2. Juni 2015 | Straßenmagazin |

„Aus Konflikten entsteht Innovation.“

Die Dortmunder Nordstadt leidet unter anderem an den Bildungserfolgen, die sie produziert. Teilhabechancen von jungen Migranten sind im Ruhrgebiet um ein Vielfaches besser als im ländlichen NRW. Gesellschaftliche Konflikte verweisen auf gelingende Integration. Der Dortmunder Aladin El-Mafaalani forscht als Professor für Politikwissenschaft an der FH Münster und irritiert mit harten Fakten scheinbare Gewissheiten. Wir trafen uns mit ihm auf dem Dortmunder Nordmarkt.

Text: Bastian Pütter Fotos: Sebastian Sellhorst

bodo Über sogenannte Problemstadtteile wie den Dortmunder Norden wird so unterschiedlich gesprochen, dass es sie mehrfach zu geben scheint. Wir sitzen bei schönstem Frühlingswetter auf einem Nordmarkt voll spielender Kinder. Was sieht der Sozialwissenschaftler?

AE In der Tat ist das hier heute wahrscheinlich einer der entspanntesten Orte der Stadt. Als Wissenschaftler schaue ich mir den Forschungsstand an und analysiere Referenzpunkte: Was ist der Vergleichsfall, woran man erkennt, ob ein Stadtteil schlecht oder gut ist? Das kann man statistisch machen, dann müsste man sagen: Die Dortmunder Nordstadt gehört zu den drei schwierigsten Stadtteilen in NRW und wahrscheinlich in die Top 10 Deutschlands. Vergleicht man Bedrohungslagen – ist es gefährlich, hier entlang zu laufen – mit ähnlichen europäischen Städten im Strukturwandel mit hoher Arbeitslosigkeit, dann ist es unglaublich entspannt hier.

bodo Keine No-Go-Area, aber eine sich zuspitzende soziale Situation?

AE Ja, die konkrete Situation ist schwierig. Es gibt viele soziale Problemlagen – in einem lange vernachlässigten Stadtteil, in den jetzt auch noch viel neue Zuwanderung kommt.

bodo Der Eindruck ist, dass es hier vor allem im Bildungsbereich große Anstrengungen gab und gibt. Ist das alles vergebens?

AE Wir haben das untersucht und festgestellt, dass sich im Bereich der Bildungsbeteiligung und der Bildungsaufstiege präzise messbar ganz erstaunlich viel verbessert hat – exakt seitdem man vor gut zehn Jahren angefangen hat, zu investieren. Das hat dann dazu geführt, dass genau die wegziehen, die von den Maßnahmen profitiert haben. Bildungsaufsteiger sind flexibel, Ausbildungsplätze gibt es kaum in der Nordstadt, meist finden diejenigen, die hier aufgewachsen sind, den Stadtteil auch nicht sonderlich attraktiv. Das führt dazu, dass Wohnraum frei wird, mit der Folge einer relativen Mietpreissenkung im Vergleich zur restlichen Stadt. Was dann wieder neue einkommensschwache Menschen anzieht. Der Eindruck ist dann nicht falsch, dass sich der Stadtteil nicht verbessert.

bodo Also schadet letztlich erfolgreiche Bildungsarbeit dem Stadtteil?

AE Erst einmal ist das positiv. Meine These vorher war: Es wurde viel Geld investiert und es hat nichts gebracht. Stattdessen kann man messen, wie erfolgreich die Anstrengungen sind. Man befähigt die jungen Leute, und das ist richtig so. Damit würde ich nicht aufhören. Aber, was wollte man? Den Stadtteil verbessern. Das sind andere Handlungsfelder: Die Feinstaub- und die Lärmbelastung ist im Vergleich zur ganzen Stadt ungünstig. Das hat man durch die Verlegung des Busbahnhofs in die Nordstadt noch verschärft. Die Wohnsubstanz ist ein Problem. Alle städtebaulichen Maßnahmen, die man in den letzten zehn Jahren hätte machen können, hat man versäumt. Es gibt trotzdem immer wieder Möglichkeiten, den Stadtteil lebenswerter zu machen. Dass Auswärtige herziehen ist eher unwahrscheinlich, aber dass die Aufsteiger hierbleiben, das muss man schaffen.

bodo Bislang ist es also so: Der, der kann, geht.

AE Das sorgt vor allem für zwei Problemlagen: Kommunalpolitiker werden nicht belohnt. Unwahrscheinlich, dass sie sich weiterhin für Förderungen einsetzen. Zweitens: Lehrer geben sich ungeheure Mühe, mehr als anderswo, und produzieren Erfolge – mit dem Ergebnis, dass der nächste Jahrgang tendenziell noch schwieriger wird. In der Praxis sieht man die Erfolge nicht. Ich halte einen kommunalen Finanzausgleich für die beste Lösung: Köln und Düsseldorf profitierten von den Aufsteigern, in die hier investiert wurde. Die eine Hälfte zieht in andere Stadtteile, die andere verlässt das Ruhrgebiet. Es wäre sinnvoll, dass aus den reicheren Kommunen Mittel zurückfließen.

bodo In der allgemeinen Wahrnehmung gelten viele Zuwanderer an einem Ort – Segregation oder Ghetto-Bildung – als das Integrationshemmnis schlechthin.

