17. November 2015 | Straßenmagazin | bp

„Aha“, sagt meine Depression und legt sich noch mal hin.

Kann man Depressionen ernst nehmen als das, was sie sind – eine lebensbedrohliche psychische Erkrankung – und gleichzeitig laut über sie lachen? Offensichtlich. „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ ist ein lakonischer Roman voll absurdem Humor, ein Ratgeber ohne Therapeutenton, ein Aufklärungsbuch für alle die glauben, Depression sei so etwas wie schlechte Laune – und ein Bestseller. Ein Gespräch mit seinem Dortmunder Autor.

bodo „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ ist eine Herausforderung für Buchhändler: Wo einsortieren? In Bochum haben wir es in der medizinischen Abteilung, Fachbücher Depression, gefunden. Was ist das für ein Buch?

Tobi Katze (lacht) Großartig. Naja, ich wollte gern einen Roman schreiben. Rowohlt sagte, mach das. Nun ist es ein „erzählendes Sachbuch“ und irgendwie auch ein biografischer Roman, ein Erfahrungsbericht meiner Bühnenfigur eben.

bodo Denn eigentlich heißt Du gar nicht Tobi Katze…

TK Genau, das ist meine Bühnenfigur. Für das Buch habe ich die Schraube weitergedreht und behauptet, meine Bühnenfigur sei ein echter Mensch, der wiederum unter einem Künstlernamen – Tobias Siebenleben – auftritt. Dieser Tobi Katze ist vorlaut, selbstsicher usw. – und ich fand es spannend, ihn eine Depression durchleben zu lassen.

bodo In Wirklichkeit teilt ihr beide diese Erkrankung. Wann hast Du angefangen, über Deine Depression zu schreiben?

TK Die Diagnose hatte ich schon eine ganze Weile, unter meinen engen Freunden war das bekannt. Dann hat sich eine Freundin von mir das Leben genommen, Heiligabend 2013 in ihrer WG eine Straße weiter. Sie war jemand, mit dem ich mich viel austauschen konnte darüber. Es war ein Schock, ich habe es nicht verstanden, ich war wütend. Und ich dachte mir: Wenn sie in der Öffentlichkeit anders, freier hätte darüber sprechen können, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen. Ich kannte das von mir selber, was dieses Versteckspiel für einen Druck aufbaut.

bodo Du hast daraufhin dein Blog „Das Gegenteil von traurig“ begonnen, das dann ziemlich schnell auf die Seite von „Stern online“ umgezogen ist.

TK Das war für mich die logische Konsequenz: Ich stehe zumindest ein wenig in der Öffentlichkeit, ich habe Depressionen, und ich traue mir zu, das irgendwie verständlich machen zu können.

Foto: Moma Artists

bodo In Deinem Blog hast Du geschrieben: „Wer nicht lesbisch oder schwul ist, aber unbedingt mal dieses herrlich beklemmende Gefühl eines klassischen ,coming out‘ erleben möchte – kann ja mal ganz feierlich den Satz ,Ich bin in Therapie‘ fallen lassen.“

TK Es war wirklich so. Ich hatte Angst davor und hab mich zuerst meiner besten Freundin anvertraut. Deren Reaktion war, wie man sich’s wünscht: „Ach so, aha, ok.“ Und dann war´s gut. Das war toll. Bei meinen Eltern war es eine andere Kiste, weil es da irgendwie eine sehr hohe Schamgrenze gab. Das war eine Hürde. Meine Eltern waren erst kurz geschockt, haben aber dann erstaunlich cool reagiert. Ich hab dann längere Zeit damit verbracht, zu erklären, was es damit auf sich hat, wie man am besten mit mir umgehen könnte, und so.

bodo Das klingt doch erst einmal ganz positiv…

TK Ich habe da einfach ein tolles Umfeld. Trotzdem habe ich immer noch das Gefühl, dass viel Unverständnis herrscht, dass aber langsam eine Bereitschaft entsteht, dazuzulernen, sich weiterzubilden. Wenn ich in andere Gruppen komme und es kommt das Gespräch darauf, höre ich aber immer noch „Mir geht´s auch manchmal nicht so gut“ oder „Ich bin auch mal traurig“. Depression ist eine Krankheit.

bodo Es gibt aber auch die andere Seite: Der bayerische CSU-Innenminister forderte nach der German-Wings-Katastrophe ein Berufsverbot für Depressive.

