30. August 2013 | Kommentar |

Arme Roma, böse Zigeuner?

Norbert Mappes-Niediek ist Journalist, als langjähriger Balkan-Korrespondent weiß er, wovon er spricht, wenn er über die Stromversorgung im bulgarischen Plovdiv und über die ungarischen Roma-Dörfer schreibt.

Mappes-Niediek war Berater des UN-Sonderbeauftragten für das ehemalige Jugoslawien, und das erklärt vielleicht auch den Duktus seines Buches. So seltsam es klingt, bei allen spannenden Reportage-Elementen ist „Arme Roma, böse Zigeuner“ ist vielleicht am ehesten ein „Roma für Dummies“, ein Ratgeber, klar und präzise in Sprache und Aufbau. Mappes-Niediek stellt Leitfragen, die die Leser bei ihren eigenen Ressentiments abholen: „Warum kommen sie und was suchen sie hier?“, „Werden sie überdurchschnittlich oft straffällig?“ oder „Sind sie eine Nation oder doch nur eine Unterschicht?“

Die strukturierenden Fragen beantwortet Mappes-Niediek unaufgeregt, mit Rücksicht auf konkurrierende Positionen, wo nötig mit knappen historischen oder politischen Exkursen. Er beschreibt anschaulich, lässt Experten zu Wort kommen, aber immer mit dem vorrangigen Ziel, überhaupt erst einen sinnvollen Zugang zur konfliktbeladenen und hochkomplexen Thematik verschafft.
Dabei ist „Arme Roma, böse Zigeuner“ keineswegs ein meinungsschwaches Buch. Für Mappes-Niediek ist die Behandlung der europäischen Roma Gegenstand einer „großen Ost-West-Kontroverse“: „Im Osten schiebt man das Problem auf das Verhalten und auf die Kultur der Roma, die nicht arbeiten wollen, ihre Kinder nicht zur Schule schicken (…). Im Westen schiebt man es auf die Diskriminierung durch rassistische Spießer. An beiden ist etwas dran. Aber in der Substanz des Arguments ist beides falsch.“
Die Lage der Roma, über die wir sprechen – sichtbar sei nur, wer dem Klischee vom armen, nicht integrierten „Zigeuner“ entspreche – sei ein soziales Problem: Von acht Millionen Arbeitsplätzen in Rumänien sind nur noch viereinhalb Millionen erhalten. Aus Vollbeschäftigung der meist weniger gut ausgebildeten Roma ist z.t. 90prozentige Arbeitslosigkeit geworden. „Kultur“ als Erklärung greife nicht.
Statt eine projektemachende „Gyspy Industry“ aus Nichtregierungsorganisationen mit Geld für nutzlose Antidiskriminierungsprogramme zu versorgen, müssten die wirklichen Probleme angegangen werden: „Sie heißen Armut, Arbeitslosigkeit, Bildungsmisere oder unterfinanziertes Gesundheitswesen.“
„Was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt“ – so der Untertitel des mit 200 Seiten schmalen Bandes – ist eine eine gelungene Orientierungshilfe und eine leicht und schnell lesbare Einführung für eine meist erstaunlich uninformiert geführte gesellschaftliche Diskussion.

Norbert Mappes-Niediek
Arme Roma, böse Zigeuner. Was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt“
Ch. Links Verlag 2012
16,90 Euro