14. November 2017 | age

860.000 Wohnungslose: Dramatisches Ausmaß

Foto: Sebastian Sellhorst | bodo

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) hat heute ihre aktuellen Schätzungen zur Zahl der Wohnungslosen in Deutschland veröffentlicht. 860.000 Menschen haben demnach keine Wohnung, im kommenden Jahr könnten es mehr als eine Million sein. 52.000 leben komplett ohne Obdach auf der Straße. Die Wohnungsloseninitiative bodo e.V. sieht die Entwicklung mit Sorge.

Die Zahl der wohnungslosen Menschen hat sich damit seit 2014 mehr als verdoppelt und auch in ihrer Prognose für 2018 geht die BAG W jetzt von einer doppelt so hohen Zahl an Betroffenen aus wie noch vor drei Jahren. Der starke Anstieg spiegelt sich auch in NRW und im Lokalen. In Dortmund verzeichnete die landesweite Wohnungsnotfallstatistik innerhalb eines Jahres einen Zuwachs um die Hälfte, auch in Bochum leben nach Angaben der Diakonie Ruhr mehrere hundert Menschen ohne Obdach.

Seit Jahren bekannt

Der krasse Mangel vor allem an bezahlbarem Wohnraum ist nicht vom Himmel gefallen, sondern seit Jahren bekannt. Die Mieten steigen, gleichzeitig sinkt das Angebot an bezahlbaren und an Sozialwohnungen massiv. Versuche von Bund, Ländern und Kommunen, hier gegenzusteuern, gelingen nur unzureichend. „Mittlerweile hat sich die Situation derart verschärft, dass Menschen, die ihre Wohnung verlassen müssen oder sie in einer Krisensituation verlieren, quasi keine Chance haben, schnell Ersatz zu finden“, sagt Oliver Philipp von bodo. „Noch vor wenigen Jahren konnten wir Menschen, die zu uns kommen, manchmal innerhalb von wenigen Wochen helfen, eine Wohnung zu finden. Heute ist das häufig aussichtslos.“ Aus Sicht von „bodo“ fehlt günstiger und bezahlbarer Wohnraum.
Die Fluchtzuwanderung der vergangenen Jahre, räumt die BAG W ein, habe die Gesamtsituation weiter verschärft. Rund die Hälfte der 860.000 Wohnungslosen sind Asylsuchende, die in Sammelunterkünften, ehemaligen Schulen oder Turnhallen auf ihre Anerkennung warten. „Daraus konstruieren RassistInnen eine Not durch Zuwanderung. Schuld sind aber nicht die Flüchtlinge, sondern eine verfehlte Wohnungspolitik, die seit den 2000er Jahren auf die Privatisierung staatlicher Wohnungsbestände setzte, um kurzfristig leere Kassen zu füllen“, so Oliver Philipp. „Am Beispiel Hannibal zeigt sich in Dortmund gerade sehr eindrücklich, welche Folgen das hat.“

Was auch Sicht des bodo e.V. auch fehlt, ist eine funktionierende Nothilfe. In Dortmund können wohnungslose Männer die Übernachtungsstelle nutzen, wenn sie Sozialleistungen beziehen und Sozialamt oder Jobcenter die Übernachtung zahlen alternativ zahlen Betroffene selbst. EU-Zuwanderer, die keinen Anspruch auf Leistungen haben, gelten ohnehin als freiwillig obdachlos und sind von der Nutzung der Unterkünfte häufig quasi ausgeschlossen. Laut der BAG W ist jeder zweite Obdachlose in den Metropolen aus einem EU-Land eingewandert. „Es kann nicht sein, dass Menschen in Not weggeschickt werden, weil ein Bundesgesetz das vorgibt. Zur Erinnerung: Kommunen sind ordnungsrechtlich zur Unterbringung verpflichtet. Diese Pflicht darf nicht beim Blick auf den Pass enden.“

Die aktuellen Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft finden Sie hier:
http://www.bagw.de/de/neues~147.html