TK Das war grotesk und aus dem gleichen Unverständnis heraus geboren. Die Leute wissen nicht, was Depression ist, es ist aber offenbar etwas im Kopf – also entweder unverständlich und sehr gefährlich oder einfach nicht existent, ein Mangel an Disziplin oder Frohsinn.

bodo Der landläufigen Vorstellung von Depression widerspricht es, dass jemand ganz regelmäßig auf Bühnen steigt, gar Bücher schreibt. Wie ging das und wie geht das?

TK Ich hatte große Angst davor, dieses Buch zu schreiben. Das ist schon ein großes Projekt. Es hat funktioniert, weil ich eben schon weit bin in meiner Therapie, weil ich Bewältigungsstrategien schon erlernt hatte. Was die Aufritte angeht: Früher gab es Alkohol dafür. Das hat hervorragend funktioniert. Inzwischen trinke ich gar nichts mehr, nehme dafür aber Medikamente und bin mit der Psychotherapie durch. Diese Momente, in denen ich nichts machen kann, sind immer noch da. Ich habe dann aber meist noch immer genug Antrieb, das hinzubekommen, mich da hinzuschleppen und eine Show zu machen. Das ist körperlich anstrengend, und das sind Abende, wo ich reinkomme, mich abkapsle, mich hinsetze, für mich bin, rausgehe.

bodo Vom Ton her ist „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ gar nicht weit weg von Deinen Bühnentexten oder Deinem letzten Buch. Wir haben in der Besprechung zu „rocknrollmitbuchstaben“ geschrieben: „In seinen Geschichten zerfließt die Verabredung darüber, was da draußen tatsächlich passiert. Das ist beunruhigend. Und sehr, sehr komisch.“ Ist das wirklich noch komisch, wenn es um Depression geht?

TK Natürlich. Ich wollte dem Thema eine Leichtigkeit geben, etwas, über das man schmunzeln oder lachen kann, etwas Unterhaltsames, bei dem man etwas lernt. Eben kein klassisches Aufklärungsbuch, sondern etwas, bei dem das Gefühl rüberkommt, wie sich so ein Leben anfühlt, was alles dazugehört. Die Verantwortung war dann dabei: Wie kann ich das vernünftig erzählen, ohne zu verharmlosen und ohne dass die Erkrankung hinter dem Gag zurücktritt.

bodo Gibt es Leute, die sagen: „Darüber macht man keine Witze?“

TK Oh ja, ich kriege solche Post. Das ist das Internet, da wird man dann auch mal beschimpft. Aber: Jeder, der sich damit beschäftigt, was ich tue, sieht, dass ich mich nicht über Betroffene lustig mache, sondern höchstens über mich und vor allem über die Krankheit an sich. Die hat nämlich ganz schön seltsame Symptome. Es ist nicht schön, die zu erleben, wirklich nicht. Aber mit etwas Abstand betrachtet sind die einfach sehr, sehr lustig.

bodo Du triffst auf Leute, die Dich in der Rolle des Experten für Depression kennen 39 und ansprechen. Eigentlich machst Du Literatur. Wie oft wirst du angesprochen und Leute erzählen unaufgefordert, wie es ihnen geht?

TK Schon sehr oft, mir schreiben jede Woche Menschen und wollen Rat oder von ihrer Situation erzählen. Ich kann da nur sehr knapp antworten, weil ich das nicht so nah an mich ranlassen will. Ich schreibe dann: „Das ist total lieb, aber ich bin da nicht ausgebildet, ich rate Dir, such Dir Hilfe, hier sind Telefonnummern.“

bodo Hast Du Angst, in der Rolle des „Depressions-Profis“ steckenzubleiben?

TK Das ist für mich eine wichtige Frage. Ich trenne so gut wie möglich und sage in Interviews nicht: „Seht her, ich bin depressiv und das ist meine Identität“, sondern: „Ich bin Künstler, ich habe Depressionen, und ich beschäftige mich zurzeit künstlerisch damit, und das ist für euch interessant“ – Ich mache das jetzt und das hat auch ein Ende, damit ich eben nicht dieser Typ bleibe.

bodo Jetzt geht das Buch aber erst einmal auf die Bühne…

TK Genau. Ich habe ein Bühnenprogramm geschrieben, bei dem ich aus dem Buch lese mit Standup-Texten als Überleitungen. Daraus mache ich dann eineinhalb Stunden gute Abendunterhaltung (lacht). Zum Beispiel im Dezember bei bodo.

bodo Wir freuen uns drauf. Vielen Dank.

Tobi Katze
Morgen ist leider auch noch ein Tag.
ISBN 978-3-499-62927-3
Rowohlt | 9,99 Euro

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www.derkatze.de
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