27. August 2012 | Soziales |

Angst vor der Zwangsräumung

Jeden Dienstagabend versammeln sich Dutzende Wohnungseigentümer, die ihre Hypothekenraten nicht mehr zahlen können, in einem kleinen Gemeindezentrum in der Nähe von Madrids größter Stierkampfarena. Sie diskutieren über Strategien, wie sie gegen ihre Banken ankämpfen können. Bis zu 200 Zwangsräumungen werden täglich in Spanien vollstreckt. Sie sind damit ein Symbol für Spaniens seit fünf Jahren andauernde Wirtschaftskrise, die ausgelöst wurde durch einen Kollaps der Bauindustrie. Millionen wurden arbeitslos.

Leute, die zum ersten Mal zu diesen Treffen kommen, darunter viele Migranten aus Südamerika, stellen sich reihum vor und erläutern ihre Situation und wie nahe sie vor der Zwangsräumung stehen. Sie erzählen, wie sie ihre Jobs verloren haben, ihre Kreditraten nicht mehr zahlen konnten und vom Gerichtsvollzieher die Benachrichtigung über die bevorstehende Zwangsräumung bekamen. Die erfahrenen Mitglieder der „Plattform der Hypothekenopfer“ beraten die Neuankömmlinge, bereiten sie darauf vor, dass sie wahrscheinlich ihre Wohnung verlieren werden. Ebenso wird auf psychologische und rechtliche Beratungsangebote hingewiesen, insbesondere wenn jemand bereit ist auszuziehen, wenn die Bank im Gegenzug den ausstehenden Kredit erlässt.
Die „Plattform“ hat es im vergangenen halben Jahr geschafft, dass in dutzenden Fällen die Zwangsräumung aufgeschoben bzw. verzögert wurde. Mitglieder der „Plattform“ protestieren vor den zu räumenden Häusern oder Wohnungen und helfen den Betroffenen, eine neue Übereinkunft mit ihrer Bank auszuhandeln. Diese öffentlichkeitswirksame „Stopp den Zwangsräumungen“-Kampagne hat eine Welle des Widerstands gegen Banken befeuert. Die neue Regierung hat prompt Erleichterungen für Betroffene angekündigt, die Hypotheken während des großen Immobilienbooms aufgenommen hatten.
zwangsrumung reuters2Als der Tag der Zwangsräumung für Patricia Tapia gekommen ist, bringt sie morgens ihre Kinder zu einer Betreuungseinrichtung und wartet dann in ihrer Wohnung auf den Gerichtsvollzieher. Das Arbeitslosengeld der 28jährigen Ecuadorianerin war ausgelaufen und seit vier Jahren hat sie keine Raten mehr für ihre Hypothek zahlen können. Vor der roten Ziegelfassade des Apartmentblocks im Osten von Madrid filmen Kamerateams rund 100 Protestierende, die Bereitschaftspolizisten gegenüberstehen und Parolen gegen die Banken skandierten, die Arbeitslose aus ihren Wohnungen werfen. Als der Gerichtsvollzieher und ein Bankmitarbeiter schließlich erscheinen, kann Patricia sie mit Hilfe eines ehrenamtlichen Psychologen überreden, ihr einen Aufschub von 45 Tagen zu gewähren. Sie hofft, dass in dieser Zeit neue Regelungen durch die Regierung beschlossen werden.
Ein Jahrzehnt niedriger Zinssätze hat Spaniens Immobilienblase begünstigt. Nachdem der Markt 2007-2008 eingebrochen war, hatten Hunderttausende Immobilienbesitzer Schulden, die den Wert ihrer Immobilie weit überstiegen. Gleichzeitig stiegen die Zinsen und damit die Rückzahlungsraten für Hypothekenkredite mit flexiblem Zinssatz.
