namen des Unternehmers, sondern auch ein Mann, der berühmt-berüchtigt ist. Aus Überzeugung vertritt er nur Arbeitgeber, was an sich sich ja nichts Ehrenrühriges ist. Aber seine Spezialgebiete sind der Ausstieg aus Tarifverträgen und die Kündigung von sogenannten Unkündbaren wie Schwangeren, Betriebsräten und Behinderten.

Es folgen wochenlange zähe Verhandlungen. Interessant für uns: Auch der Wursthersteller sieht sich als Opfer. Das Unternehmen hat nur wenige große Auftraggeber. Bei schlechter Presse würden die womöglich die Verträge kündigen. Der Wursthersteller stehe deshalb unter enormen Druck. Die Auftraggeber wiederum sind bekannt dafür, dass sie Einkaufspreise drücken, wo es nur geht.

Diesen Druck gibt der Wursthersteller ungebremst an seine Subunternehmer weiter. Die Summe, die das Unternehmen seinem Dienstleister bezahlt  – und die uns die Geschäftsführung vielleicht aus Versehen nennt -, reicht jedenfalls nicht, um ordentliche Löhne zu zahlen. Es sei denn, die Subunternehmer würden ehrenamtlich arbeiten.

Das Mitgefühl für die geprellten Ungarn hält sich beim Wursthersteller deutlich in Grenzen. Die Geschäftsführung will nur die Lohnabrechungen seines ehemaligen Subunternehmers und sein Zeiterfassungssystem heranziehen, um Ansprüche der Ungarn zu berechnen. Wir fordern: Die Aussagen der Betroffenen darüber, wie viel sie wirklich gearbeitet haben, müssen mindestens gleichwertig berücksichtigt werden. Denn mehrere Ungarn hatten berichtet, dass die Subunternehmer regelmäßig Stunden unter den Tisch fallen ließen. Und dass die Chips, die ihre Arbeitszeit erfassen sollten, nicht immer funktioniert hätten. Das wischt der Wursthersteller vom Tisch. Eigene Nachforschungen hätten “nur in geringem Umfang Fehler bei den Lohnabrechnungen ergeben”. 18 Beschäftigte habe man sogar selbst übernommen …

Keine Rede mehr davon, dass man einen Fehler gemacht habe. Eine Vereinbarung darüber, wie man künftig die Ausbeutung der Arbeiter auf dem eigenen Gelände verhindern könne, kommt für ihn schon gar nicht in Frage. Da haben wir die Faxen endgültig dicke und brechen die Verhandlungen Anfang Januar 2014 ab.

Foto: Mauricio Bustamante

Wir sind frustriert: Wir haben für die geprellten Ungarn nichts gewonnen und wertvolle Zeit verloren. Aber schon ein paar Tage später wenden sich wieder Arbeiter an uns. Sie sind bei dem neuen Subunternehmer des Wurstherstellers beschäftigt. Einer von ihnen ist Jozsef. Auch er kam über ein Inserat nach Deutschland. Versprochen wurden ihm: 8,60 Euro, Deutschkenntnisse nicht erforderlich, Unterkunft in der ersten Zeit frei. Auch er musste einen Vertrag unterzeichnen, dessen Inhalt er nicht verstand. Was er allerdings sah: dass da plötzlich ein Stundenlohn von nur 6,80 Euro auftauchte. Untergebracht wurde er erst in einem überfüllten Haus, dann mit drei anderen in einer Kellerwohnung. Dafür wurden ihm 300 bis 350 Euro monatlich vom Lohn abgezogen. “Gesagt wurde mir das vorher nie”, sagt Jozsef.

Nie kam er über 550 Euro, obwohl er Vollzeit und mehr arbeitete. Der Gipfel: Zusätzlich zu seinen Schichten übernimmt er noch den Fahrdienst, holt mit dem Firmenwagen die Kollegen vor der Schicht ab und bringt sie danach wieder nach Hause. An manchen Tagen ist er von 4 Uhr morgens bis nachts auf den Beinen. Ab und zu schläft er sogar im Auto, weil es sich nicht lohnt, in die Unterkunft zu fahren. Die Fahrzeiten tauchen in seiner Lohnabrechnung nicht auf und wurden nie bezahlt. Stattdessen wird er für den Service, im Auto zur Arbeit gefahren zu werden, zu Kasse gebeten und muss dafür monatlich 75 Euro bezahlen. Und wieder schien im Betrieb niemand etwas zu merken. Obwohl Jozsef oft zusammen mit deutschen Kollegen eingesetzt war, und obwohl die kaum glauben konnten, wie wenig er verdiente.

In der Kantine des Wurstherstellers wurde der Lohn ausbezahlt. “Ich habe Männer und Frauen weinen sehen, weil sie so wenig Geld verdient hatten, trotz harter Arbeit”, sagt Jozsef. Aber das Geld allein ist es nicht, was ihn und die anderen so fertig gemacht hat. “Es geht mir darum, wie wir behandelt wurden”, sagt der ehemalige Kneipenwirt. “Wir wurden jeden Tag erniedrigt. Jeden Tag wirst du als Mensch gebrochen, es wird dir gezeigt, dass du nichts wert bist!'”

Genau das ist der Grund, warum wir unbedingt die Geschichte von Viktoria, Jozsef und den anderen erzählen wollen. Wir finden, dass kein Mensch eine derartige Behandlung verdient hat. Und dass wir letztlich an unserem eigenen Ast sägen, wenn wir zulassen, dass die eine “Sorte” Arbeiter gegen die andere ausgespielt wird. Denn die Lohnspirale geht dann immer weiter runter. Inzwischen sollen übrigens auf dem Gelände des Wurstherstellers auch Rumänen arbeiten – für vier Euro die Stunde. Vermutlich bekommen auch davon weder die Belegschaft noch die Geschäftsführung etwas mit.

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