30. November 2012 |

Alles Gute zum Zwanzigsten

Geschichte kommt von schichten. Und manchmal ist es seltsam, was sich da alles überlagert. Man denke nur an den 9. November mit seinen Revolutionen und Pogromen. Es gibt aber auch Schichtungen, die sehen fast wie Absicht aus, wie eine schräge Form, Jubiläen zu begehen.
Hegel sagt, geschichtliche Ereignisse geschehen zweimal, Marx ergänzt: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.

Vor 20 Jahren brannten in Deutschland Flüchtlingsunterkünfte, Wohnhäuser von MigrantInnen, Menschen. Ende August 1992 hatten die Behörden die Zentrale Aufnahmestelle in Rostock-Lichtenhagen „überlaufen“ lassen. Hunderte Roma mussten unter menschenunwürdigen Bedingungen im Freien vegetieren. Das Bild für die „Asylantenflut“ war der Zünder für die Rostocker Pogrome, geschürt durch völkische Untergangsvisionen von „Spiegel“ bis „Bild“ und durch die Wut der bürgerlichen Mitte auf „Scheinasylanten“.
Politisch bedeutete der Notstand damals das Ende des Asylrechts, wie es das Grundgesetz vorgesehen hatte (6.12. 1992, noch ein Jubiläum). Gesellschaftlich war diese Erfahrung das Initiationsritual für eine Generation neuer Nazis. Sie wähnte sich, während sie MigrantInnen durch die Städte jagte, im Auftrag einer gar nicht so schweigsamen Mehrheit.
100 von ihnen bildeten später das Netzwerk rund um den „NSU“, der jahrelang unentdeckt zu gezielten Tötungen von Migranten durch die Republik reiste. Insgesamt starben seit dem Mauerfall 182 Menschen durch Rechtsextremisten, 149 Flüchtlinge brachten sich aus Angst vor Abschiebung um.
In dieser Zeit der schrecklichen Jubiläen (am 23.11. Mölln) müssen wieder Flüchtlingsheime „überlaufen“. Der Innenminister, dessen Apparat die rechten Mörder nicht entdeckte, aber durch V-Leute finanzierte, hetzt gegen „Asylbetrüger“ vom Balkan. Die Zeitungen hier und anderswo sprechen von Fluten, wo nur Rinnsale Verzweifelter kommen. Diese neue Schicht Geschichte, die wie handgemacht auf die alte passt: tatsächlich eine Wiederholung als Farce. Alles Gute zum Zwanzigsten.