AE Das Gegenteil ist messbar. Je höher der Ausländeranteil, desto besser ist die Teilhabe von Kindern im Schulsystem. Je geringer er ist, z.B. im Münster- oder Sauerland, desto mehr sind sie benachteiligt, messbar an der Gymnasial- und der Förderschulquote. Es gibt nirgendwo gleiche Teilhabechancen für Migranten. Im besten Fall sind die Chancen halb so gut, im schlimmsten aber nur 1 zu 10. Das alles innerhalb von NRW, bei gleichem Schulrecht und gleicher Schulministerin. Konkret: Ich würde Migranten empfehlen, ihre Kinder in Dortmund oder in Köln und nicht in Münster oder in Coesfeld zur Schule zu schicken.

bodo Woran liegt das?

AE Wir haben vier Effekte ermittelt. Wo viele Migranten leben, gelingt es ihnen erstens besser, ihre Interessen durchzusetzen, und zweitens sind Lehrer besser auf die Arbeit mit ihnen eingestellt. Wo es wenige gibt, sind Rassismen weiter verbreitet. Der vierte Effekt ist, dass Schüler aus der Mehrheitsgesellschaft z.B. im bildungsbürgerlich geprägten Münster besser sind als in Dortmund. Da Benotungen im Verhältnis erfolgen, haben es Migranten dort schwerer. Die ersten drei Punkte müsste man Diskriminierung nennen, den vierten ein Schulsystem, das nicht richtig funktioniert. Alle vier Effekte haben eine Wirkung. Wir erforschen zurzeit, wie stark sie jeweils sind.

bodo Sie sagen: Gelingende Integration führt zu Konflikten. Wie ist das zu verstehen?

AE Vielleicht mit einem Beispiel aus dem wirklichen Leben: Ein Frau putzt 20 Jahre lang an einem Gymnasium. Sie hat keinen Schulabschluss, ist Analphabetin, trägt Kopftuch. Sie stört nicht. Irgendwie schafft sie es, dass ihre Tochter Abitur macht. Die studiert – Deutsch auf Lehramt – und möchte an der gleichen Schule unterrichten. Weil sie wie ihre Mutter ein Kopftuch trägt, geht es in mehreren Instanzen vor Gericht. Integration heißt, dass die, deren Eltern noch in der Ecke standen, nun mit am Tisch sitzen, vor dem gleichen Kuchen. Im nächsten Schritt wollen sie auch noch mitbestellen. Es gibt Ressourcenkonflikte, Verteilungskonflikte – um Jobs, Wohnungen, etc. – und Alltagskonflikte, weil Migranten im wahrsten Sinne sichtbar werden.

bodo Dagegen, dass Migranten mit am Tisch sitzen, hat sich die deutsche Politik lange gestemmt…

AE Bis zur Jahrtausendwende gab es in Deutschland zwei gegenläufige Positionen in der Zuwanderungsdebatte. Die eine, „Deutschland ist kein Einwanderungsland“, und die andere, „Multikulti ist toll“, bedeuteten jedoch auf der Handlungsebene das Gleiche: Wir müssen nichts tun, wir müssen uns nicht ändern, alles bleibt harmonisch. Alles drei stimmt nicht. Trotz dieser Haltungen hat Integration auch vorher erstaunlich gut funktioniert. Vergleicht man 1970 und heute in Bezug auf die Wohnverhältnisse, auf Sprachkenntnisse, Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft, Bildungsbeteiligung usw., werden die Ergebnisse immer günstiger, schneller als in jedem europäischen Land. Problematisch bleibt allein der Ausbildungsmarkt. Hier sind die Chancen von Migranten weiterhin schlecht.

bodo Um ihre Formulierung umzudrehen: Wir müssen etwas tun, uns ändern, es wird konfliktträchtiger?

AE Der Wunsch, dass Dinge so bleiben wie sie sind, ist legitim. Nur kommt man nicht darum herum, offener zu thematisieren: Der Wunsch ist unrealistisch. Der Orientierungslosigkeit – was ist „deutsch“, wenn es nicht mehr das Prinzip Abstammung ist – und den sich wiederholenden panischen Debatten muss man begegnen. Und man kommt nicht darum herum, die Rechtspopulisten aktiv klein zu halten, denn einmal in den Parlamenten, wird man sie nicht mehr los. Durch gelingende Integration steigt die Konkurrenz. In allen europäischen Ländern gab es deshalb einen Rechtsruck, Sarrazins gibt es in allen Einwanderungsländern.

bodo Gelingt es, die Mehrheitsbevölkerung mitzunehmen?

AE Es ist nicht so weit, wie es sein könnte. Bei den Älteren darf man keine besonderen Sprünge erwarten. Befragt man jedoch die unter 30-Jährigen – diejenigen, die die Zukunft gestalten – ist für die „deutsch“, wer Deutsch spricht. An zweiter Stelle kommt der Pass, andere Kriterien erreichen nur geringe Zustimmung. Da geschieht eine Menge. In den letzten Jahren sind Migranten als echte Vorbilder in Schlüsselpositionen vorgerückt, in Politik, Medien, Unternehmen, im Kulturbereich. In vielen Bereichen sind sie sogar überrepräsentiert. Während das oft übersehen wird, werden die Probleme der Zuwanderung überbetont. Insgesamt gilt: Wir müssen die entstehenden Konflikte produktiv machen, aus Konflikten entsteht Innovation.



Professor Aladin El-Mafaalani lebt in Dortmund. Er hat an der Bochumer Ruhr-Universität studiert, als Berufsschullehrer gearbeitet und 2011 über Bildungsaufsteiger aus benachteiligten Milieus promoviert. Seit 2011 ist er Professor für Politikwissenschaft und Politische Soziologie an der FH Münster.