In Spanien hat sich die Zahl der Zwangsräumungen von Wohnungen, deren Besitzer ihren Kredit nicht mehr abzahlen konnten, im vergangenen Jahr gegenüber 2008 auf über 50 000 fast verdoppelt. Während dieser Zeit schnellte die Arbeitslosenquote auf 23 Prozent. Migranten mit geringem Einkommen wie Patricia sind besonders häufig betroffen. Einmal arbeitslos, haben sie keine Möglichkeit, ihre Hypotheken zu bedienen, die wiederum mit Immobilien gesichert sind, die nicht verkauft werden können. Immobilienpreise fallen kontinuierlich seit vier Jahren und ein Ende ist nicht in Sicht.
zwangsrumung reuters3„Diese Leute hatten keine Ahnung, worauf sie sich einließen“, sagt Rafael Mayoral, ein Rechtsanwalt, der Kreditnehmern hilft. Laut Mayoral haben die Banken und Kreditvermittler gezielt Einwanderer aus Ecuador als Kunden umworben. Während des Booms sind die Ecuadorianer mit 400.000 zur drittgrößten Zuwanderergruppe im Land geworden, nach Rumänen und Marokkanern. Mit der Folge, dass es in den frühen 2000er Jahren für einen mittellosen Einwanderer leichter war, ein Haus zu kaufen als eines zu mieten. Vermieter verlangen meist eine Kaution von 6 oder 12 Monatsmieten, Banken hingegen vergaben zu dieser Zeit Hypothekenkredite ohne jede Anzahlung. Viele Ecuadorianer wurden auch deshalb in die Kreditfalle getrieben, da sie, für einen erfolgreichen Antrag auf Nachzug ihrer Familie aus Südamerika nach Spanien, den Nachweis von Immobilienbesitz benötigten. Manche Kreditvermittler agierten sogar unter dem Deckmantel einer karitativen Hilfsorganisation, die Einwanderern bei der Familienzusammenführung helfen.
„Risikomanagement gab es nicht. Kredite wurden für alles und an jeden vergeben“, sagt Jose Antonio Garcia Rubio, Wirtschaftsexperte der Vereinigten Linken, einer Oppositionspartei, die im Parlament eine Gesetzesinitiative eingebracht hat mit dem Ziel, die Regeln für Hypothekenkredite zu ändern. Banken sollen verpflichtet werden, Wohnungen an Arbeitslose, die ihren Kredit nicht mehr bezahlen können, zurück zu vermieten, sodass die Bewohner nicht noch obdachlos werden.
„Es war zu gut, um wahr zu sein. Es war Verführung, Verfolgung, Betrug“, sagt Aminta Buenano, Ecuadors Botschafter in Spanien. Sie hat ein kostenloses Hilfsprogramm für Rechtsberatung initiiert für die geschätzten 15.000 ecuadorianischen Familien, die Probleme mit ihren Banken haben.
Tapia erzählt, dass sie und ihr Ex-Lebensgefährte ungefähr 3.600 Euro pro Monat verdienten, als sie eine Hypothek von 285.000 Euro aufnahmen. Dann verlor sie 2008 ihre Arbeit bei einem Logistikunternehmen und die Aufträge für Gartenarbeiten ihres Ex-Partners blieben aus. Ihr Einkommen schmolz auf 400 Euro Arbeitslosenunterstützung.
Ihr Kreditgeber, die Bank „Bankia“, eines der spanischen Finanzunternehmen, die nun am stärksten von faulen Immobilienkrediten betroffen sind, brachte sie vor Gericht und ist nun Eigentümer des Hauses. Allerdings kann die Bank das Haus auf dem derzeitigen toten Immobilienmarkt nicht verkaufen und solange das Haus nicht wieder verkauft ist, muss Tapia die gesamte Hypothek nach wie vor abzahlen. Selbst wenn das Haus zu den momentanen, sehr stark gefallenen Preisen verkauft wird, schuldet Tapia die Differenz zwischen ursprünglichem und heutigem Kaufpreis der Bank.
„Das Haus gehört denen. Ich hoffe nur, dass mir der Rest der Schuld erlassen wird. Es ist eine ungeheure Belastung. Selbst wenn ich wieder Arbeit finde, wird die Bank einen Teil meines Gehalts pfänden“, sagt Tapia.

Text: Fiona Ortiz
Übersetzt aus dem Englischen von Jan Seyfried.
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